Es gibt viele Formen der Demokratie, der im antiken Athen entwickelten โHerrschaft des Staatsvolkesโ: die direkte und die reprรคsentative Demokratie, die prรคsidentielle und die parlamentarische, die konstitutionelle und die plebiszitรคre, die Konkordanz- und die Rรคtedemokratie. Auffallend ist jedoch, daร in Deutschland der Terminus Demokratie seit lรคngerem mit dem Zusatz โliberalโ versehen wird.
Diese weltanschauliche Einordnung zielt nicht auf die allen Formen der Demokratie eigenen Merkmale wie freie Wahlen, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und durch die Verfassung garantierte Freiheitsrechte, sondern auf einen politischen Paradigmenwechsel, der vor mehr als zwei Jahrzehnten eingeleitet wurde.
Und plรถtzlich war Deutschland liberal
Durch die Hinzufรผgung des Begriffs โliberalโ wird so getan, als habe das demokratische Zeitalter in Deutschland, abgesehen von der kurzlebigen Weimarer Republik, erst Ende der neunziger Jahre mit dem Amtsantritt der rotgrรผnen Regierung unter Gerhard Schrรถder und Joschka Fischer begonnen. Unstrittig ist aber, daร die westdeutsche Bundesrepublik, wenn auch unter alliierter Aufsicht, seit ihrer Grรผndung im Jahr 1949 ebenfalls demokratisch regiert wurde. Willy Brandts 1972 ausgegebene Parole โWir wollen mehr Demokratie wagenโ konnte nur bedeuten, daร seine CDU-Vorgรคnger Adenauer, Erhard und Kiesinger zwar eine mehr oder weniger nationalkonservative Politik verfolgten, doch unzweifelhaft stets im Rahmen der im Grundgesetz festgelegten Spielregeln der parlamentarischen Demokratie.
Wenn unsere Regierungsform partout mit einem Etikett versehen werden soll, dann kann es eben nicht nur die liberale Demokratie geben, sondern auch eine konservative, ja, selbst eine autoritรคre Version, sofern die Verfassungsnormen eingehalten werden. Worum es in Wahrheit geht, verdeutlichte Ministerprรคsident Viktor Orban, als er in seinem Land 2014 die โilliberale Demokratieโ ausrief, was fรผr Ungarn nichts anderes bedeutet als die Bewahrung des traditionellen Welt- und Menschenbildes โ im Gegensatz zur Entwicklung in Deutschland.
Im Zuge der 68er-Revolution hat sich die Berliner Republik mit elitรคr-arroganter Volkspรคdagogik und einer bis heute andauernden political correctness in eine multiethnische und multikulturelle Gesellschaft verwandelt. Ziel ist es, diese durch Masseneinwanderung, Hofierung skurrilster Minoritรคten sowie durch Umdefinition von Ehe und Familie grundlegende Verรคnderung mittels des Etiketts โliberale Demokratieโ als nicht mehr hintergehbare Realitรคt festzuschreiben und ihre Gegner als Demokratie-Feinde brandmarken zu kรถnnen.
Je liberaler, desto undemokratischer
Damit bewahrheitet sich einmal mehr das erst kรผrzlich von dem franzรถsischen Publizisten Alain de Benoist in Erinnerung gerufene Diktum des Staatsrechtlers Carl Schmitt (1888-1985), je liberaler eine Demokratie sei, desto undemokratischer werde sie. Demokratie, so Benoist in einem Interview mit der Jungen Freiheit (50/21 vom 10. Dezember), sei die souverรคne Macht des verfassungsgebenden Volkes, Liberalismus dagegen die Verteidigung allein individueller Rechte.
In kurzen historischen Rรผckblicken soll jener Prozeร nachgezeichnet werden, der hierzulande offensichtlich seinen Hรถhepunkt erreicht, wenn nicht bereits รผberschritten hat. Zum Entsetzen der linksliberalen Protagonisten ist nรคmlich mittlerweile ein bรผrgerkriegsรคhnliches Szenario entstanden, das nicht zuletzt durch die hydrahaften Corona-Demonstrationen zusรคtzlich befeuert wird.
Daร eine Epoche zu Ende gegangen ist, erkennt man spรคtestens dann, wenn ihr eine Ausstellung gewidmet wird. Noch bis Ende Februar 2017 bot sich im Londoner Victoria and Albert Museum die Gelegenheit, den Beginn jener fundamentalen Umwรคlzung in Erinnerung zu rufen, die in Deutschland als Zeit der kulturmarxistischen Achtundsechziger firmiert. โYou say you want a revolution?โ Unter diesem Titel eines Beatles-Songs lieร das V&A seit September 2016 โRecords and Rebels 1966-1970โ Revue passieren.
Revolutionskitsch
Dem kulturpolitischen Korrespondenten der Sรผddeutschen Zeitung wurde es damals bei der Rรผckschau โwarm ums Herzโ; schlieรlich sei es jene Zeit gewesen, in der der Vietnamkrieg mit Musik bekรคmpft und Minderheitenrechte erstritten wurden. Doch heute, 2017? โDie Reaktion beherrscht das Feld โ sei es in Putins Ruรland, Trumps Amerika oder in den stramm rechts regierten Lรคndern Europas.โ Dieser Entwicklung, so klagte Alexander Menden, stelle die Ausstellung keine Aufforderung zum Handeln entgegen, sondern nur ihre eigene Form der Nostalgie โ den sehnsรผchtigen Blick zurรผck.
