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Der Ursprung des Wahnsinns – Teil 1

12. Oktober 2021
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Wer kennt sie nicht, die Binsenweisheiten des Jahres 2021: Geschlechter sind โ€“ wie eigentlich alles Wesentliche โ€“ sozial konstruiert, Rassismus gegen WeiรŸe kann es gar nicht geben, und wer nicht tรคglich seine Privilegien „checkt“, gibt sich als weiรŸer Suprematist zu erkennen. Einlassungen dieser Art finden sich immer hรคufiger in den meinungsbildenden Medien der westlichen Welt, hรคufig vorgetragen von Wissenschaftlern und Experten, die einem hochideologisierten, gleichermaรŸen abstrakten wie dogmatischen Theoriekomplex den Anstrich eines derzeitigen Forschungsstandes der Wissenschaft verleihen sollen. Eine zunehmende Obsession mit Sprache ist ebenfalls deutlich erkennbar. Der Begriff „Curry“ ist ins Fadenkreuz geraten, wie zuvor schon „Toast Hawaii“ oder das „Schwarzfahren“.

Bahlsens Afrikakeks wurde umbenannt, ebenso wie die Zigeunermadonna und 142 weitere Kunstwerke der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. All das lรคsst sich auf eine postmoderne Neuausrichtung des Denkens zurรผckfรผhren, die hier in einer zweiteiligen Serie in Grundzรผgen nachgezeichnet werden soll.

Die Abschaffung der Wahrheit

Die postmodernen Theorien entwickelten sich im Frankreich der 1960 bis 70er Jahre. Nach zwei Weltkriegen und der ausgebliebenen proletarischen Weltrevolution zeigte man sich vorallem auf Seiten der linken Intelligenz in hรถchstem MaรŸe desillusioniert. Der Marxismus, der bis dahin den theoretischen Rahmen der akademischen Linken gebildet hatte, erwies sich als unfรคhig, die aktuellen Entwicklungen adรคquat beschreiben zu kรถnnen.

Als sogenanntes Metanarrativ, das eine ganzheitliche, sinnstiftende Erklรคrung der Welt und ihrer Triebkrรคfte lieferte, wie es zuvor die Aufklรคrung als Philosophie der Moderne mit ihrem Fokus auf Vernunft, Individualismus und Fortschrittsglauben und davor das Christentum getan hatten, hatte der Marxismus ausgedient. Franzรถsische Denker wie Lyotard, Foucault und Derrida, die im Angesicht von Millionen Weltkriegstoten weder das Wirken eines Vernunftwesens, noch einen steten Fortschritt erkennen konnten, entwickelten eine profunde Skepsis gegenรผber Metanarrativen und ihren vermeintlich universell gรผltigen Wahrheiten und Erklรคrungsmodellen.

Dieses Misstrauen steigerte sich konsequenterweise zu einer Haltung, die es schlicht fรผr unmรถglich hielt, รผberhaupt objektive โ€“ d.h. wahre โ€“ Erkenntnisse รผber die Welt erlangen zu kรถnnen. Wenn es keine Wahrheit auรŸerhalb des menschlichen Erlebens gibt, steht erst einmal jedes Erleben gleichberechtigt nebeneinander. Begriffe wie „Objektivitรคt“, „Vernunft“ und „Wahrheit“ verweisen in diesem Zusammenhang ausschlieรŸlich auf eine zugrunde liegende Machtstruktur, die in der Lage ist, etwas als vernรผnftig, wahr oder objektiv im Bewusstsein der Gesellschaft zu verankern.

Was ist Macht?

Zentral fรผr die postmoderne Theorie ist daher eine Neubewertung der Wirkungsweise von Macht. Das klassisch marxistische Verstรคndnis von Machtausรผbung, ausgehend von einer mรคnnlich dominierten, kapitalistischen Oberschicht, die die Arbeiterklasse unterdrรผckt, konnte bei einer wahrnehmbaren Verbesserung der Lebensumstรคnde der Arbeiter sowie der Zunahme von Frauen in Spitzenpositionen (zumindest damals) nicht mehr glaubwรผrdig vertreten werden und wurde schlieรŸlich zugunsten einer neuen Konzeption verworfen.

In der postmodernen Vorstellung wird Macht nicht lรคnger direkt ausgeรผbt, sondern arbeitet wesentlich subtiler. Sie konstituiert und reproduziert sich maรŸgeblich durch Sprache und dominante Diskurse in einem Gitter, das die Gesellschaft auf allen Ebenen durchdringt. Dieses Power-Grid ist derart verwoben mit der Struktur westlicher Gesellschaften, dass Ungleichheiten sich somit in nahezu jeder sozialen Interaktion manifestieren.

