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Das W 48

18. Mai 2021
in 4 min lesen

In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerรผmpel aus Kindertagen oder eine kรผrzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnรคppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiรŸ es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzรคhlt werden.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und weil das so ist, erfindet er gerne Dinge. Seine besondere Vorliebe gilt dabei der Erschaffung von Gegenstรคnden, die das Leben erleichtern und den Alltag verschรถnern. So kam es, wie es kommen musste: Eines Tages erblickte der erste kabelgebundene Fernsprecher das Licht der Welt und erhob die Mรถglichkeiten der Kommunikation auf eine neue Stufe.

In einem Land vor unserer Zeit

Rasant schritt die Weiterentwicklung dieser neuartigen Technologie voran und stieg in schwindelerregende Hรถhen empor. Im Vergleich zur Entstehungszeit der Telefonie im frรผhen 19. Jahrhundert erscheint ein heutiges Mobiltelefon wie ein Gegenstand aus einem Science Fiction Film.

Irgendwie komisch, wenn man sich bewusst macht, dass die kleinen Spielzeuge heute nicht mehr wegzudenken sind aus unserem Alltag. Und ja, ein bisschen Wahrheit steckt schon in dem Gedanken, dass das auch etwas Gutes hat. Stellen wir uns ein Jahr Pandemie und Lockdown vor, indem wir nicht รผber Skype, WhatsApp, Zoom, FaceTime und all die anderen Dienste der digitalen Videoรผbertragung miteinander in Kontakt hรคtten treten kรถnnen – es wรคre schon recht einsam gewesen an manch verregnetem Abendโ€ฆ

Aber wir wollen nicht abschweifen. Zurรผck zur Geschichte. Irgendwo zwischen dem ersten รœberseekabel und dem tragbaren Minicomputer liegt die Zeit des W 48. Ein aus Bakelit gegossenes Schwergewicht, dasย kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Wohnzimmer der Menschen schmรผckte. In groรŸen Stรผckzahlen produziert und von der deutschen Post vertrieben, kรถnnte man es mit etwas gutem Willen als eines der ersten Massengรผter des Wirtschaftswunders bezeichnen.

Die deutsche Post war dabei recht findig, denn sie verkaufte das gute Stรผck nicht, sondern verlieh es gegen Gebรผhr, eine Art Abonnement, die uns auch heute noch begegnet, wenn man sich das neueste teure Gerรคt der bekannten Hersteller nicht leisten kann und es รผber einen Vertrag mit dem Mobilfunkanbieter erwirbt.

Wir haben sogar ein Telefon

So war das mit Begehrlichkeiten, und so ist es heute noch immer. Jedoch entpuppte sich der Plan damals schlieรŸlich als Verlustgeschรคft, denn man hatte nicht berรผcksichtigt, dass dieses Telefon auch trotz seines robusten Erscheingsbildes eine technische Hรถchstleistung war, und wie wir wissen, steckt die Tรผcke im Detail.

Ob Ferrari oder Telefon, hochgetunte Superstars sind sensibel. Es trat dann nach ungefรคhr zehn Jahren zuverlรคssiger Ringelei das ein, was heute den Konsumenten nicht selten exakt nach Ablauf der einjรคhrigen Garantie eiskalt erwischt: Das W 48 gab den Geist auf. Die Kosten fรผr die Reparatur blieben jedoch, anders als heute, am Bereitsteller hรคngen, und darauf hatte die Deutsche (mittlerweile Bundes)Post keine Lust.

So wurde das Glanzstรผck an Design Stรผck fรผr Stรผck ummodelliert, bis es schlieรŸlich gรคnzlich ersetzt wurde vom sogenannten FeTAp 61 (Fernsprech-Tischapparat 61), bestehend aus schlagfestem Kunststoff und wesentlich handlicher. โ€žErst der FeTAp 61 machte das Telefon in der Bundesrepublik Deutschland von einem Luxusobjekt zu einem selbstverstรคndlichen Gebrauchsgegenstandโ€œ, beschreibt Wikipedia den Wandel.

Die ausrangierten W 48 Gerรคte wurden ans Volk verschenkt, so mancher Schรถngeist der Vergangenheit, der die Zeichen der Zeit schon damals erkannte und dem Niedergang des guten Stils zugunsten der Massentauglichkeit besorgt entgegenblickte, sicherte sich auf diesem Weg eines der Stรผcke.

Krrrrr Ringringringring

Ich habe zu jener Zeit noch nicht gelebt. Und ich bin technisch nicht besonders begabt (sehen Sie es mir daher bitte nach, wenn ich die mechanischen Details hier nicht nรคher erlรคutere). Aber ich durfte sie noch erleben, die Zeit des Telefons mit Wรคhlscheibe und den Wandel hin zur Tastatur, die dann abgelรถst wurde vom sogenannten Touchscreen.

Als Mensch, der nun, wie oben erwรคhnt, nicht nur vom Brot alleine lebt, begrรผรŸe auch ich den Fortschritt. Jedoch besinne ich mich gerne zurรผck, denn es ist ein unverzichtbarer Schritt in der Beurteilung jeder neuen Entwicklung, die Ursprรผnge derselben zu kennen. Und ich bin einfach vernarrt in schรถne Dinge.

So schlenderte ich beim Spaziergang vor gut 20 Jahren durch die Innenstadt Mรผnchens, der nie ohne einen Besuch meines bevorzugten Warenhauses Manufactum auskam. Da stand es, das W 48. Kein Original, aber immerhin gegossen in den echten Formen und aus dem guten alten Bakelit. Ich konnte nicht widerstehen.

Bitte drรผcken sie die Rautetaste

All die Jahre schleppte ich es mit, es war stets der einzige Festnetzapparat, den ich besaรŸ. Welche Mรผhsal, welcher Arbeitsaufwand verbindet mich mittlerweile damit. Angefangen beim durchdringenden Schrillen mitten in der Nacht, den Fehlsignalen, die ausgelรถst werden durch die mittlerweile mangelhafte Umwandlung analoger in digitale Signale mit Hilfe eines Adapters, hin zu verzweifelten Versuchen, eine Hotline zu kontaktieren, die einen mit automatischer Stimme begrรผรŸt: โ€žUm mit einem Berater verbunden zu werden, drรผcken Sie die Rautetasteโ€œ.

Rautetaste? Fehlanzeige. Oder die langen Gesprรคche mit den Lieben in der Heimat, wenn bereits nach einigen Minuten der Arm schwer wird vom Halten des gefรผhlten Zentner schweren Hรถrers.

Ja, die guten alten Dinge haben ihren Preis. Trotzdem werde ich mich nicht davon trennen, denn erstens kann man im Notfall ja immer noch auf das Mobiltelefon ausweichen, und zweitens wohnt dem W 48ย ein Geheimnis inne, dessen Zauber sich erst nach einiger Benutzung offenbart und der unbezahlbar ist: Es gibt Telefonate, die machen einen einfach nur wรผtend.

Man kocht innerlich, streitet sich vielleicht sogar mit dem Gesprรคchspartner, und irgendwie muss man seinem Unmut physisch Luft machen. Den schwarzen Hรถrer dann wie ein Fallbeil auf die Gabel knallen zu lassen, ist der eigentliche Grund meiner Verbundenheit mit diesem Apparat. Satt rastet er ein, kein Wackeln, kein Sprung auf dem Display, nichts.

Tschรผss!

Die Wut ist verraucht, das W 48 schweigt, die Welt ist wieder in Ordnung. Wahre Schรถnheit ist eben doch immer ein bisschen mehr als nur das Aussehen.

ABOS

Bรผcher

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