Cork ist Irlands zweitgrรถรte Stadt nach Dublin und liegt ungefรคhr 70 Kilometer sรผdรถstlich von meinem Wohnort entfernt. Mit ungefรคhr 300.000 Einwohnern ist es deutlich kleiner als die Landeshauptstadt, die mit einer Einwohnerzahl von etwa 1,4 Millionen einschlieรlich der Metropolregion in etwa ein Viertel der Gesamtbevรถlkerung Irlands ausmacht. Irlands Besiedelung lรคsst sich rekonstruieren bis etwa 7000 v. Chr. Man wurstelte so vor sich hin, bis tausende Jahre spรคter, ca. 300 v. Chr., die Kelten kamen und den Grundstein der irischen Kultur legten.
Um 410 n. Chr. verfrachteten die Rรถmer Sklaven aus Britannien nach Irland und begannen mit der Christianisierung, unter ihnen befand sich auch Patrick von Irland, der noch heute jedes Jahr im Mรคrz fรผr Paraden und Massenbesรคufnisse sorgt, das konnten selbst die Wikinger und Normannen in den darauffolgenden Jahrhunderten nicht รคndern (auch wenn sich der Export des โPaddyโs Dayโ wohl kaum darauf zurรผckfรผhren lรคsst, dass viele Iren mit und ohne Angehรถrige ihre Heimat verlieรen, um anderswo ihr Glรผck zu suchen.
Dass man zum Beispiel heute an einem Tag im Frรผhling in Mรผnchen bayerische Gaststรคtten mit Wimpeln in den irischen Farben schmรผckt und sogenannte traditionelle irische Musik aus den Lautsprechern drรถhnt, wรคhrend das Guinessbier literweise durch die Kehlen der Feierlustigen flieรt, verdanken die Bajuwaren und solche, die es gerne wรคren, eher einer schlauen Marketingstrategie, aber das nur am Rande).
Die Geschichte plรคtscherte dahin, wie auch andernorts. รber die Zeit hinweg tat man, was man als Mensch eben so tut: รberleben. Das gelang manchen besser als anderen, daran hat sich nicht viel geรคndert. Cork wuchs mit, passte sich an und schaffte es nie, sich aus dem Schatten der groรen Schwester zu befreien. Cork wurde nie mondรคn. Alle, die etwas auf sich hielten, sowohl im kleinen Kreis der Intellektuellen als auch im groรen Spiel der Kosmopoliten, zog und zieht es nach Dublin. Da vibriert das Leben, die Kultur, der Geist, die Politik.
Schรถne viktorianische und georgianische Gebรคude beherbergen teure Restaurants und Kรผnstlerwohnungen. Im Stadtpark gleich hinter der traditionsreichen Universitรคt, in der sich bereits Bram Stoker von den alten Gemรคuern zu seinem Dracula inspirieren lieร und Oscar Wilde die literarische Elite seiner Jahre um sich versammelte, tummeln sich noch heute die Geistreichen auf den sommerlichen Wiesen und belรคcheln hochmรผtig die Touristen, die dort, nach einem Besuch der weltbekannten Bibliothek, den Reisefรผhrer durchforsten nach der nรคchsten Attraktion, die man nicht verpassen darf (auch wenn, Sie werden es ahnen, seit langem kein wirklich groรer Geist mehr dem Schoร dieser ehrwรผrdigen Institution entsprungen ist).
In Cork weiss man das. Und in Cork weiss man auch, dass man in Dublin nur denkt, das zu wissen. Denn im Grunde ist Dublin ein Opfer der Moderne. Es hat sich vereinnahmen lassen, hat sich verkauft, hat sich tรคuschen lassen, liegt der EU zu Fรผรen, lรคsst sich tรคtscheln und verhรคtscheln und suhlt sich in der Gunst fremder Gรถnner.
Und darum stehe ich lieber am Fenster der Dachwohnung meiner Freundin in Cork und blicke auf die regennassen Dรคcher, hinweg รผber die alten Schindeln, in die neblige Ferne auf ein moderneres Gebรคude. Die Stadt ist gewachsen, so wie alle Stรคdte dieser Welt, aber sie ist gewachsen, ohne sich zu verleugnen. Cork war nie schรถn, war nie glamourรถs, aber immer authentisch. Im Oberstรผbchen von Cork hat der irische Pragmatismus sein Zuhause, und es steckt schon etwas Wahres in dem Spruch: โIreland is like a bottle. It would drown without Corkโ.

