Es ist eine dieser Grafiken aus der Hölle, die schon seit den Urzeiten des Internets kursiert: Auf einer Zeitlinie zwischen der Antike und dem Jahr 2000 zeigt sie ein Diagramm von „wissenschaftlichem Fortschritt“, dieser beginnt im alten Ägypten anzuwachsen, beschleunigt sich in Griechenland und dem Römischen Reich, und setzt dann während des „christlichen dunklen Zeitalters“ bis zur Renaissance aus.
Das ist keine wirkliche Statistik, hier steht keine Quelle oder Studie dahinter. Es ist wenig mehr als ein Witzbild, wie es sich dazumal die neunmalklugen Halbschlauen zuschickten, um sich in ihrer pubertären Naseweisheit rebellisch zu geben. Doch die Vorstellung einer sich beschleunigenden zivilisatorischen Entwicklung, die im „dunklen Mittelalter“ von der kirchlichen Bigotterie zum Stillstand gebracht wurde, ist tatsächlich noch verbreitet und hält sich hartnäckig.
Die Idee ist nicht neu; sie erlangte schon um die Zeit der Französischen Revolution Verbreitung. Das Denken der Aufklärung griff massgeblich auf eine Wiederentdeckung der Antike zurück, und dies wiederum wurde in Form eines Trugschlusses instrumentalisiert, wonach die Kirche einen voranschreitenden Fortschritt unterdrückt hätte. Ziel war es, die Kirche als politischen Widersacher der Revolutionäre anzugreifen. Diese plumpe Darstellung zerschellt allerdings bereits an der einfachen Tatsache, dass es die von der Kirche gegründeten Universitäten waren, die die Aufklärung überhaupt ermöglichten.
In einem klassischen Beispiel dafür, wie das Pendel bei solchen ideologischen Narrativen zurückschwingt, breitet sich derzeit eine Gegendarstellung aus, dass der Zerfall des römischen Reiches und das finstere Mittelalter gar keinen Rückschritt bedeuteten, sondern in Wirklichkeit eine Blütezeit waren – bloss eine schlecht dokumentierte. Das „finstere“ Mittelalter beziehe sich ja schliesslich nur auf die lückenhafte Quellenlage.
Doch auch diese Ansicht ist utopisch. Der zivilisatorische Rückschritt war offensichtlich, schliesslich war mit dem Ende des römischen Reiches eine dominante Hochkultur komplett in sich zusammengefallen. Dieser Aspekt ist nicht völlig falsch, bloss war dies keineswegs Schuld der Kirche – ganz im Gegenteil, die Kirche war gerade zu jener Zeit von politischen und kriegerischen Wirren eine der stabilsten Institutionen in Europa. Und die Kirche, trotz all ihrer Verfehlungen, war auch wesentlicher Treiber der europäischen Hochkultur der Neuzeit. Die Kirche war nicht anti-intellektuell, sie war das letzte Reduit von Wissenschaft und Humanismus!
Um das Jahr 1969 produzierte die BBC anlässlich der Einführung des Farbfernsehens eine Dokumentationsreihe, einfach betitelt „Civilization“.
Es scheint heute schwer zu glauben, doch tatsächlich produzierte damals ein öffentlich-rechtlicher Sender in Europa einen solchen hochintellektuellen Inhalt, ohne die heute allgegenwärtige links-woke Gehirnwäsche, in der Kunsthistoriker Kenneth Clark auf die Bedeutung und Entwicklung der europäischen Zivilisation eingeht, beginnend mit ihrem einstigen Zerfall in Form des Zusammenbruchs des Römischen Reiches. Dieser führte dazu, dass „während zweier Jahrhunderte das Herz der europäischen Zivilisation beinahe aufhörte zu schlagen“, bis sich anschliessend jedoch eine neue Blütezeit ausbildete.
