3. Oktober – Die Späte Bundesrepublik zeigt, was sie (nicht) kann

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Wie haben Sie den Tag der Deutschen (Teil-) Einheit verbracht? Während ich zusammen mit dem Rest der Redaktion und vielen getreuen Kaiserabonnenten den 3. Oktober gebührend im Rahmen des alljährlichen Kaisertreffens mit Wein, Weib und Gesang gefeiert habe, gingen auch die offiziellen Feierlichkeiten der bundesrepublikanischen Staatsführung vonstatten. Wer es noch nicht weiß: Der Austragungsort der Festlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit rotiert von Jahr zu Jahr durch die 16 Bundesländer, und dieses Jahr war der Stadtstaat Bremen an der Reihe. Man möchte meinen, dass ein Staatsakt zum Nationalfeiertag etwas Erhabenes, Einigendes oder Würdevolles haben sollte, oder? In einem Staat mit einer gesunden geistigen Verfassung mag das möglich sein, doch nicht in der Bundesrepublik, nein. Wo kämen wir denn da hin?

Der Festtag begann mit einem ökumenischen Gottesdienst im Bremer Dom St. Petri. Unter den Teilnehmern war auch hier schon die gesamte Staatsspitze anwesend. Wie man es von einem modernen Gottesdienst erwarten kann, war der ganze Akt farblos und generisch; kein einziges Wort von Bedeutung wurde hier ausgesprochen. „Wahre Stärke gibt es, wo wir einander brauchen und uns gegenseitig etwas zutrauen“, sagte der Kirchenpräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, und der Bischof des katholischen Bistums Osnabrück warnte: „Dass Menschen wieder zur Stärke finden, darf nicht dem Zufall überlassen werden.“

Wer so etwas hören möchte, kann sich auch zu Hause die Kalendersprüche aufheben. Natürlich durfte ein Bezug zur aktuellen politischen Umwälzung im Lande nicht fehlen: „[Der katholische Bischof] Meier verwies auf die im Grundgesetz verankerte unantastbare Würde aller Menschen und die Botschaft des Evangeliums. Sie schützten die Gesellschaft vor aller Ausgrenzung, Fremdenhass und Antisemitismus. Einheit und Zusammenhalt trügen nur dort verlässlich, wo sich Menschen mit klarer Haltung gegen Spaltung und Polarisierung stellten.“ Die Pfaffen singen einmal mehr das Lied ihrer Feinde, in der Hoffnung, dass sie das vor der drohenden Bedeutungslosigkeit bewahren würde – dabei ist es gerade das, was sie obsolet werden lässt.

Doch das war erst der Anfang: Der wirklich unangenehme Teil fand nämlich während des Festaktes im Konzerthaus „Die Glocke“ statt. Moderiert wurde das Ganze von der Schauspielerin Katja Riemann, die wirklich eine unangenehm aufgesetzt lockere Art an den Tag legte, vermutlich, um dem Unsinn auf der Bühne das Legitimationsmittel der „Volksnähe“ zu verleihen. So kündigte sie den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier an wie einen Boxer, der in den Ring steigt, …

… und bezeichnete den Sozen-Spießer, der Bremen zu Tode verwaltet, als „coolen Bürgermeister“.

Wer glaubt, dass Steinmeier als Bundespräsident, der das Amt bald niederlegen wird, etwas Selbstreflexion an den Tag legen würde, der irrt. In seiner Rede geht er auf das knappe Drittel der Wähler ein, die laut den Wahlumfragen einer bestimmten Partei zugeneigt sind – ohne es direkt auszusprechen.

„Nach vielfach historisch beispiellosen Anstrengungen, Anstrengungen des Aufbauens und Erneuerns, erklären große Teile der Bürgerschaft ihr Misstrauen gegen die politische Grundordnung der Bundesrepublik.“

Selbst wenn er damit recht hätte, was ich selbst nicht einmal glaube, so versteht er nicht einmal ansatzweise die Ursachen dieser Entwicklung – und hat ihr dementsprechend nichts entgegenzusetzen außer den hohlen Phrasen mit moralischer Mahnung. Und dann kommen da noch die musikalischen Zwischenakte, die wirklich kaum in ihrer Würdelosigkeit zu überbieten sind.

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Generell lässt sich sagen, dass das allermeiste, das dort von den Bremer Philharmonikern vorgetragen wurde, ziemlich wenig mit der deutschen Geschichte und der deutschen Einheit zu tun hatte – vielmehr waren es amerikanische oder amerikanisierte Stücke. Da gibt es etwa die Tanzeinlage der Schauspielerin Neele Buchholz, die das Downsyndrom hat und mit ihrem Tanzpartner zu einem Lied aus dem Disney-Zeichentrickfilm „Die Schöne und das Biest“ von 1991 tanzte – von der Vorliebe der BRD für Behinderte mal ganz abgesehen, hat das angesichts des Filmtitels, aus dem das Lied stammt, schon ein leicht makabres Geschmäckle.

Und dann war da noch die Gruppe „Moms Undercover“, die zum Schluss des Festaktes eine Hip-Hop-Performance zum Besten gab – wie es sich auf einem Staatsakt gehört –, was wiederum von Bundestagspräsidentin und moderner CDU-Frau Julia Klöckner gebannt verfolgt wurde.

So mancher verglich das Geschehen in Bremen mit den letzten Staatsakten der untergehenden DDR. Ob die BRD ein ähnliches Schicksal ereilt wie ihr sowjetisches Gegenstück, bleibt offen – Totgesagte leben bekanntermaßen länger. Immerhin hatte die DDR zum Schluss noch coole Militärparaden, während wir den „Moms Undercover“ beim Zappeln zuschauen dürfen. Apropos, die tanzten übrigens zu einem Schmuckstück der Hip-Hop-Musikkultur, dessen Text unter anderem folgende Zeile beinhaltete: „I am a pain in your rectum“ bzw. auf Deutsch: „Ich bin ein Schmerz in deinem Enddarm“ – durchaus passend, denke ich, schließlich empfinde auch ich eine ähnliche Art von Schmerz, denke ich an die Bundesrepublik in der Nacht.


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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Gut zu wissenn, dass das Redaktionsbedürfnis für Kaiserabonnenten immer am 03.10 stattfindet. Hätte ich das gewusste, hätte ich noch in diesem Jahr das Kaiserabo abgeschlossen, um dabei zu sein.
    Da ich das Datum nicht kannte und nicht fand, bin ich davon ausgegangen es fand bereits statt und wollte das entspr3chende Abo erst nächstes Jahr abschließen. Da ist euch gutes Geld durch die Lappen gegangen

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