Das Wort „Fachkräftemangel“ müsste eigentlich als Unwort des Jahres – gar der Dekade – gelten. Es ist auf allen nur erdenklichen Ebenen perfide, sowohl das, was es aussagt, wie das, was es zu verschweigen sucht. Vom Klang her deutet es an, man befände sich in einem Wirtschaftswunder ähnlich der 50er Jahre, mit einem derart rasanten Wachstum, dass es verunmöglicht, genug spezialisierte Arbeiter für die Werke und Fabriken zu finden, in denen ein ausartender Wohlstand produziert wird. Schon diese offensichtliche Deutung der Nuance jenes Begriffs sollte für Gelächter sorgen, wenn man sich die trostlose Wirtschaftslage Europas ansieht.
Hört man aber genau auf den Diskurs um diesen mystischen „Fachkräftemangel“, so wird das Bild noch grotesker: Man spricht von Arbeiten, für die die Einheimischen sich angeblich zu fein sind; man fragt krakeelend, wer einem im Alter denn den Allerwertesten abwischen soll (was in sich schon zur kompletten Realsatire geworden ist); man spricht von Drecksarbeit, die sonst keiner machen will.
Als in den Vereinigten Staaten die Sklaverei abgeschafft werden sollte, sollen manche gefragt haben, wer denn dann die Baumwolle pflücken würde. Die Argumentation um den „Fachkräftemangel“ klingt erstaunlich ähnlich. Die Einwanderer sollen kommen, um die ganze Drecksarbeit zu erledigen, die angeblich sonst keiner machen will. Zu einem Hungerlohn, notabene. Ein Standpunkt der an Elendigkeit kaum zu übertreffen ist – worauf es also hinausläuft ist, man will sich eine Sklavenklasse importieren, die man dann ausbeuten kann.
Es gibt tatsächlich Berufszweige, wo es nicht immer einfach ist, genügend Arbeiter zu finden. Die Gastronomie ist so ein Fall. Wer jemals in der Gastronomie tätig war weiss, dass es ein harter Beruf ist: Die Arbeitszeit streckt sich über den ganzen Tag mit leeren Stunden dazwischen; man arbeitet oftmals an Wochenenden oder Feiertagen; man ist stundenlang auf den Beinen; vielleicht schwitzt man in der heissen Küche oder muss sich um unzufriedene Gäste kümmern. Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Aber die Gastronomie ist zugleich auch ein schöner und erfüllender Beruf: Man macht den Leuten Freude, man krönt ihre gemeinsame Freizeit, man serviert ihnen einen Genuss, der sie vielleicht für eine kurze Zeit ihre Sorgen und Nöten vergessen lässt, und sie denken lässt: Manchmal ist doch alles gut. Gastronomen die ihre Arbeit mit Herzblut machen, kommen oftmals nie wieder davon weg, sind noch bis im hohen Alter aktiv, schauen nach dem Rechten und packen mit an, wenn es mal nötig ist.
Solche Tätigkeiten zur „Drecksarbeit“ zu reduzieren ist eine niederträchtige Respektlosigkeit gegenüber dem jahrtausendealten Beruf des Gastwirtes. Doch genauso könnte man es über alle anderen „Drecksarbeiten“ sagen: Sei es die Müllabfuhr, die einen extrem wichtigen Dienst in der Sauberkeit spielt; Reinigungskräfte, die genau dasselbe in Häusern und Büros tun; Pfleger für Alte und Kranke Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind; Handwerker, die stundenlang auf Knien liegend einen Fussboden verlegen; und, und, und. Nein, es gibt keine Drecksarbeit!
Was es allerdings gibt, sind wohlstandsverwahrloste Helden des Proletariats, die selbst nicht den geringsten Respekt für harte und ehrliche Arbeit erbringen, die morgens vielleicht so um 9 Uhr mal aufstehen und im klimatisierten Büro einen Matcha-Latte (laktosefrei) schlürfen, während sie sich in Weltrettungsphantasien von sozialer Gerechtigkeit und „tax the rich“ sehnen. Wenn es Drecksarbeit geben sollte, dann wäre diese in erster Linie in den Büros zu finden, und nicht bei den Leuten, die sich die Hände schmutzig machen und Abends am ganzen Körper spüren, dass sie gearbeitet haben.
Vielleicht ist auch der Grund, dass für die „Drecksarbeit“ kaum noch Leute zu finden sind, der, dass genau jene Ideologien der „Arbeiterklasse“ diese Berufe durch ihren elitären und herablassenden Diskurs völlig entwertet haben und ihnen die Würde und Ehrbarkeit absprechen, die ihnen eigentlich zusteht – bloss, weil man dazu keinen Hochschulabschluss braucht oder weil der Lohn etwas dürftiger ausfällt. Wenn man den Berufen jedwede Bedeutung und Wertschätzung aberkennt, bleibt natürlich nichts mehr übrig als die rein materialistische Einschätzung: Wie viel Geld, wie viel Zeit, wie viel Anstrengung?
Früher, als es in Europa noch Völker und Kulturen gab, und nicht bloss administrative Wirtschaftsräume wie heute, hatten Berufe auch noch eine Bedeutung, die über das utilitaristisch-materialistischen hinaus ging. Sie waren mit Traditionen und Ritualen verbunden, mit Uniformen und Förmlichkeiten. Man sieht noch die letzten Echos davon, im schwarz gekleideten Kaminfeger, in der Tracht des Zimmermanns – aber es wird seltener, und viele legen kaum Wert mehr darauf. Immer weniger sind die Wirtschaften, wo die Bedienung zumindest noch weisses Hemd und Schürze trägt.
Kein anständiger Beruf ist Drecksarbeit, er wird erst dazu, wenn ihn eine Gesellschaft, die in nichts mehr einen Wert sehen will, was nicht messbar und quantifizierbar ist, abwertet. Und dann ist es auch nicht verwunderlich, dass immer weniger Leute sich diesen Berufen hingeben wollen. Denn ein Beruf, das sagt schon das Wort, ist mehr als nur eine Tätigkeit, um Geld zu verdienen; es ist eine Berufung, der Drang nach einem Schicksal, durch das man nicht nur selbst Geld scheffeln, sondern auch der gesamten Gesellschaft seinen Beitrag leisten will.
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Gut getroffen. Im Spengler’schen Sinne sind wir zur seelenlosen Gesellschaft geworden, die „messen und wiegen“ will. Betriebswirtschaftliche Nutzenerwägungen durchziehen alle Lebensbereiche. Die Neoliberalen und Marktlibertären in der AfD tragen dazu bei. Sie unterscheiden sich von ihren Gesinnungsgenossen in anderen Parteien nur dadurch, dass sie noch ein Deutschlandfähnchen auf das gesellschaftliche Gerippe setzen wollen.