Alice Weidel – Nicht die einzige Lesbe im Dorf

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Kürzlich sorgte eine Äußerung von Alice Weidel in einem Fernsehinterview bei der ARD für mächtig Aufruhr. Auf die Frage einer Zuschauerin, wie sie mit „Queerfeindlichkeit“ innerhalb ihrer Partei umgehe, antwortete die Ko-Vorsitzende der AfD, dass sie gar nicht „queer“ sei. Auch wenn sie seit 20 Jahren mit einer Frau liiert ist und in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt, stellte sie sich ganz klar gegen dieses Label.

Die Antwort schien vor allem dem linken Establishment nicht zu schmecken. Diverse Journalisten und queere Blogger zeigten sich empört und versuchten, ihre Position zu widerlegen. Weidel wurde vorgeworfen, dass ihre Aussage grundlegend falsch sei, weil die vom Mainstream etablierte Begriffsdefinition von „queer“, beispielsweise auf Wikipedia, alle Leute miteinschließe, die nicht heterosexuell sind – und damit auch sie. 

Der eigentliche Grund für die Empörung und das große Medienecho ist jedoch ein ganz anderer: Obwohl Weidel unumstritten lesbisch ist, grenzt sie sich mit ihrer Aussage ganz klar von all den CSD-Gängern und „Queerbeauftragten“ der Bundesrepublik ab. Sie widerlegt den Mythos der unterdrückten queeren Minderheit, die lieber zu Hause bleibt, um nicht aufgrund ihrer Sexualität in der Öffentlichkeit angefeindet und diskriminiert zu werden. Stattdessen bietet sie eine ganz simple neue Erklärung für diese eher stille Gruppe: Viele Menschen, ob homosexuell oder nicht, haben einfach kein Interesse daran, ihre sexuelle Orientierung oder gar ihr Sexleben in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie wollen nicht offen über ihre sexuellen Vorlieben sprechen oder mit halbnackten Menschen in Lack, Leder oder Latex auf dem Christopher Street Day für das Selbstbestimmungsgesetz tanzen.



Sie brauchen auch keine Kanäle für „queere“ Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken, allen voran bei Funk, um sich ihrer selbst sicher zu sein. Sie wollen schlichtweg, dass Privates privat bleibt und nicht zum Gegenstand irgendwelcher anhaltenden politischen Kämpfe für vermeintliche Minderheitenrechte wird. Und gerade das ist den laut schreienden Anhängern der LGBTQIA+-Bewegung ein großer Dorn im Auge. 

Konstruierte Minderheitengruppen sind immer nur dann stark, wenn alle Menschen, die sich ihnen erkennbar zuordnen lassen, auch derartigen Gruppen angehören möchten. Bekennt sich einer aus den vermeintlich eigenen Reihen jedoch nicht, äußert gar Kritik und wehrt sich gegen ein solches Label, fängt die Fassade an zu bröckeln. Denn derartige Konstrukte leben vom Märchen des schweigenden Unterdrückten. Wenn diese „Unterdrückten“ jedoch nicht schweigen, weil sie unterdrückt sind, sondern weil sie einfach nicht über Derartiges reden möchten, wird der Kampf für Sichtbarkeit nichtig. 

Wieso auch sollte man jemanden „sichtbar machen“, der gar nicht gesehen werden möchte? Alice Weidel greift mit ihrer klaren Abgrenzung von der „queeren Community“ eben diese stark an. Sie ist der Fels in der Brandung für all jene, die nicht heterosexuell sind und trotzdem auch nicht queer sein wollen. Sie steht symbolisch für den Schlag Menschen, der sich in unserer übersexualisierten Gesellschaft trotzdem nicht über seine Sexualität definieren möchte. Das wiederum macht sie zum Hassobjekt für all jene Lifestyle-Queeren, für die ihre Sexualität der Dreh- und Angelpunkt des Alltags ist.