Raketenangriff auf die Ukraine – Terrornächte und Latrinenparolen

6 Min lesen

„Ich glaube, die Russen haben die Flugabwehr ausgeschaltet“, raune ich meinem weißrussischen Stubenkameraden zu, als zum wiederholten Mal ein Einschlag zu hören ist und die Fensterscheiben leicht vibrieren. Der reibt sich bloß verschlafen die Augen und sagt gelangweilt: „Kann sein.“ Er hat die Ruhe weg, dreht sich auf die andere Seite und ist im Nu wieder eingeschlafen, dabei geht es jetzt Schlag auf Schlag. Ich greife nach meinem Mobiltelefon. Es ist sieben Uhr morgens. Gegen halb vier war zum ersten Mal ein Knall zu hören gewesen, wie ich später von einem deutschen Freiwilligen erfahren werde, der schon den Balkankrieg auf kroatischer Seite mitgemacht hat. Ab sieben Uhr sind Explosionen in Minutenabständen zu hören.

Da ich den lauten Knall der Patriot-Flugabwehrraketen nicht hören kann, halte ich jede dieser Explosionen für einen Treffer. Ich schicke meinem griechischen Kameraden Niente eine Sprachnachricht, in der ich ihn auf diesen Umstand aufmerksam mache und ihm meine Vermutung mitteile, die Russen hätten die Patriot-Batterien zerstört. Ich füge noch hinzu: „Es muss Hunderte tote Zivilisten geben.“ Der antwortet prompt: „Ja, sie haben sie mit Drohnen zerstört. Danach haben sie die Marschflugkörper abgeschossen. Sie haben das sogar bekanntgegeben.“ Das bestärkt mich in meinem Glauben, Kiew sei zu diesem Zeitpunkt ohne effektive Luftverteidigung. Hinzu tritt der Umstand, dass vorübergehend der Strom ausfällt und kein Wasser aus dem Wasserhahn kommt. Es muss also definitiv Treffer gegeben haben. Eine Freundin aus der Oblast Odessa schreibt mir kurz darauf, auch Hyperschallraketen vom Typ Ch-47M2 Kinschal seien auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert worden. Immer wieder höre ich zwar ein Flugabwehrgeschütz, aber gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper sind Flugabwehrkanonen wirkungslos.

Ich gehe ins Erdgeschoss und treffe dort auf einen Kölner. Der baumlange Kerl sitzt mit einigen Briten, Amerikanern und Georgiern zusammen. Als ich frage: „Hast du die Patriots gehört?“, verneint er. Auch er ist der Ansicht, die Russen müssten sie zerstört haben. Er ist etwas bleich, aber wahrscheinlich habe ich auch keine gesunde Gesichtsfarbe. „Klug wäre es, wenn wir in den Keller gehen würden“, sage ich mit einem Augenzwinkern. Er stimmt mir zu, aber keiner von uns macht Anstalten, in den Keller zu gehen. Niemand möchte für einen Feigling gehalten werden. Als jemand, der auszog, das Fürchten zu lernen, komme ich an diesem Morgen voll auf meine Kosten. Von Euphorie und Adrenalin, die sonst jedes noch so gefährliche Ereignis versüßen, fehlt jede Spur. Es ist ein sehr unangenehmes Gefühl des Ausgeliefertseins. Mittlerweile ist es acht Uhr und draußen knallt es immer noch, mal näher, mal weiter weg. Mit einem Mal habe ich noch mehr Respekt vor all den Ukrainerinnen, die seit dem 24. Februar 2022 nicht das Land verlassen haben oder wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Nicht nur die Soldaten an der Front, auch die Zivilisten brauchen in diesem Krieg starke Nerven.

Der Kölner, ein ehemaliger britischer Fallschirmjäger und ich beschließen, einen Kaffee trinken zu gehen. Auch wenn es niemand ausspricht: Wir wollen raus aus der Kaserne. Nicht länger auf dem Präsentierteller sitzen. Der Raketenbeschuss scheint eher stärker zu werden. Natürlich haben alle Cafés geschlossen. Sie müssen sogar geschlossen bleiben. Irgendwann finden wir aber doch eine Bretterbude, in der wir unseren Americano bekommen. Immer noch sind ab und zu Explosionen zu hören. Bis etwa neun Uhr. Hätten wir gewusst, dass wir einem Irrtum aufsitzen und die größte Gefahr durch herabfallende Trümmerteile besteht, wären wir nicht im altem Lada des Engländers spazieren gefahren, sondern im Erdgeschoss sitzengeblieben. Die Hauptstadt war zu keinem Zeitpunkt ohne funktionierende Luftabwehr. Doch erst im Laufe des Nachmittags dämmert es mir, dass das von Deutschland gelieferte bodengestützte Flugabwehrraketen-System IRIS-T und das von einem norwegischen und einem amerikanischen Rüstungsunternehmen produzierte Flugabwehrraketen-System NASAMS den Großteil der auf Kiew abgefeuerten Raketen und Marschflugkörper abgefangen haben müssen. Sonst wären das Ausmaß der Zerstörung größer und die Opferzahlen höher. Ein Brite aus meiner Einheit möchte auch ein paar Patriots gehört haben.

Der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, General Saluschnyi, spricht davon, dass in den Morgenstunden des 2. Januar 72 der auf die beiden größten Städte des Landes abgefeuerten Raketen und Marschflugkörper abgefangen worden seien. Darunter alle zehn Kinschal-Raketen. Insgesamt hat Russland nach einem nächtlichen Drohnenangriff 99 Raketen und Marschflugkörper auf die Ballungsräume Kiew und Charkiw abgeschossen. Es war der massivste Luftangriff auf Kiew seit Kriegsbeginn.