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Der Ursprung des Wahnsinns – Teil 2

18. Oktober 2021
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Am Ende des ersten Teils dieser Serie unternahmen wir den Versuch eine beliebige soziale Konstruktion nach postmodernen MaรŸstรคben auseinanderzunehmen. Durch Analyse und Dekonstruktion wurden wir in die Lage versetzt, die Abgrรผnde zu erkennen, die sich hinter scheinbar harmlosen alltรคglichen Erscheinungen auftun.

An dieser Stelle drรคngt sich ein Vergleich zur Truther-Szene auf, deren Anhรคnger ebenfalls das Selbstverstรคndnis kultivieren, etwas sehen zu kรถnnen, wofรผr andere blind sind. Psychologisch betrachtet, ist es eine Art der Selbstรผberhรถhung, die einen groรŸen Teil der Anziehungskraft solcher Bewegungen ausmacht.

Die drei Glaubenssรคtze der Postmoderne

Die „kritischen“ Theorien des postmodernen Social-Justice-Aktivismus รคhneln in der Gegenwart angekommen allerdings weniger dem Instrumentarium eines wachen Verstandes, sondern eher einer paranoiden Echsenmenschenerzรคhlung. Aus der radikalen Skepsis gegenรผber einfachen Welterklรคrungsmodellen und Metanarrativen hat sich im Laufe der Zeit ironischerweise ein weiteres dogmatisches Metanarrativ entwickelt, das eine binรคre, holzschnittartig vereinfachte Erklรคrung aller gesellschaftlichen Phรคnomene anbietet. Exemplarisch dafรผr stehen diese drei Glaubenssรคtze, die wir in unterschiedlichen Intensitรคtsgraden bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu hรถren bekommen:

  • Der WeiรŸe ist verantwortlich fรผr alles รœbel in der Welt!

  • Rassismus und Unterdrรผckung sind in die DNA der westlichen Kultur eingeschrieben!

  • Rassismus ist allgegenwรคrtig und ursรคchlich fรผr alle Ungleichheiten!

Der NichtweiรŸe kann also nichts fรผr irgendetwas. In der Opferrolle festbetoniert, hat er keinen Einfluss auf sein Schicksal, bis die Erde nicht vollstรคndig dekolonisiert, also von weiรŸer Kultur rรผckstandslos gereinigt wurde. Es handelt sich hier um keine รœbertreibung, denn der Forschungsgegenstand des postkolonialen Milieus ist nicht mehr lรคnger nur die tatsรคchliche Auswirkung einer Kolonisierung, sondern zunehmend auch das „koloniale Mindset“.

Whiteness ist die FuรŸfessel der Weltgemeinschaft auf dem Weg in eine ร„ra der Gleichheit und Gerechtigkeit, denn jeder Bestandteil westlicher Zivilisation โ€“ wie wir reden, wie wir denken, wie wir rechnen, wie wir musizieren โ€“ beruht auf Ausgrenzung. Der Ausgrenzung von anderen Ideen, anderen Arten zu „wissen“, anderen Erfahrungen, anderen Arten zu sprechen, zu fรผhlen usw. รœberspitzt gesagt, wird weiรŸen Europรคern vorgeworfen, eine Gesellschaft fรผr weiรŸe Europรคer geschaffen und damit auch noch Erfolg gehabt zu haben.

Sprache erschafft die Welt

Selbst wenn es keinen einzigen Rassisten oder Sexisten mehr gรคbe, der entsprechende Ansichten hรคtte und รคuรŸern wรผrde, wรคre die westliche Welt dennoch rassistisch, denn Ausgrenzung und Unterdrรผckung manifestiert sich nicht mehr lรคnger in Handlungen, sondern in Begriffen und dominanten Diskursen. Wirklichkeit wird aus postmoderner Sicht maรŸgeblich durch Sprache konstituiert, daher liegt der aktivistische Fokus auf der Beobachtung, wie und mit welchen Begriffen รผber bestimmte Sachverhalte gesprochen wird.

Indem man herrschende Konzeptionen, beispielsweise von Mann und Frau, unkritisch als gegeben, natรผrlich oder objektiv wahr รผbernimmt und sich diskursiv in diesem abgesteckten Rahmen bewegt, reproduziert man damit die Ausgrenzung von nichtbinรคren Geschlechtsidentitรคten. Diese รœberempfindlichkeit in Bezug auf Sprache ist verantwortlich fรผr all die Umbenennungsdiskussionen der jรผngeren Vergangenheit und mรผndet in letzter Konsequenz in eine notwendige totale Kontrolle und Zensur jedweder Kommunikation, da potentiell verletzende Diskurse gar nicht erst zirkulieren dรผrfen.

Allein die Benutzung bestimmter Begriffe, unabhรคngig davon, in welchem Kontext sie auftauchen, verankert Ausgrenzung im Bewusstsein der Gesellschaft, weswegen Annalener das Wort „Neger“ nicht einmal dazu benutzen darf, um sich darรผber aufzuregen.