Nichts ist neutral, alles ist verdรคchtig!

Innerhalb dieser sozialkonstruktivistischen Gedankenwelt ist somit nichts neutral. Jede Definition, jeder Begriff, jede Beobachtung schlieรŸt bestimmte Aspekte eines Gegenstandes ein und grenzt andere aus. Der Gegenstand wird damit zurechtgestutzt und eingepasst. In der Fragestellung, welche Aspekte eines Gegenstands wesentlich sind und aus welchen Grรผnden diese gegenรผber anderen den Weg ins gesellschaftliche Bewusstsein finden, liegt schlieรŸlich die politische Dimension dieser Betrachtungsweise.

Ein Haus z.B. kann groรŸ oder klein sein. Es kann aus Holz, aus Stein oder aus Lebkuchen sein. Ein Obdachloser kรถnnte seinen Bretterverschlag als „Haus“ bezeichnen, ein spiritueller Mensch seinen Meditationskreis. Da es unendlich viele Deutungen des Begriffes gibt, die sich nicht mal auf ein physisch vorhandenes Objekt beziehen mรผssen, stellt sich fรผr den postmodernen Theoretiker also die Frage, wie es dazu kommt, dass man hierzulande an etwas denkt, dass sich ohne weiteres in eine Modelleisenbahnlandschaft einbinden lรคsst – und wem es nรผtzt, dass wir in genau diesen Bildern denken.

Darรผber hinaus erhรคlt der Begriff „Haus“ erst seinen beschreibenden Charakter und damit gewissermaรŸen einen Sinn im Kontext von anderen Begriffen, etwa in der Reihe Hรผtte โ€“ Haus โ€“ Villa โ€“ Schloss. Er besitzt also keine eigenstรคndige Aussagekraft, keine eigene Wahrheit. Kurzum: alles, was wir zu wissen glauben, ist nichts weiter als ein Ausdruck der gesellschaftlichen Zusammenhรคnge, in denen diese Wissensproduktion stattfindet und in denen die Mรคchtigen in ihrem eigenen Interesse diktieren, mit welchen Begriffen und in welchen Kategorien รผber bestimmte Phรคnomene gesprochen, gedacht und was davon schlussendlich fรผr „wahr“ gehalten wird.

Die klassische naturwissenschaftliche Herangehensweise, die im Wesentlichen darin besteht, ein Phรคnomen zu beobachten und zu beschreiben, um daraufhin Aussagen รผber dessen Natur treffen zu kรถnnen, ist, obwohl sie erwiesenermaรŸen gute Resultate hervorbringt, also Flugzeuge fliegen und Fernseher flimmern lรคsst, aus postmoderner Sicht nur ein Weg der Wissensproduktion unter vielen. Bestimmte Formen des Erkenntnisgewinns sind nicht etwa deswegen dominant, weil sie verlรคsslichere Ergebnisse zu Tage fรถrdern, sondern weil sie der dominanten Kultur und ihren Machthabern mehr nutzen. Andere Arten des Erkenntnisgewinns werden in dieser denkbar zynischen Interpretation menschlicher Entwicklung im Sinne des Machterhalts abgewertet.

Politische Praxis

Die postmodernen Theorien der 60er und 70er Jahre waren geprรคgt von einem radikalen Zweifel an allem Bestehenden und in der Folge wenig geeignet fรผr die politische Praxis. Wie sollte man fรผr die Rechte der Frau eintreten, wenn eine „Frau“ nichts weiter ist, als eine sozial konstruierte Karikatur, eine durch mรคchtige Diskurse geformte Vorstellung dessen, was es bedeutet, eine Frau zu sein.

Die Aufgabe, die neu gewonnenen Erkenntnisse รผber die Beschaffenheit der Welt und der Wirkungsweise von Macht nicht in nihilistischer Verzweiflung und zielloser spielerischer Dekonstruktion zerflieรŸen zu lassen, sondern fรผr Anliegen der sozialen Gerechtigkeit fruchtbar zu machen, รผbernahm die folgende Generation postmodern beeinflusster Social Justice Aktivisten in den 80er und 90er Jahren.