Ein einprägsames Beispiel für jenes Zeitalter des Übergangs ist im Baptisterium von St-Jean de Poitiers zu finden, dem wohl ältesten erhaltenen christlichen Bauwerk Frankreichs. Die teils recht erbärmlich anmutende Architektur zeugt davon, wie im 4. Jahrhundert die römische Architektur wiederverwertet – sofern noch erhalten – und sonst krude nachgemacht wurde, ohne wirklich verstanden zu werden. Es ist ein Zeitzeugnis einer Zivilisation, die buchstäblich in den Ruinen einer höheren Zivilisation hauste.
Die Behauptung, das Ende des römischen Reiches und damit der Antike sei kein zivilisatorischer Rückschritt gewesen, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls demagogische Irreführung. Den historischen Revisionismus, der einst den hartnäckigen Mythos der antiintellektuellen, zivilisationsfeindlichen Kirche hervorbrachte, mit einem neuen, entgegengesetzten Revisionismus zu kontern ist gerade in einem Zeitalter, das gefährlich viele Symptome eines einsetzenden erneuten zivilisatorischen Zerfalls vorweist, nicht zielführend, um dieses mögliche Schicksal abzuwenden. Es ist gerade die Art von Antiintellektualismus, die es zu vermeiden gilt.
Weltanschauungen sind am stärksten, wenn sie ehrlich mit sich selbst und mit der Realität sind; sie werden nicht immer allen vollends gefällig sein, aber sie können sich auf der Stärke ihrer Standpunkte halten. Wenn man hingegen Weltanschauungen in Märchenerzählungen einwickelt, die schamlos das Blaue vom Himmel versprechen, können sich kurzzeitig grosser Beliebtheit erfreuen, werden aber unweigerlich an ihren eigenen Widersprüchen untergehen.
Letzteres ist genau das, was derzeit in Europa gesellschaftspolitisch markante Anfänge zeigt, indem die dominanten – wenn nicht politisch dann zumindest kulturell – links-progressivistischen Ideologien nach und nach mit den Realitäten konfrontiert werden, die sie selbst heraufbeschworen haben und mit aller Kraft der Manipulation und Zensur zu verbergen versuchen.
Es ist in diesem Moment, wo die Reaktion auf diese dahinsiechende Strömung vor einem Scheideweg steht, ob man jenes zutiefst makelbehaftete Vorgehen auf gleiche Weise kontern und damit denselben Lastern, vor der Realität in die bequeme Phanstasie zu fliehen, verfallen will, oder ob man den anfangs schwierigeren aber nachhaltigeren Weg gehen will, die Realität zu konfrontieren. In Paraphrasierung des biblischen Gleichnisses ist es der Moment der Entscheidung, ob man das Haus genauso auf Sand baut oder doch lieber auf einem Felsen.


Wenn man mal mit so einem konfrontiert werde der meint dunkles Mittelalter, weil Christliche Kirche, einfach fragen wie er es sich dann erklärt das nicht andere Erdteile in dieser Zeit den wissenschaftlichen Fortschritt gezogen haben. Arabien, Indien, China. Da kann die Kirche wohl schlecht Schuld sein 😉
Genau
Geschichte ist natürlich immer auch Deutung. In sie lässt sich ein immerwährender „Fortschritt“ (in was auch immer) genauso hineindeuten wie ein ständiges Erblühen und Vergehen von Kulturen, wie es Oswald Spengler getan hat. Für ihn hat sich im Mittelalter die geistig-seelische Substanz der abendländischen Kultur ausgeprägt, die in ihrem organischen Verlauf schließlich zu Erstarrung und Absterben führt (auch wenn unermüdlich weiter geforscht und entwickelt wird).
So haben wir heute den interessanten Zustand, dass unsere Kultur längst den Sterbeprozess angetreten hat, wir aber durch technische Entwicklungen in Unterhaltung, Kommunikation und Medizin immerhin bei Laune gehalten werden.