Critical Race Theory, Standpoint Theory und Gegenaufklรคrung

Inzwischen ist man sich in postmodern informierten Kreisen einig, dass allein die Fragestellungen, ob Rassismus derart omniprรคsent unser Zusammenleben bestimmt, ob Rassismus bei irgendwelchen Vorfรคllen tatsรคchlich das treibende Motiv war, es einen Gender Pay Gap oder mehr als zwei Geschlechter gibt, unzulรคssig sind, da es weiรŸe und westliche Fragestellungen sind, deren รถffentliche Diskussion Zeit und Aufmerksamkeit bindet, die nun nicht mehr den Diskriminierungserfahrungen marginalisierter Gruppen gewidmet werden kann.

Nur ein privilegierter Westler kann sich erlauben, รผber die Existenz oder Tragweite von Problemen zu philosophieren, die er aufgrund seiner privilegierten Stellung รผberhaupt nicht wahrnehmen kann. Fรผr alle anderen ist es bittere Realitรคt; ein รœberlebenskampf, der tรคglich neu ausgefochten werden muss. Hier vollzieht sich die Abkehr von den Idealen der Moderne รผberdeutlich. Es gibt nรคmlich keine gemeinsame Ebene der Verstรคndigung, auf die jedes Vernunftwesen Zugriff hรคtte, sondern eine Art „kaleidoskopisches Bewusstsein“ bestimmt, was ein Angehรถriger einer identitรคren Gruppe wissen und wahrnehmen kann und was nicht.

Da ein weiรŸer, westlicher, heterosexueller Mann aufgrund seiner Zugehรถrigkeit zur dominanten Gruppe per Definition keine Diskriminierungserfahrung machen KANN, hat er zu diesem Thema auch schweigen. Eine schwarze, lesbische Frau hingegen kann die vielfรคltige Unterdrรผckung wahrnehmen, die sich aus der Intersektionalitรคt ihrer Identitรคten ergibt. Sie wird vom heteronormativen, rassistischen Patriarchat einmal als Frau, als Lesbe, als Dunkelhรคutige, aber auch aufgrund der Schnittmengen dieser Merkmale diskriminiert (schwarze Frau, schwarze Lesbe, lesbische Frau), fรผr die das System eigene Stereotype und Vorurteile bereithรคlt.

Dieses spezifische Unterdrรผckungsprofil bestimmt letztendlich ihr Bewusstsein. Da sich kein AuรŸenstehender in dieses Bewusstsein einklinken kann, haben wir nur die Mรถglichkeit „zuzuhรถren“ und zu glauben. Es ist der „Progressive Stack“, รผber den wir reden, die Opferpyramide der Critical Race Theory, die vorgibt, wessen Argumente zรคhlen und wessen nicht. Eine als Konstruktion im Sinne der dominanten Klasse entlarvte objektive Wahrheit wird ersetzt durch die Wahrheit einer „tief empfundenen, gelebten Erfahrung.“

Wenn eine Person of Colour also beteuert, dass irgendetwas rassistisch war, dann WAR es auch rassistisch. Punkt. Allein der Zweifel daran ist Ausweis einer minderheitenfeindlichen Gesellschaft.

Die Theorie hat immer Recht!

Die Selbstimmunisierung der eigenen theoretischen Annahmen ist an dem Punkt abgeschlossen, an dem ein authentischer „Sprechort“ einer Minderheit definiert wird, der sich aus einer gemeinsamen Unterdrรผckungserfahrung ableitet und Allgemeingรผltigkeit beansprucht. Werden die mit diesem authentischen Sprechort assoziierten Ansichten von AuรŸenstehenden kritisiert, dann geht es den Kritikern einzig und allein um Machterhalt. Werden sie auch innerhalb dieser Minderheit kritisiert โ€“ wenn eine Frau etwa der Meinung ist, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmt โ€“ handelt es sich um „internalisierte Unterdrรผckung“ oder „lateral violence“.

Man hat also entweder ein falsches Bewusstsein und kann seine eigene nachrangige Stellung innerhalb des Systems nicht reflektieren, oder man hat sich bereits damit abgefunden und darauf verlegt, sich
auf Kosten derer, die den Befreiungskampf noch fรผhren mรถchten, bei den Machthabern anzubiedern, um einige Krรผmel der Tafel zu ergattern. Jeder, der die aufgestellten Annahmen der Social Justice Theorie kritisiert, ist somit entweder Komplize der Unterdrรผckung oder inkompentent. Die Theorie gewinnt immer!

Wissenschaft ist ein eurozentristisches Herrschaftsinstrument โ€“ hรถrt auf die Wissenschaft!