Dafรผr war es unter anderem nรถtig, gewisse gesellschaftliche Phรคnomene der fundamentalen Skepsis zu entziehen und ihnen einen gewissen objektiven Wahrheitsgehalt zuzubilligen. Rassen sind soziale Konstruktionen, aber die Unterdrรผckung aufgrund von angenommener Rassenzugehรถrigkeit ist real, hieรŸ es nun. Mit diesem Kunstgriff wurde postmoderne Theorie in der Realitรคt verankert und ihre Theoretiker in die Lage versetzt, konkrete Handlungsanweisungen abzuleiten. Die hรคufig in Kommentarspalten als Beweis fรผr die Dรคmlichkeit der Linken angefรผhrte Unvereinbarkeit der Ansichten, dass es zwar keine Rassen aber รผberall Rassismus geben wรผrde, ist demnach kein Widerspruch, sondern entspricht exakt dem postmodernen Denken.

Macht kaputt, was euch kaputt macht!

Auf Basis der „Erkenntnis“, dass die gesamte westliche Struktur auf Ungerechtigkeiten beruht, kann nahezu jeder Aspekt westlicher Lebensweise problematisiert w
erden. Die Methodik und die notwendige Verflachung der Theorie fรผr Anliegen der Social Justice Bewegung kann an einem beliebigen Beispiel verdeutlicht werden. Nehmen wir die Zeitrechnung. Die รคltesten bekannten Kalender, sowie die 7-Tage Woche, stammen zwar aus Mesopotamien, aber von solchen unwichtigen Details sollte man sich im Kampf gegen das kapitalistische Patriarchat nicht aufhalten lassen.

Zeitrechnung kรถnnte verstanden werden als eine sinnvolle Art und Weise, das menschliche Leben im Einklang mit der Natur zu strukturieren und zu organisieren. Das persรถnliche Erleben von zeitlichen Ablรคufen kann allerdings stark variieren. Die Kritik des klassischen postmodernen Zweiflers wรคre in etwa die, dass man, indem man Zeit in einem formalisierenden und totalisierenden Prozess zu fassen versucht, sie also auf den Begriff bringt, an wiederkehrenden Sonnen- und Mondphasen aufhรคngt, ihr ein Gerรผst in Form eines Kalenders gibt, einen Tag definiert und diesen wiederum in Stunden und Minuten unterteilt, der vorausgehenden Vielfalt des Erlebens Gewalt antut. Die pulsierende Pluralitรคt des Lebens wird zum leblosen unbeweglichen Konstrukt.

Die Aufgewachten

Auch fรผr den Social Justice Krieger wรคre „Zeitrechnung“ nur eine Konstruktion, die in nicht unerheblichem MaรŸe beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen. Er wรผrde sich allerdings nicht mit Fragestellungen akademischer Natur, wie etwa diesem formalisierenden Prozess zu begegnen sei, aufhalten, sondern sich dem angenommenen Zweck dieser Konstruktion widmen. Die Argumentation kรถnnte in etwa wie folgt lauten:

„Die Messung von Zeit in einer spezifischen als universell, rational und neutral ausgewiesenen Weise konstruiert Kategorien, die ausschlieรŸlich dazu dienen, Menschen anhand dieser kรผnstlichen Bruchlinien zu spalten. Zeitrechnung, als Werkzeug zur Vermessung menschlichen Lebens, trennt den Pรผnktlichen vom Unpรผnktlichen, also denjenigen, der im bestehenden (kapitalistisch-heteronormativ-weiรŸ-suprematistischen) Rahmen funktioniert und denjenigen, der sich nicht an kรผnstlich erschaffene Regeln hรคlt oder schlicht aufgrund seiner Herkunft oder seiner Zugehรถrigkeit zu einer nicht-dominanten Gruppe einen anderen Zugang zu zeitlichen Ablรคufen hat.

Das binรคre Begriffspaar Pรผnktlichkeit/Unpรผnktlichkeit ist nur im gegenseitigen Verweis aufeinander zu verstehen und transportiert durch die Vorsilbe „Un-“ bereits eine Wertung, da dem kapitalistischen System das pรผnktliche Rรคdchen im Getriebe selbstverstรคndlich mehr nutzt als das unpรผnktliche. Wer also Uhren trรคgt und pรผnktlich ist, macht sich somit bewusst oder unbewusst zum Werkzeug der Unterdrรผckung!“

Wer hรคtte das gedacht? Die Analyse und Dekonstruktion dieses auf den ersten Blick unverdรคchtigen Diskurses, befรคhigt den Gerechtigkeitskrieger, Unterdrรผckungsmechanismen wahrzunehmen, die anderen verborgen bleiben. Es ist die Geburtsstunde der „Wokeness“!

Im zweiten Teil dieser Serie widmen wir uns der pseudointellektuellen Social Justice Ideologie und gehen der Frage nach, warum 2 + 2 nicht auch 5 sein kann.

ABOS

Bรผcher

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