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Nerv mich nicht mit Luca

14. Juni 2021
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Nachdem ich mal wieder meinen Heimatort verlassen musste, wollte ich die Gunst der Stunde nutzen, um einkaufen zu gehen. Shoppen, so richtig im Geschรคft. Wieย frรผher. Denn seit dem vergangenen Pfingstwochenende ist es mรถglich, dies wieder ohne Test und Termin in Brandenburg zu tun. Wuhu, alle freuen sich – oder doch nicht?

Ich jedenfalls nicht. Meine anfรคngliche Euphorie wurde schnell getrรผbt. Im Geschรคft angekommen sieht man รผberall den QR-Code einer App – โ€žLucaโ€œ. Alle zรผcken wie wild ihr Telefon und scannen ihn ein.

Wer ist Luca?

Ich gehe weiter. Der Verkรคufer fragt mich dann gereizt, ob ich mich schon รผber die App registriert habe. Dabei denke ich โ€žist das dasย zwanglose Einkaufenย wie vor dem ganzen Coronazauber?!โ€œ.

Nein, ist es nicht! Ich registriere mich nicht bei diesem Schwachsinn, lasse den Verkรคufer in dem Glauben dies getan zu haben und schlendere durch die Gรคnge. Im nรคchsten Laden das gleiche Spiel. โ€žRegistrieren sie sich vor dem Betreten in der Luca-App um sich zu autorisierenโ€œ.ย 

Ich stehe als Mensch aus Fleisch und Blut im Geschรคft – das dachte ich zumindest. Scheinbar macht mich aber erst die Registrierung zu einemย ganzenย Menschen. Mittels der App wird registriert wer man ist, Name, E-Mailadresse, wo man wohnt und zu welcher Uhrzeit man grad in welchem Geschรคft versucht einzukaufen.

Zusรคtzlich werden Bewegungsmuster erstellt. Da kommt Freude auf. รœberrascht bin ich nicht. Vor allem nicht รผber den Schuss in denย Ofen seitens der Bundeslรคnder, welche Nutzungslizenzen fรผr die App, die denย Schutz allerย garantieren soll, in Millionenhรถhe kauften. Selbstverstรคndlich ohne sich mit den technischen Daten zu befassen. Bedenken seitens des CCC werden ignoriert. Laut ihm erfรผllt die App keinen der notwendigen Punkte, um als โ€žContact Tracingโ€œ-App zugelassen zu werden.

Ich hatte mir das in meiner Naivitรคt zwangloser vorgestellt. In die nรคchsten Schaufenster blicke ich voller Begeisterung, um dann wieder den QR-Code zu erhaschen und genervt weiterzugehen. So zieht es sich durch die ganze Passage. Ich bin deprimiert. Die Lust am Einkaufen ist mir einfach nur vergangen.

Doch dann ein Lichtblick, ein Buchladen fรผr gebrauchte Bรผcher. Die Tรผr steht offen, der Verkรคufer begrรผรŸt einen nett hinter seiner Glasscheibe, ohne Maske. Und ich stehe zwischen tausenden von Bรผchern, deren Wert schier unermesslich scheint.

Alte Bรผcher von 1895, mit Prรคgungen auf dem Einband von solch erstaunlichr Haptik, dass ich es allein schon aus diesem Grund kaufe. In mitten der Bรผcher vergesse ich meinen Frust darรผber, kein neues Sommerkleid gefunden zu haben.ย Also kaufe ich sieben Bรผcher und schleppe sie vergnรผgt mit in die Tram.

Diesen Sommer รผberstehe ich vielleicht auch ohne ein neues Kleid, in Ruhe auf dem Dorf, mit dicken Wรคlzern in der Sonne. Dort muss man sich wenigstens noch nicht รผber die App registrieren, aber wer weiรŸ, was noch kommen wird…

ABOS

Bรผcher

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