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Rauchen steigert Testosteron, aber Raucher haben kein Testosteron?!

17. November 2020
in 3 min lesen

In der aktuellen Ausgabe 18 widme ich mich dem Mรคnnlichkeitshormon โ€œTestosteronโ€. Dabei sind mir dutzende Sachverhalte aufgefallen, die leider nicht in die Heftausgabe passen, aber vielleicht den ein oder anderen mรคnnlichen Leser (oder statistisch interessierten Weltenbรผrger) interessiert.

Das Hormon โ€œTestosteronโ€ ist seit Jahrzehnten in freiem Fall. Bislang ist es keinem Forscherteam gelungen, die krass sinkenden Testosteronwerte zu erklรคren. Innerhalb von gut 15 Jahren sank beispielsweise das โ€œbioverfรผgbare Testosteronโ€ um fast 50 Prozent. Ich habe mich in die Studie reingelesen und kann zumindest als AuรŸenstehender behaupten, dass hier kein Schindluder mit Zahlen betrieben wurde, eine ordentliche Fallzahl ausgewรคhlt wurde, und die Studie reprรคsentativ fรผr die Gesellschaft (in den USA) war. Zudem gibt es keinen Grund fรผr die Forscher, die Zahlen nach oben oder unten zu korrigieren.

Was bedeutet das Ergebnis fรผr die heutige Gesellschaft? Ungefรคhr 20 Prozent aller Mรคnner haben einen krankhaft niedrigen Testosteronspiegel: Das Ergebnis: Antriebslosigkeit, Mรผdigkeit, Schwรคche, keine Lust auf Sport, schwache Libido. Passivitรคt, Angstzustรคnde.

Mรคnnlichkeit in der Krise! Ganz klar, aber mehr dazu in Heft 18. Was aber besonders spannend ist, dass mehrere Gruppen von Probanden รผber die Jahrzehnte verglichen wurde – mit anderen Gruppen oder innerhalb der gleichen Altersgruppe. Dabei kam man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass die Mรคnner, die mit dem Rauchen aufgehรถrt haben, einen deutlich stรคrkeren Verlust an Testosteron zu verzeichnen hatten, als diejenigen, die normal weiterqualmten. (Normal ist ab Mitte Zwanzig 1,5 Prozent Verlust pro Jahr, was dem Altern geschuldet sind.)

Nun steht dieses Ergebnis vielen Meinung รผber Rauchen und Testosteron gegenรผber. Viele anderen โ€œForschungenโ€ und Medien suggerieren ein anderes Ergebnis:

โ€œRauchen und Alkohol sind schlecht fรผr den Testosteronspiegelโ€, schreibt das โ€œFitbookโ€. Die Inhaltsstoffe einer Zigarette stรผrzten den โ€œHormonspiegelโ€ ins Chaos. (Diese Chaos-Hypothese, die ich bislang nirgends belegt gefunden habe, wird in dutzenden Ratgebern angefรผhrt.)

โ€Mรคnnergerechtโ€ fรผhrt eine Studie an, dass zwei Drittel der Impotenten, Raucher sind.

„The nicotine and cotinine in cigarettes inhibits and reduces T-productionโ€, schreibt โ€œartofmanlinessโ€.

All diese Hinweise sind zugleich richtig und falsch. โ€œRaucherโ€ haben im Vergleich zu ihren nichtrauchenden Kollegen oftmals in allen Belangen schlechtere statistische Werte. Diese Ergebnisse sind Ergebnisse sogenannten โ€œepidemiologischerโ€ Studien, die tausende Probanden herausgreifen und sie miteinander vergleichen. Erklรคren kann man das รผber den Habitus von Menschen. Man sehe sich die vielen kranken, รผbergewichtigen, unterschichtlichen, RTL-Couch-Kartoffeln doch nur an: Natรผrlich haben sie – statistisch betrachtet – einen niedrigeren Testosteronspiegel und sind eher Impotent, als ein gesunder, sportlicher Gleichaltriger. Dafรผr ist aber nicht das Rauchen verantwortlich, sondern der gesamte Lebensstil. Die Realitรคt ist viel komplexer, wie die โ€œechtenโ€ Studien, die von Biologen durchgefรผhrt wurden, zeigen. Rauchen steigert das Testosteron, was mittlerweile hieb- und stichfest nachgewiesen wurde, und es sogar in den โ€œFOCUSโ€ geschafft hat.

Besonders interessant ist schlieรŸlich auch die โ€œDekonstruktionโ€ der Mรคnnlichkeit. Seit Jahren kรคmpfen alle gesellschaftlichen Akteure, sogar die Mรคnner, gegen das Mรคnnlichsein. Der rauchende Westernheld, ein Augeburt an Mรคnnlichkeit, musste lรคngst von seinem Pony absteigen. Ungesund, gefรคhrlich, unsexy? Viele Frauen wรผrden insgeheim widersprechen, und das hat, neben der Tabakwerbung der vergangenen Jahrzehnte, offensichtlich auch einen biologischen Grund: Rauchen macht mรคnnlich.

Sollen Sie also mit dem Rauchen anfangen? Das liegt wie immer im eigenen Ermessen und muss mit den genau so schรคdlichen Nebenwirkungen in Relation gesetzt werden. Eine Aufgabe der Unmรถglichkeit: Wie will man ein erhรถhtes, aber unbekanntes Risiko fรผr koronare Herzkrankheiten mit einem โ€œsich-besser-fรผhlenโ€ und vielleicht gesteigerten Antrieb vergleichen? Machen wir es uns einfach: Wenn Sie vorhaben, sich mit 24 Jahren in einem Sportwagen totzufahren, sollte es keine Hindernisse mehr geben, mit dem Qualmen anzufangen.

Aber um das Rauchen geht es an dieser Stelle eigentlich gar nicht, sondern um โ€œStudienโ€ und Studien, die in allen Lebensbereichen, hauptsรคchlich der Ernรคhrung, Einzug gehalten haben. Querschnittsstudien, die tausende Menschen miteinander vergleichen, sind oftmals Schwachsinn. Schlussendlich, und das zeigen sogar die ernsthaften Forschungsergebnisse, kommt es auf das Indiviuum an und wie es sich entwickelt. Dafรผr benรถtigt es jahrelange Forschungsarbeit und komplexe Datenauswertungen – was meist so teuer ist, dass gute Studien Mangelware sind. So kann nur abschlieรŸend gesagt werden: โ€œVertrau keiner Studie, die du nicht selbst gefรคlscht hast.โ€ Gerade im medialen Panikzeitalter, werden wir von Daten und Zahlen รผbermannt. Aber auch hierzu mehr in Heft 18. Genau so deutlich muss man den Leuten โ€œunseres Lagersโ€ klarmachen: Auch wenn viele Studien ein Haufen ScheiรŸe sind, heiรŸt das nicht, dass keine Studien stimmen. Leider braucht man viel Zeit und Erfahrung, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Eines bin ich noch schuldig geblieben: Wie wirkt denn jetzt Nikotin? Nikotin ist ein Aromatase-Hemmer. Das Enzym โ€œAromataseโ€ transformiert Testosteron zu ร–strogen, spaltet also das โ€œmรคnnlicheโ€ Hormon zum โ€œweiblichenโ€ Hormon herunter. Wer raucht, reduziert diesen Prozess. Aromatase-Hemmer werden mittlerweile auch medizinisch eingesetzt.

Disclaimer: Ich bin persรถnlich nicht befangen, da ich beide Seiten kenne. Momentan rauche ich nicht.

ABOS

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