Wir schreiben das Jahr 2026 – oder besser: Tag 21 des Irankrieges, den einige Netzchronisten halb aus Spaß, halb aus Ernst als „Epstein War“ betiteln. Seit drei Wochen hat sich am grundlegenden Dilemma der US-Politik nichts geändert: Der Irankrieg ist seit der Sperrung der Straße von Hormus eine heiße Nadel, die in den aufgeblähten Ballon der Weltwirtschaft sticht. Trump kann sich hier eben nicht einfach zurückziehen, er kann sich auch nicht mit dem Status quo zufriedengeben, er muss handeln, um den Persischen Golf wieder zu öffnen, er muss außerdem dafür sorgen, dass die iranischen Attacken auf die arabische Öl- und Gasproduktion aufhören.
Genau das ist aber eine ungleich schwierigere Aufgabe, als, sagen wir einmal, das Stoppen der ukrainischen Herbstoffensive 2022 für die Russen, denn trotz der gewaltigen Kapazitäten der US-Streitkräfte zeigen sich doch ausgerechnet jetzt die fatalen Auswirkungen von Versäumnissen und Fehlkalkulationen, die in Zeiten des Friedens noch leicht beiseitegewischt werden konnten.
Das US-Militär ist eine gewaltige, eine unvorstellbar teure Kriegsmaschine. Ihr Potenzial ist trotz großmäuliger Beteuerungen von Seiten der Russen oder Chinesen unerreicht – aber jede Streitkraft ist besiegbar, wenn sie dazu gezwungen wird, einen Krieg zu führen, den sie nicht führen will. Das zeigte sich für die USA erst in Korea, dann mit voller Wucht in Vietnam. Nun stecken die USA abermals in der Patsche, weil ihr Anführer jegliche Einwände gegen einen Iraneinsatz beiseitegewischt hat. Es ist so etwas wie der Treppenwitz der Militärgeschichte, dass sich am Abend vor dem Kriegsausbruch kein Verantwortlicher zu fragen scheint, was er eigentlich im Falle eines Scheiterns seines Planes zu tun gedenkt.
Drei Entwicklungen machen deutlich, mit welchen existenziellen Problemen die Weltmacht nun anscheinend überraschend und unerwartet konfrontiert wird:
1.) Die Fähigkeit der U.S. Navy zum Räumen von Seeminen ist wegen der Ersetzung der Avenger-Klasse-Minensuchboote durch die Littoral Combat Ships (LCS) extrem eingeschränkt. Im Grunde genommen kristallisiert sich hier das Problem der meisten modernen Armeen: Statt eines Systems, das auf einen Aufgabenbereich spezialisiert ist, wollte man eine „eierlegende Wollmilchsau“. Dem militärisch-industriellen Komplex und der für das staatliche Beschaffungswesen obligatorischen Korruption sei Dank können die völlig überteuerten LCS alles Mögliche, nur davon eben nichts richtig. Unter anderem deswegen muss Trump nun bei den NATO-„Partnern“, die er zuvor unter anderem mit seiner Grönlandpolitik verärgert hat, um Hilfe betteln. Das allein ist schon extrem peinlich. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass das eine oder andere NATO-Land – zum Beispiel wir – der blamierten Weltmacht zur Seite stehen wird. Nur sind die Minen nicht die einzige Gefahr für die Schifffahrt im Golf. Solange die Iraner über die Möglichkeit verfügen, mittels Drohnen und Raketen die Tanker anzugreifen, so lange bleibt die Straße von Hormus defacto versperrt.
2.) Auf dem US-Flugzeugträger „Gerald R. Ford“ hat es gebrannt. Rund 600 der etwa 4.500 Besatzungsmitglieder haben derzeit keine bewohnbaren Unterkünfte mehr, der nukleargetriebene Gigant musste seinen Einsatz im Persischen Golf beenden und steuert nun für Reparaturen Kreta an. Das Feuer, das wohl in der schiffseigenen Wäscherei ausgebrochen ist, lässt sich vermutlich auf Sabotage zurückführen. Schon in der Vergangenheit verstopften Crewmitglieder das Abwassersystem des Flugzeugträgers mit T-Shirts, Tauen und anderen Gegenständen, denn die Stimmung an Bord ist aufgrund des langanhaltenden Einsatzes miserabel. Für die U.S. Navy bedeutet der Ausfall dieses Assets eine empfindliche Einbuße, viel schwerwiegender ist die schlechte Stimmung an Bord. Die Sinnhaftigkeit des Irankriegs lässt sich selbst professionellen Militärs nur schwer vermitteln. Wenn schon Soldaten Sabotageakte begehen – wohlwissend, dass dafür mehrere Jahrzehnte Gefängnis drohen – wie steht es dann erst um die Moral in der Heimat?
3.) Die Bestände an Tomahawk-Marschflugkörpern schmelzen empfindlich zusammen. Allein in den ersten 72 Stunden des Konflikts verschossen die US-Streitkräfte 400 dieser Systeme – das entspricht zehn Prozent des gesamten Bestandes! Operation „Epic Fury“ verschlingt aber nicht nur Angriffs‑, sondern auch Abwehrmittel. Die USA müssen daher Patriot-Abwehrsysteme aus Südkorea abziehen. Die Signalwirkung, nicht nur an Seoul, sondern in den gesamten pazifischen Raum, ist fatal. Der lange angekündigte „Pivot to Asia“ droht zu scheitern, die USA verlieren ausgerechnet unter Trump die Glaubwürdigkeit, im Falle einer chinesischen Machtausdehnung als Schutzmacht zu fungieren.
Was als geplanter Enthauptungsschlag gegen das iranische Regime begann, kann sich nun zum Grab der globalen Ambitionen Amerikas entwickeln. Die Weltmacht wankt, das US-Militär steht vor scheinbar unlösbaren Problemen und der Präsident verspielt den letzten Rest seiner Popularität. Die Vereinigten Staaten steuern harten Zeiten entgegen.


Interessante Sichtweise.