Bei all dieser Feindschaft gegenรผber vermeintlich objektiven und wahren Aussagen, erstaunt es, dass neben der kulturell einflussreichen postmodernen Social Justice Ideologie noch eine weitere รผberaus einflussreiche Konzeption der kรผnftigen Gesellschaft Boden gut macht. Der in dem Ausruf „Vertraut der Wissenschaft!“ zum Ausdruck kommende technokratische Entwurf formuliert im Grunde das genaue Gegenteil der postmodernen Annahmen, nรคmlich, dass die Wissensproduktion derart leistungsfรคhig ist, dass sie von demokratischen Prozessen eigentlich nur ausgebremst wird. Diskussionen sind genau ab dem Punkt รผberflรผssig, ab dem ein Experte durch Forschung und Wissenschaft legitimierte, alternativlose MaรŸnahmen verkรผndet, die dann nur noch umgesetzt werden mรผssen.

Die einzige Gemeinsamkeit des technokratischen und des postmodernen Ansatzes ist die Hybris, alleiniger Besitzer des Wissens zu sein, was fรผr eine Gesellschaft gut und vor allem richtig ist. Diese รœberheblichkeit schlรคgt sich in zunehmend autoritรคrem Auftreten und in der Verachtung der Meinungs- und Diskussionsfreiheit nieder.

Die Koexistenz dieser sich ausschlieรŸenden Denkbewegungen verdeutlicht das instrumentelle Verhรคltnis unserer herrschenden kulturellen und politischen Eliten zu โ€“ wenn รผberhaupt nur oberflรคchlich verstandenen โ€“ theoretischen Konzepten. Man nimmt eben gerade die Argumentation auf, die einem in einer bestimmten Situation am meisten nรผtzt.

Kulturmarxismus ist tot, lang lebe Social Justice!

Im Unterschied zu Marxisten, die versuchen wรผrden, bestehenden Ungleichheiten durch eine Verรคnderung der politischen und รถkonomischen Rahmenbedingungen entgegenzuwirken, argumentiert der Social Justice Aktivismus damit, dass dies nicht mรถglich wรคre, solange Ungleichheiten eingewoben in Sprache und Denkmuster sich konstant in jeder Interaktion reproduzieren. Marxistische Intervention kann nicht gedacht werden, ohne vorher die Kategorien und Denkschablonen des Systems aufzusprengen.

Die gramscianische Neuausrichtung des Marxismus, also das, was man als Kulturmarxismus bezeichnen kรถnnte, kann als Verlaufsform dieser Pole beschrieben werden. Kulturmarxismus und Social Justice Aktivismus รคhneln sich insofern, als dass beide versuchen, รผber die gesellschaftlich-kulturelle Sphรคre auf Realpolitik einzuwirken und das utopische Endziel einer jeden linken Bewegung โ€“ die gerechte, weil gleiche, herrschaftsfreie Gesellschaft โ€“ teilen. Die Mittel und Wege, mithin der theoretische Unterbau, unterscheiden sich signifikant.

Der im Marxismus enthaltene Universalismus, der die Proletarier aller Lรคnder gleichermaรŸen ansprechen sollte, wird im Social Justice Universum einer ausgreifenden Identitรคtspolitik geopfert; der Fokus auf einer mess- und erfahrbaren รถkonomischen Dimension weicht einer endlosen Diskursanalyse, in der man seinen Frieden mit den GroรŸkonzernen des „woke capital“ gemacht zu haben scheint, solange diese sich an die neu eingefรผhrten Sprachregelungen halten.

Von postmoderner Theorie zur Social Justice Ideologie

Kritikern der postmodernen Theorie wird oft vorgeworfen, sich an Verzerrungen, รœberspitzungen und Falschdarstellungen tatsรคchlich getรคtigter Aussagen abzuarbeiten. Der Postmodernismus sei keinesfalls ein Advokat der totalen Auflรถsung und des epistemischen Nihilismus. Er steht auch nicht in Opposition zu den Werten der Aufklรคrung, sondern versucht gerade diese auf einem anderen Weg zu verwirklichen.

Unabhรคngig davon, ob man dieser Apologetik etwas abgewinnen kann, gilt es, den klassischen Postmodernismus von seiner stark vereinfachten Nachgeburt zu unterscheiden. Unterm Strich kann man aber sagen, dass in den akademischen Zirkeln des Westens รผber einen Zeitraum von รผber 40 Jahren ein Theoriegebรคude errichtet wurde, das Standpunkte und Argumente der westlichen Mehrheitsgesellschaft pauschal entwertet und westliche Kultur vorbehaltlos verunglimpft. Wie konnte man das geschehen lassen?

Im Angesicht der vollstรคndigen Zerspanung des Individuums hรคtten doch zumindest die Liberalen entschiedene Gegenwehr leisten mรผssen. Entweder wurde die Gefahr nicht erkannt, weil sie mal wieder in schรถnen Worten daherkommt, oder die Bemรผhungen waren nicht nachdrรผcklich, breit und laut genug. Als Resultat diskutieren wir jetzt darรผber, ob 2 + 2 = 5 nicht genauso richtig sein kann, wie 2 + 2 = 4, da letzteres ja nur EIN Lรถsungsweg unter vielen darstellt, nรคmlich den weiรŸen, westlichen. Wem mit diesen Diskussionen oder der Umbenennung von Keksen eigentlich geholfen sein soll, bleibt fraglich.

ABOS

Bรผcher

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