Das Echtzeitstrategiespiel „Age of Empires II“ ist womöglich eines der langlebigsten PC-Spiele aller Zeiten. Ursprünglich 1999 erschienen, erlangte es derart dauerhafte Beliebtheit, dass mit der Zeit aktualisierte und erweiterte Versionen produziert wurden, die der Grundmechanik und -ästhetik jedoch stets treu blieben. Der Pfeilschwanzkrebs unter den PC-Spielen, so perfekt, dass er keiner weiteren Evolution bedarf.
Nebst des beliebten Mehrspielermodus verfügt „Age of Empires II“ auch über einen Kampagnenmodus: Es besteht aus einer Reihe von Szenarien, die in ein historisches Geschehen eingebettet sind. Illustrierte Erzählungen begleiten diese Szenarien und schildern die Geschehnisse entweder aus der Sicht der historischen Figur selbst oder aus der einer anderen (manchmal fiktiven) Figur, die die Ereignisse vorträgt. Diese Erzählungen sind bemüht, innerhalb der Möglichkeiten historisch akkurat zu sein, wenn auch in vereinfachter und dramatisierter Weise. Jede Kampagne folgt den Ereignissen um historische Persönlichkeiten oder Völker; Beispiele wären Jeanne d’Arc, El Cid, Dschingis Khan oder die Burgunder.
Der Clou: Man erlebt nicht nur spielerisch das Schicksal der jeweiligen Fraktion, sonder kann im Rahmen der anderen Kampagnen auch die Rolle der Gegenseite übernehmen. So kämpft man in der Kampagne der Jeanne d’Arc auf Seiten der Franzosen gegen die Engländer. Doch in der Kampagne Burgunds kämpft man an der Seite der Engländer gegen die Franzosen und erlangt den Sieg, in dem man Jeanne d’Arc gefangen nimmt und den Engländern aushändigt. In der Kampagne um Tariq ibn Siyad wird die Eroberung Iberiens durch die Muslime nachgespielt; und in der des El Cid die Reconquista, die Zurückeroberung.
Hierbei werden in jeder Erzählung einer Kampagne die Ziele des jeweiligen Protagonisten als rechtschaffen dargestellt – rechtschaffen aus seiner Sicht. Man ist immer der Held einer jeden Geschichte, das Spiel selbst ergreift keine Partei, weil es alle Parteien zugleich ergreift; niemand ist gut oder böse, hat recht oder unrecht, sondern jede Figur sieht sich selbst im Recht und verfolgt ihre eigenen Ziele, und in jeder Erzählung wird man in diese Figur hineinversetzt.
Was banal klingt, ist in den heutigen Zeiten von bigotter Hypermoral geradezu rebellisch. Es impliziert einen moralischen Relativismus, wonach es historisch und gesellschaftlich gesehen kein richtig oder falsch gibt, sondern nur Menschen und Völker, die ihre – aus eigener Sicht stets rechtschaffenen – Ziele verfolgen. Was nun richtig oder falsch wäre hängt einzig von der Betrachtung ab: Für das islamische Imperium war es rechtschaffen, Iberien zu erobern – für die Spanier war es rechtschaffen, die Eroberer wieder zu vertreiben.
Gerade jene Phrase, auf der «richtigen Seite der Geschichte» zu stehen, ist sehr perfide. Denn welche ist schon die «richtige» Seite? Üblicherweise ist es entweder die eigene oder die Siegende. Denn ein endgültiges, allgemein anerkanntes Machtwort darüber, was nun absolut richtig oder falsch wäre, gibt es nicht – so sehr der sogenannte «moralische Universalismus» daran bemüht ist, dies zu behaupten. Denn tatsächlich ist dieser moralische Universalismus wenig mehr als eine säkularisierte christliche Moral, und wird durch keinerlei Legitimation untermauert, ausser jener unbelegten und unbelegbaren Behauptung, diese Vorstellung würde in Wirklichkeit jedem Menschen innewohnen.
Vom Universalismus wird vorgegeben, er sei der Ausweg aus den gesellschaftspolitischen Konflikten, da er als objektive Moralvorstellung gilt. Ironischerweise führt diese Ansicht genau zu dem, was sie vorgibt, zu verhindern. Nimmt man die moralisch relativistische Betrachtung an, so kann man akzeptieren, dass jeder Mensch oder jedes Volk die eigene Seite als die «richtige» Seite betrachtet. Dies schließt ein Verständnis für die Ambitionen des Anderen, des Feindes, mit ein: Ich sehe meine Ziele als rechtschaffen und verstehe gerade deshalb, dass der andere die seinigen ebenso als rechtschaffen ansieht. Dies bietet nicht gleich eine Lösung aller Konflikte, aber es erlaubt zumindest, die Beweggründe aller beteiligten Parteien – eigene wie fremde – zu begreifen und hierdurch, falls möglich und gewünscht, einen Lösungsansatz zu suchen.
Die universalistische Betrachtung ist hingegen völlig puritanisch: Es gibt nur eine richtige Betrachtung (zufälligerweise immer die eigene), alle anderen sind objektiv falsch. Dies ist für einen selbst viel bequemer, weil es jede moralische Ambiguität aus der Welt schafft, aber es führt auch zu unaufhaltbarem Fanatismus, da es kein Interesse und nicht einmal ein Verständnis über andere Ansichten zulässt, denn diese sind ja jetzt objektiv falsch – es führt also zu genau dem, was man den gewöhnlichen, eigennützig ausgerichteten Überzeugungen unterstellen will!
Die Konsequenzen dieses Denkens sind überall in der Gesellschaft zu betrachten: Sowohl in der Politik aller Grössenordnungen, wo niemals für das eigene Interesse, sondern für „das Gute“ und „das Richtige“ gekämpft wird; bis hin zum Alltag, wo bei den banalsten Dingen kaum jemand mehr fähig scheint, nachzuvollziehen, dass der Gegenüber genauso überzeugt von seinen Ansichten ist, wie einer selbst.
Ein simples PC-Spiel scheint diese komplexe Frage bewusst oder unbewusst verstanden zu haben. Es erlaubt dem Spieler, sich in verschiedene Rollen hineinzuversetzen, und erteilt hierdurch eine faszinierende Lektion darüber, dass die Menschheitsgeschichte nicht von Gut und Böse handelt, dass es keine richtige und falsche Seite der Geschichte gibt, sondern bloss Interessen und Ambitionen von Völkern und Nationen – und dass es legitim ist, für die eigenen einzustehen, zugleich man aber auch verstehe, dass andere ihre eigenen Ziele als ebenso rechtschaffen betrachten.
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