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Gesunde asiatische Blässe

22. Dezember 2021

In vielen Ländern, in denen die hellhäutige Bevölkerung noch die Mehrheit stellt, ist eine Minimalpigmentierung heutzutage nicht mehr angesagt. Die Angehörigen dieser bemitleidenswerten Gruppe werden mittlerweile für alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Übel verantwortlich gemacht. Ihr weltweiter Einfluss sinkt beständig.

Interessanterweise waren schon vor Jahrzehnten viele von ihnen von der Wahnidee besessen, möglichst dunkelhäutig („braungebrannt“ klingt aber besser) aus dem Urlaub zurückzukehren. Mallorca, sogar mit einem deutschen Spitznamen versehen, gilt schon lange als „Teutonengrill“ für teilweise krebsrot geröstete Urlauber, die dann im örtlichen Sauflokal „Ballermann“ literweise Alkohol durch ihre ausgedörrten Kehlen fließen lassen.

Du bist aber schön weiß geworden!

In Taiwan dagegen, wie in anderen Teilen Ostasiens, wollen vor allem die Damen möglichst weiß aussehen. Dabei kann man dies auch als eine Frage des sozialen Status interpretieren, denn Kosmetika sind teuer und Hautpflegeprodukte umso mehr. Ein heller Teint wird allgemein angestrebt, wie früher bei den gehobenen gesellschaftlichen Schichten in Europa. Diese Variante von Whiteface wird auf Formosa nicht als Problem betrachtet, eher im Gegenteil.

Der Markt für whitening cream bewegt riesige Summen und selbst junge Frauen sind gute Kundinnen. Allgegenwärtige Werbung dafür sticht einem ins Auge. Vor allem in den richtig schön warmen Monaten von April bis Oktober, in denen es zumal häufig wolkenbruchartige Schauer gibt, ist es durchaus üblich, dass Frauen aller Altersklassen sich mit Regenschirmen vor der Sonne schützen.

Das habe ich bei 35 °C und 80% Luftfeuchtigkeit im Schatten auch schon getan und erscheint zur Vermeidung von Sonnenstichen äußerst sinnvoll, doch wirkt es ein wenig übertrieben, wenn Taiwanesinnen nicht einmal zwei Schritte tun können, ohne den Schirm aufzuspannen. Man hat somit fast den Eindruck, dass wie bei Vampiren ein einziger Sonnenstrahl auf ihren blassen Körpern ausreichen würde, damit sie vor aller Augen zu Staub zerfallen.

Meines Erachtens dreht es sich indes nicht nur um ein althergebrachtes, uns Europäern (mittlerweile) völlig fremdes Schönheitsideal, wie man es aus der klassischen chinesischen Malerei kennt. Bevor es zu Beginn dieses Jahrhunderts auf der Insel langsam modern wurde, sich möglichst als Ureinwohner polynesisch-malaiischer Herkunft zu definieren, war eine dunkle Hautfarbe oft ein Diskriminierungsgrund.

Weißer Kaffee, schwarze Zähne

Wenn man früher jemanden nach eventuellen eingeborenen Vorfahren fragte, wurde dies mehrheitlich vehement bestritten. Man identifizierte sich praktischerweise mit der großen Mehrheit von 98% Chinesen. Doch gibt es stets Ausnahmen. Meine ehemalige taiwanesische Freundin fuhr Motorroller immer ohne Ärmelschoner, Handschuhe sowie Gesichts- und Nackenschutz – und das war ihr natürlich anzusehen.

Kurioserweise wollte sie mal ein geschenktes Set mit Shampoo, Duschgel und eine dieser Cremes an mich weiterreichen. Ich lehnte freundlich dankend ab mit der Begründung, dass ich ja eigentlich schon weiß genug sei.

Passenderweise gibt es in Taiwan für den hygienebewussten Rassisten Zahnpasta der Marke Whiteman, jedoch auch Darlie, ehemals Darkie, für vermeintliche Antirassisten. Denn der englische Name und das Logo wurden Ende der 80er Jahre wohl auf ausländischen Druck hin geändert, aber der chinesische Name „Neger“ oder „Schwarzer“, blieb unverändert.

Bei meiner Internetrecherche habe ich übrigens keine Übersetzung für whitening cream gefunden, nur für whitener-und das ist ein Kaffeweißer. Das sagt alles über den Bedarf für derartige Bleichmittel im deutschen Sprachraum.

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