Das Fabulieren von einer geografisch quasi natürlich vorbestimmten deutsch-russischen Partnerschaft ist hier ähnlich blauäugig wie das Gefasel von der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Oder von den „europäischen Werten“, der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ und „dem regelbasierten Völkerrecht“ – hohles Blabla, das beim Irakkrieg etc. auch niemanden interessiert hat.Â
Bei all den schlüssigen Überlegungen einer östlich orientierten Ingenieurindustrie-Rohstoffe-Kooperation und einem westlich orientierten Militär-Märkte-Bündnis – denn günstige Energieträger und sichere Handelswege sind für eine Exportnation gleichermaßen wichtig – sind die USA und Russland am Ende beide lediglich eins: selbstbewusste Machtspieler, die Einflusssphären ihren Interessen folgend kontrollieren wollen. Und beide Staaten, ob Demokratie oder Autokratie, würden keine Sekunde zögern, Deutschland den Abhang hinunterzustoßen, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Der Deutsche hat bestmöglich zu spuren und sich unterzuordnen.
Will er dies nicht wie ein Knecht, muss er sich überlegen, wie sich Deutschland in einer zunehmend multipolaren Welt zwischen den beiden größten Machtblöcken aus israelisch-angloamerikanischem Kapitalismus und chinesisch-russischem Postkommunismus positionieren kann. Vasallentum, entweder in Form einer transatlantischen Überseeprovinz oder in Form eines eurasischen Fortsatzes, stellt keine patriotische Alternative dar. Deutschland sollte mehr sein wollen als nur ein Militärflughafen oder eine Seidenstraßen-Raststätte.
Doch ein starkes und autarkes (europäisches oder) deutsches Militär, das es ohne Rückbesinnung auf preußische Traditionen und patriotisches Pathos sowie ein „Mehr Stechschritt wagen“ nicht geben wird, ist speziell für Frankreich ein rotes Tuch. Schon in den 50ern erteilte der angebliche Co-Motor der europäischen Einigung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft eine klare Absage. Auf das aktuelle, in Wahrheit jedoch leere Gerede von „Zeitenwende“ und „Sondervermögen“ folgte wie bestellt französisches Murren, das sich unter einer rechten Regierung noch verstärken wird. Le Pen hat längst deutlich gemacht, dass sie beispielsweise eine Teilhabe anderer Nationen an der französischen Atomwaffen-Abschreckung ablehnt.Â
Wie werden wohl Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen reagieren, wenn bei täglichen Wachwechseln vor der Neuen Wache und Paraden an der Siegessäule neben eigenen deutschen Mittel- und Langstreckenraketen plötzlich auch wieder Pickelhauben, altehrwürdige Regimentsstandarten und blitzende Säbel präsentiert werden? Gibt es dann immer noch diesen jungen rechten Schulterschluss in Europa? Warum eigentlich nicht auch wieder das Eiserne Kreuz einführen? (Dieses haben anfangs auch Frauen erhalten – wenn das mal nicht den feministischen Zeitgeist und die gepriesene Kriegstüchtigkeit versöhnend verbindet.)
Die USA wiederum haben auch unter Trump trotz seiner ständigen NATO-kritischen Drohungen Zehntausende Soldaten in der BRD stationiert und nutzen ihre Basen hierzulande als Logistikzentren und Verteilerkreuze für ihre Aktionen in Europa, Nahost und Afrika – mit Sonderrechten. Der geo- und sicherheitspolitisch global denkende Trump sowie der unabhängig von ihm tief versumpfte militärische Komplex im Pentagon werden einen Teufel tun, diese strategisch wertvollen Stützpunkte komplett aufzugeben, selbst wenn die Vereinigten Staaten ihr Bündnisengagement wirklich signifikant verstärkt von Europa in den Pazifikraum verlagern sollten. Die momentan von Trump im Ärger über Merz’ Iran-Zurückhaltung losgetretene Prüfung einer hiesigen US-Truppenreduzierung und der geplante Abzug von mindestens 5.000 Mann wird die Stars-and Stripes-Flagge über Ramstein und am US-Oberkommando für Europa in Stuttgart nicht endgültig einholen. Leider!
Denn selbst wenn, dann wäre es eine einmalige Chance, dass der verunsicherte, gekrümmte und an der langen Leine festgebundene deutsche Riese endlich wieder alleine und aufrecht laufen lernt. Ärgerlich ist vielmehr, dass dieser Eskalationsschritt keineswegs überraschend kommt: Bereits 2020 während seiner ersten Amtszeit brachte Trump angesichts der hinterherhinkenden deutschen Rüstungsausgaben einen erheblichen Teilabzug der US-Streitkräfte aus Deutschland ins Spiel. Doch anstatt sich in der jüngsten Vergangenheit auf diese Möglichkeit einzustellen und vorzubereiten, hat die deutsche Politik, aber auch das liberalkonservative Parteienvorfeld untätig versagt.Â
Lieber hat man auch in den zurückliegenden sechs Jahren die einst vom ersten NATO-Generalsekretär Lord Hastings Ismay formulierte Gleichung „Die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten halten“ weiterhin akzeptiert und gefestigt, ja die Abzugspläne von „rechts“ sogar kritisiert und damit einmal mehr die Selbstaufgabe, Eindimensionalität und Ideenlosigkeit des bürgerlichen Lagers in der Bundesrepublik verdeutlicht. Ganz unten auf der Stolz-Skala: die Betonung der Arbeitsplätze bei den Yankees. Die tapferen Streikenden und Widerstandskämpfer gegen die Ruhrbesetzung von 1923 bis 1925 würden sich im Grabe umdrehen.
Die Zeit jetzt hätte genutzt werden können, ja müssen, um unter Hochdruck die 2020 wie heute blank dastehende Bundeswehr endlich strukturell, personell, materiell und vor allem ideell zu befähigen, selbstständig mit breiter Brust aufzutreten und ggf. NATO-Strukturen im eigenen Land alleine zu betreiben. Denn als Nation wie als Rechter duldet man nicht die Präsenz Zehntausender fremder Soldaten, sondern setzt alles daran, das Vaterland mit dem eigenen Volk zu verteidigen – es sei denn, man ist gar keine voll souveräne Nation. Dass die AfD hier kein geschlossen präsentiertes tragfähiges Alternativmodell en détail parat hat, steht auf einem anderen, allerdings gleichermaßen unrühmlichen Blatt.
Dieser Artikel war frei lesbar
Trotzdem kostet uns die Erstellung Zeit und Geld. Unsere Kolumnisten schreiben seit Jahren gegen den täglichen Wahnsinn der Bundesrepublik an. Mit einer Spende kannst du sie unterstützen.
Bankverbindung
Blutdruck Verlag UG
IBAN: DE04 3204 0024 0783 7735 00

