Michel Friedman auf dem Grünen Hügel

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Welch triumphale Rückkehr auf die große Bühne! Unter der Rubrik „Ich stehe als deutscher Jude hier auf dem Hügel in Bayreuth“ druckte die „Süddeutsche Zeitung“ am 27. Juli die Rede ab, die Michel Friedman tags zuvor anläßlich des 150. Jubiläums der Richard-Wagner-Festspiele hielt. Bereits am 18. Juni hatte die SZ ein fast zweiseitiges Interview mit Friedman, Jahrgang 1956, geführt – nicht zuletzt, weil die mit Katharina Wagner, der Festspiel-Chefin, vereinbarte Rede über den Antisemitismus Richard Wagners und die nur oberflächliche Distanzierung mancher seiner Nachkommen zwischenzeitlich wegen „Sicherheitsbedenken“ in Frage stand.

Bei den Angaben zur Person Friedman ging die SZ mit keinem Wort auf dessen bewegte Vergangenheit ein, sondern teilte ihren Lesern nur mit:

„Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und Herausgeber der Wochenzeitung ´Jüdische Allgemeine ´, von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.“

Kein Wort darüber, daß das Jahr 2003 für Michel Friedman eine schicksalhafte Zeitenwende bedeutete: Im Sommer vor nunmehr 23 Jahren stand er im Mittelpunkt eines Medienskandals um Drogenkonsum, Kontakte zum Rotlichtmilieu und den Vorwurf der Doppelmoral. Was war geschehen? Auslöser waren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Berlin gegen ein osteuropäisches Zuhälter- und Zwangsprostitutionsnetzwerk, bei denen der damals prominente TV-Moderator unter dem Decknamen „Paolo Pinkel“ identifiziert wurde. Friedman gestand den Kokain-Konsum und legte alle Ämter nieder. Das Verfahren wurde im Juli 2003 gegen eine Geldauflage von 19.000 Euro wegen Kokain-Besitzes eingestellt, da kein Verbrechen vorlag und die Schuld als gering eingestuft wurde. Wegen der Zwangsprostituierten entschuldigte sich der 47jährige öffentlich bei seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer. Friedmans Ruf jedoch war fortan ruiniert; wegen seines aufgedeckten Doppellebens nahm niemand mehr den bis dahin stets als moralisierend auftretenden Politiker und Publizisten ernst.

In den letzten Jahren jedoch gelang es Friedman, sein Image durch Vorträge und Publikationen zu verbessern und allmählich an das alte Renommee anzuknüpfen. Sein neuestes Buch trägt den Titel „Mensch! – Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“. Auf die Frage eines Mitarbeiters der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“, in wen oder was er denn verliebt sei, erwiderte der mittlerweile 70jährige Friedman:

„Am Anfang, mittendrin und am Ende meines Lebens steht die Liebe zum Menschen. Wir haben uns mit der Aufklärung darauf geeinigt, daß niemals ein Mensch bestimmt, ob ein anderer Mensch ein Mensch ist. Das ist der Kern des demokratischen Menschenbildes…Die Diktatur hat kein Verständnis für den Menschen an sich. Wir können über alles verhandeln, nur nicht darüber, ob ein Mensch ein Mensch ist.“

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Mit Verlaub: Hier unterliegt Friedman einem fatalen Irrtum. Nicht nur in Deutschland rufen die Propagandisten der multikulturellen Umwandlung des Nationalstaats stets nach Menschen, doch es kommen Syrer, Afghanen, Roma, Schiiten, Sunniten, Salafisten, Verfechter von Blutrache, Ehrenmorden etc. Der „Mensch“, abstrahiert von seiner genetischen, ethnischen, geschichtlichen und soziokulturellen Herkunft sowie von sämtlichen Bezügen zu Gegenwart und Wirklichkeit, ist bloße Fiktion, eine Gattungsbezeichnung wie Tier oder Pflanze. Schon vor 200 Jahren erklärte der französische Staatsrechtler Joseph de Maistre, in seinem Leben habe er noch nie einen „Menschen“ getroffen, sondern stets nur Russen, Deutsche oder Engländer.

Um ein letztes Mal auf Michel Friedman und den Grünen Hügel zurückzukommen (Friedman: „Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“): Am 27. Juli konnte Richard Wagner trotz seines Antisemitismus einen erneuten Triumph feiern. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von der erstmaligen Aufführung des Frühwerks „Rienzi“ anläßlich der 150-Jahr-Feier:

„Was für ein Jubel! Nach fast sechs Stunden in Bayreuths Festspielhaus tobt ein für das Wagner-Festival ungewöhnlicher Begeisterungssturm los, angereichert mit Getrampel und Bravo-Rufen. Richard Wagner hat im Finale des ´Rienzi ´ sein nicht zu toppendes Meisterstück geliefert in Sachen Zerstörung, Verzweiflung, Lust am Untergang. Das erzeugt in Bayreuth einen Begeisterungsrausch, dem sich niemand im Raum entziehen kann.“


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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Tja, nur leider prägt heute nicht Joseph de Maistre das Menschenbild der westeuropäischen Eliten, sondern ein Linksliberalismus, der nur den abstrakten Einzelmenschen und eine abstrakte Menschheit kennt. Diese Menschen wollen natürlich vereint leben in einer grenzenlosen, klimagerechten und multikulturellen Gesellschaft, die unsere Gesellschaftsingenieure für sie basteln.

    Bezeichnend ist die „Lust am Untergang“, die in Bayreuth für Begeisterungsrausch sorgt. Es braucht eben die Götterdämmerung, bevor der strahlende neue Morgen entstehen kann und sich das Publikum glückstrunken in die Schöne Neue Welt aufmachen kann.

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