Tja, seit den โAbendspaziergรคngenโ durch Dresden, zu denen sich im Oktober 2014 die ersten Pegida-Anhรคnger einfanden, haben auch Rechte und Konservative den Geist des รถffentlich artikulierten Widerspruchs aus der Flasche gelassen. Wer in den sechziger, siebziger Jahren in der alten Bundesrepublik Aufstieg und Entwicklung der Studentenbewegung passiv oder aktiv miterlebt hat, dรผrfte angesichts jener Montagsdemos der โPatriotischen Europรคer gegen die Islamisierung des Abendlandesโ (Pegida) auf manche Parallelen gestoรen sein.
So lieรen sich jenseits der ideologischen Ausrichtung Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Ziels feststellen, die Meinungsmacht der Herrschenden zu brechen; auch รคhnelten sich die Reaktionen des jeweiligen politisch-medialen Establishments auf die unerhรถrte, weil bis dato unbekannte Herausforderung.
Langhaarige Bombenleger
Ausgangspunkt der Studentenproteste waren seinerzeit die antikolonialen Freiheitsbestrebungen in der Dritten Welt, vornehmlich der Vietnamkrieg. Nach der Niederlage Frankreichs waren die USA in die Fuรstapfen der einstigen Pariser Kolonialherren getreten, weil sie befรผrchteten, weitere Staaten Sรผdostasiens kรถnnten jetzt wie Dominosteine kippen und dem internationalen Kommunismus anheimfallen. Auf dem Hรถhepunkt des Krieges kรคmpften 500.000 GIs an der Seite des mit ihnen verbรผndeten sรผdvietnamesischen Marionettenregimes gegen die Vietcong. Dabei machten sie sich so abstoรender Taten wie des Massakers von My Lai schuldig, daร im Westen, besonders in den USA selbst, die moralischen Zweifel an dem Einsatz immer stรคrker wurden.
Nur die Bundesregierung hielt damals unverdrossen an ihrer transatlantischen Vasallenrolle fest, von der sie sich bis heute nicht gelรถst hat. Das Credo der Bonner Regierung lautete, die Freiheit auch West-Berlins, das ein Brennpunkt der Proteste war, werde nicht zuletzt in Vietnam verteidigt. Der Regierende Bรผrgermeister Klaus Schรผtz lieร damals mit gewerkschaftlicher Hilfe Groรdemonstrationen veranstalten, auf denen er mit Aussprรผchen wie โSeht euch diese Typen an!โ Stimmung gegen die langmรคhnigen und bewuรt unbรผrgerlich gekleideten Studenten machte, die vielerorts aufgefordert wurden, doch โnach drรผbenโ, also in die DDR, zu gehen.
An der Agitation gegen die โkleine radikale Minderheitโ beteiligten sich an vorderster Front die Blรคtter des Springer-Konzerns, die alsbald als โLรผgenpresseโ ins Visier der Parteigรคnger der 68er gerieten. An mehreren Druckorten versuchten diese daher, die Auslieferung der Welt und der Bild-Zeitung zu verhindern โ hรคufig auch mit Gewalt. Wie heute nach rechts, war seinerzeit das Meinungsspektrum nach links extrem eingeschrรคnkt. Die entsprechenden Parolen der Regierenden lauteten: โWir gewรคhren Freiheit der Meinung nur allen Gutgesinntenโ (Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, 1969) sowie โKeine Freiheit fรผr die Feinde der Freiheitโ (Bundesinnenminister Werner Maihofer, 1975).
Zweierlei Maร
Nicht anders erging es Jahrzehnte spรคter den Pegidisten. Fรผhrende Politiker sowie die รถffentlich-rechtlichen Anstalten und die privaten Presseorgane, angefรผhrt von โQualitรคtsmedienโ wie Spiegel, Sรผddeutsche Zeitung, Welt, Zeit und FAZ, schรผtteten wochenlang kรผbelweise Hรคme, Haร und Hetze รผber die Demonstranten aus. Von โDunkeldeutschlandโ und โChaotenโ sprach Bundesprรคsident Joachim Gauck, von โNazis in Nadelstreifenโ der nordrhein-westfรคlische Innenminister Ralf Jรคger (SPD). Die Bundesminister Wolfgang Schรคuble (CDU) und Heiko Maas (SPD) sahen in der Demo-Teilnahme eine โSchande fรผr Deutschlandโ, Cem รzdemir kanzelte die Protestler im Namen der Grรผnen als โMischpokeโ ab. Spรคter beeilte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel, Kritiker der Flรผchtlingspolitik als โPackโ auรerhalb jedes Diskurses zu stellen.
Wen kann es wundern, daร die derart Beschimpften es den Pรถblern bald mit gleicher Mรผnze heimzahlten? Doch natรผrlich maรen auch in diesem Fall die Vertreter der erneut als โLรผgenpresseโ apostrophierten Medien mit zweierlei Maร. So schrieb Heribert Prantl, damals Mitglied der SZ-Chefredaktion, nach den โVolksverrรคterโ-Rufen gegen Angela Merkel und andere Teilnehmer der Feier zum Tag der Deutschen Einheit Anfang Oktober 2016: โNein, Schmรคhungen gehรถren nicht zur Meinungsfreiheit.โ
Richtig. Jedoch kann niemand bestreiten, daร die heute so beredt beklagten Haร- und Wutreden damals ihren Anfang nahmen. Es waren nicht Pegida-Anhรคnger, sondern Mitglieder sรคmtlicher seinerzeit im Bundestag vertretener Parteien und deren Claqueure in Presse, Funk und Fernsehen, die ihr Weltbild und ihre politische Deutungsmacht wanken sahen.

