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Armenien – Eine Reise zum Ausläufer Europas

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Armenien gehört neben Georgien und Aserbaidschan zu jenen Ländern, deren Fläche sich komplett in der Kaukasusregion erhebt. Das Land liegt mitten im Gebirge und ist durchzogen von steinigen Berg- und Steppenlandschaften, Halbwüsten und dem riesigen Sewansee. Als Binnenstaat grenzt Armenien im Norden an Georgien, im Osten an Aserbaidschan, im Süden an den Iran und im Westen an die Türkei und gilt damit als letzter Zipfel Europas und Anker zwischen der christlichen und der orientalischen Hemisphäre. Der Kaukasus, insbesondere Armenien, gehört zu den ältesten Siedlungsgebieten der Welt. Das heutige Jerewan oder auch Eriwan entstand schon 782 vor Christus als Festung Erebuni und ist damit sogar älter als die Stadt Rom. Jerewan liegt fast 1.000 Meter über dem Meeresspiegel und gehört trotzdem zu den tieferen Punkten des Landes.

Über Silvester hatte ich das Glück, dieses kleine, aber dennoch sehr geschichtsträchtige Land etwas näher kennenzulernen. Wenn man von der Bundesrepublik aus nach Armenien reisen möchte, so findet man auf der Website des Auswärtigen Amtes gleich eine Reisewarnung aufgrund des anhaltenden Konflikts mit Aserbaidschan. Denn auch nach der aserbaidschanischen Annexion der Region Bergkarabach im September des letzten Jahres bleibt das Verhältnis zwischen den beiden Staaten sichtlich angespannt. In der Hauptstadt kriegt man davon jedoch eher wenig mit, von kleineren Mahnwachen in der Innenstadt von Jerewan abgesehen. Trotz über einer Million Einwohner wirkt die Stadt friedlich. Die Kriminalitätsrate liegt quasi im Keller, die Innenstadt ist sauber, und auch als Frau kann man sich zu jeder Zeit frei bewegen und sich dabei sicher fühlen, anders als es in den allermeisten westeuropäischen Metropolen mittlerweile der Fall ist. 

Das Land ist durchzogen von architektonischen Brüchen und Widersprüchen. Gerade in Jerewan zeigt sich deutlich, wie die unterschiedlichen (historischen) Einflüsse wirken. Zwischen sowjetischem Brutalismus, wie am Platz der Republik, neuerlich erbauten westlich anmutenden Hochhäusern und alten Stadthäusern finden sich unwahrscheinlich viele unvollendete Rohbauten und brachliegende Baustellen wie auch am oberen Ende der Kaskaden leer stehende Gebäude sowie halb zerfallene Viertel. Die Stadt wird im Volksmund auch als „pinke Stadt“ bezeichnet, da die meisten Gebäude aus vulkanischem Tuffstein erbaut wurden.

Besonders eindrucksvoll ist der Kond-Pedestrian-Tunnel, ein 460 Meter langer Tunnel mit Zickzack-Licht, welcher von Kond, dem ältesten Viertel der Stadt, ins Zentrum führt und 1936 noch zu Stalins Zeiten errichtet wurde. Er wirkt wie ein Verbindungsstück zwischen zwei völlig verschiedenen Welten unter dem Dach einer gemeinsamen Stadt. Kond wird als ältestes Stadtviertel angepriesen, ist aber komplett heruntergekommen. Die Häuser sind zerfallen und zugemüllt, werden aber meist noch bewohnt. Am anderen Ende des Tunnels erheben sich Hochhäuser, in denen sich Hotels oder luxuriöse Geschäfte befinden.

In Jerewan gibt es nur sehr wenig ÖPNV, die meisten Menschen fahren Auto, auch in der Stadt. Beachtlich ist dabei die Mischung aus Luxuskarossen, besonders Limousinen und SUVs, mit alten (noch) fahrbaren Untersätzen aus Sowjetzeiten. Obwohl die Leute arm sind, scheint das eigene Auto ein wichtiges Statussymbol zu sein. Selbst vor den letzten Bruchbuden stehen nagelneue Chevrolets. 

Das Land ist beinahe homogen. Über 98 Prozent aller Menschen, die in Armenien leben, sind autochthone Armenier. Jedoch leben nur etwa ein Fünftel aller Armenier weltweit tatsächlich in ihrem Heimatland. Als ältestes christliches Land der Welt ist es vor allem der Glaube, welcher das Volk neben der eigenen Sprache samt eigener Schrift eint und trotz aller Widerstände im Zuge der Geschichte zusammengehalten hat und auch heute noch zusammenhält. Er ist ein fundamentaler Teil der Identität dieses armen und dennoch sehr stolzen Volkes. Einst waren die Armenier Heiden. Ein Relikt aus dieser Zeit ist beispielsweise der Tempel in Garni, welcher aus dem 1. Jahrhundert stammt.

Seit dem Beginn des 4. Jahrhunderts ist der christliche Glaube Staatsreligion. Überall im Lande befinden sich alte Gotteshäuser, die meist sehr schlicht und dunkel sind. Markant sind hierbei vor allem die Kreuzsteine, die mit ihren Verschnörkelungen und ihrer Lebensbaum-Symbolik keltisch anmuten. Viele Kirchen in der Hauptstadt wurden hingegen zur Zeit der Sowjetunion abgerissen und erst nach der armenischen Unabhängigkeit im Jahr 1991 neu erbaut. 

Ein wichtiger Teil der armenischen Identität ist außerdem der heilige Berg Ararat, welcher das Motiv vieler Briefmarken, Landschaftsbilder und Geschichten ist. Obwohl sich der Ararat schon seit den 1920er-Jahren, also seit über 100 Jahren, auf türkischem Boden befindet, beanspruchen die Armenier ihn nach wie vor für sich. Beachtlich ist außerdem, dass die Worte „Türkei“ und „Aserbaidschan“ im armenischen Wortschatz beinahe nicht auftauchen. So kommt es, dass der armenische Kaffee zwar wie türkischer schmeckt, aber dennoch armenisch ist. 

Obwohl die Armenier besonders im 20. Jahrhundert durch den Genozid und den Kommunismus so gebeutelt wurden, haben sie ihren Stolz und ihre Identität bis heute bewahrt – und das hinterlässt Eindruck.