Eine Antwort auf Bernard Udaus Text รผber Andreas Kalbitz von Patrick Andreas Bauer
Ich bin im Jahr 1995 geboren und habe mich 2014 in einer Mennonitengemeinde taufen lassen. Nach katholischer Erziehung und zeitgeistiger spรคterer Ablehnung jeglicher Religiositรคt erschienen mir gerade die evangelischen Freikirchen als wahrhaftiges Christentum. Die Kirchen sind voll, die Menschen herzlich, die Botschaft oft politisch inkorrekt – im Gegensatz zu den zentralistischen, orientierungslos wirkenden โStaatskirchenโ. Dort wird nicht mehr das Wort Gottes verkรผndet, es wird indoktriniert. Wir, die Kirche, also die Gemeinschaft der Glรคubigen, sollen unsere bisher gรผltigen รberzeugungen zur Homosexualitรคt, zur Sexualmoral, zur Frauenpredigt รคndern. Die neuen Maรstรคbe fรผr die Auslegung der Bibel heiรen Beliebigkeit und Hedonismus.
Offenbar funktionieren Gemeinschaften dort noch, wo strenge Regeln Geborgenheit und Sicherheit geben kรถnnen. Mรถglicherweise sind es gerade auch traditionelle Regeln, die den Glรคubigen in seinem Bedรผrfnis nach Gottesnรคhe, Transzendenz und Verinnerlichung unterstรผtzen und diese Kirchen so attraktiv machen. Insofern teile ich die รberzeugung Bernard Udaus, wenn er mit Kierkegaard der Auffassung ist, dass derjenige, der sich mit dem Zeitgeist vermรคhlt, schnell zum Witwer werden wird. Udau fรผhrt aus, dass der Vergleich der AfD mit den Kirchen lediglich als Beispiel dafรผr dienen soll, dass eine Anpassung an den Zeitgeist der falsche Weg ist. So geht es ihm auch nicht darum, wie er schreibt, die Linie von Hรถcke oder Kalbitz zu verteidigen. Das ist geschickt, da der angestellte Vergleich sonst auch rasch hinken kรถnnte.
Insofern erspare auch ich mir lรคngere Ausfรผhrungen zur Tauglichkeit eines Vergleiches zwischen Kirche mit ihrer zentralen Botschaft, dem Gebot der Nรคchstenliebe und der Frage, ob es einer Partei guttut, jemanden in ihren Reihen zu wissen, der langjรคhrige und deutliche Bezรผge zum Rechtsextremismus und Nationalsozialismus (HDJ) aufweist und der auf den Grรคbern seiner politischen Feinde tanzen mรถchte.
Selbst unter Auรerachtlassung des Vorgesagten bestehen noch weitere grundlegende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des von Udau angestellten Vergleiches zwischen Kirche und Partei unter dem Kriterium der Mitglieder-/Wรคhlergewinnung. Zu unterschiedlich sind die Zielsetzungen: Hier die Verkรผndung der einzig seeligmachenden Lehre, dort die Kanalisierung des Wรคhlerwillens. Bei Parteien, die ihre Aufgabe darin sehen, konkrete Probleme zu lรถsen, wird man den Wรคhler – nicht jeden, aber viele – dort abholen mรผssen, wo er nach jahrzehntelanger linker Indoktrination steht. Dieses Entgegenkommen, ist aber genau das, was Udau als Grund fรผr die Erfolglosigkeit der Kirchen (und potentiell der AfD) ausmacht. Auch die รผblicherweise in diesem Kontext angestellten Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Erfolgen der west- und mitteldeutschen Landesverbรคnde, die suggerieren sollen, man mรผsse nur laut und schrรคg genug musizieren, um erfolgreich zu sein, sind schwach. Es ist nicht entscheidend, wie viele Prozente Kalbitz in Brandenburg geholt hat, sondern wie viele Prozente er in Hamburg geholt hรคtte.
Was ist es denn nun, was einige Kirchen so erfolgreich macht? Meines Erachtens ist es ihr programmatischer (bibeltreuer) Markenkern, ihre fehlende Beliebigkeit, ihre Gegenposition zum Hedonismus oder positiv formuliert, ihre beharrliche Fokussierung auf nicht immer einfach zu befolgende, aber haltgebende Regeln. Regeln, die eben gerade nicht eine Rassen- oder Klassenzugehรถrigkeit in den Vordergrund, sondern den Menschen als freies Individuum mit all seinen Fehlern in den Vordergrund stellen. Dieses Erfolgskonzept ist sicher nicht vorbehaltlos auf die Politik spiegelbar. Dort geht es um Interessen, auch um wirtschaftliche; und es geht um Begriffe wie Identitรคt, Kultur, Werte- und Schicksalsgemeinschaft mit all ihren Unschรคrfen und Durchlรคssigkeiten und die erforderliche Positionierung einer Partei zu diesen Begriffen.
Was der AfD abhanden gekommen ist, ist aber genau dieser Markenkern. Niemand wird eine Partei wรคhlen, die weder in der Lage noch willens ist, mรถgliche Betrรผgereien beim Parteieintritt zumindest aufklรคren zu wollen. Immer weniger werden eine Partei wรคhlen wollen, die in ihrem Programm eine Soziale Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards fordert (โSchlanker Staat fรผr freie Bรผrgerโ), deren โOst-Vertreterโ aber von einer Querfront mit einer Linkspartei unter Wagenknecht trรคumen. Namentlich die geradezu ostentativ geforderte Aufweichung des Parteiprogramms durch Begriffe wie รถkologische Marktwirtschaft oder sozialer Patriotismus schadet den Markenkern Parteiprogramm. Dass die Forderungen aus einer Ecke der Partei erhoben werden, die keinerlei Wirtschaftskompetenz vorzuweisen hat, macht die Sache nicht besser.
Eine linke CDU gibt es bereits, ebenso wie eine NPD. Wer das Parteiprogramm als Markenkern, das zahlreiche Alleinstellungsmerkmale enthรคlt, verwรคssern mรถchte, fรผr den gibt es im Parteienspektrum sicherlich noch genug Platz an anderer Stelle.
Der Wรคhler muss wissen, was er bekommt: Sozialismus oder Marktwirtschaft; Konservatismus oder Rechtsextremismus. Auch muss die Partei wieder glaubwรผrdiger werden; dazu gehรถrt auch, dass man endlich diejenigen kaltstellt, die nicht zum Markenkern stehen kรถnnen.
Will die AfD nicht den Weg der groรen Kirchen gehen, muss sie an ihrer Glaubwรผrdigkeit arbeiten, ihren Markenkern wieder schรคrfen und nicht in weitere Beliebigkeit verfallen.

