Narrative des Nahen Ostens – Liberal, national oder christlich?

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Lieber Leser, ein kurzer Hinweis vorab: Als Debattenmagazin scheuen wir keine kontroversen Themen, im Gegenteil: Wir wollen ihnen eine Plattform bieten. Wir sind uns allerdings der Brisanz des Themenkomplexes „Nahost“ bewusst. Der folgende Artikel spiegelt die Meinung des Autors wider, nicht die der Redaktion. Wir freuen uns auf eine angeregte Debatte!

Das rechte Lager ist gespalten. Während manche AFD-Politiker sich ziemlich stark für Israel einsetzen und insbesondere das Verhalten Israels im Gaza-Konflikt verteidigen, betonen andere stark eine interessengeleitete Politik Deutschlands oder kritisieren das Vorgehen des jüdischen Staats aus moralischen Gründen. Hier findet vordergründig mal wieder eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Flügeln der AFD statt: solidar-patriotisch und liberal-konservativ.

Liberal-Konservative neigen traditionell dazu Israel mit Verweis auf die historische Verantwortung Deutschlands zu verteidigen und zu unterstützen. Dazu kommt aus liberaler Perspektive der Verweis auf die westlichen Werte des Landes die es mit uns verbinden. Hingegen werden aus solidar-patriotischer Perspektive die deutschen Interessen und eine Art Pazifismus ins Feld geführt, welchen der Konflikt im Nahen Osten nicht dienlich sei. Diskutiert wird mit Begriffen wie: Frieden, Eigeninteresse, Verantwortung, Menschenrechte, Demokratie etc. Hinter diesen Argumentationen stehen unterschiedliche Narrative:

Der Liberalismus (rechts wie links) sieht alle Menschen als prinzipiell gleich an. Er kennt mit den Menschenrechten eine Art allgemeines Weltgesetz und mit der liberalen Demokratie so etwas wie eine Zielstaatsform. Religion ist in diesem Denken Privatsache und solange in Ordnung, wie sie der liberalen Demokratie dient oder ihr zumindest nicht im Weg steht. Das Verhalten von Staaten ist nach den Menschenrechten und eigenen Interessen zu beurteilen. Die Wurzeln dieses Denkens liegen in der Aufklärung und im Humanismus.

Der Nationalismus sieht das Interesse der eigenen Nation als vorgeordnet an. Er gesteht jedem Volk und jeder Ethnie ihre eigenen Kultur und Politik zu. Seine Verantwortung sieht er in der Verwaltung und Förderung der eigenen Kultur und des eigenen Staates. Andere Völker und außenpolitische Ereignisse werden zunächst nach ihrer Auswirkung auf das eigene Volk bewertet. Diese Idee bezieht sich auf ein traditionelles und historisches Volksverständnis und vertritt gewissermaßen eine Art Ethnopluralismus.

Aus christlicher Perspektive erfassen beide Narrative die Natur des Nahostkonflikts ungenügend. Weder Menschenrechte noch Nationalstaatlichkeit sind meines Erachtens nach die beherrschenden Motive in diesem Konflikt. Daher möchte ich in ein paar Grundzügen die biblische Perspektive darlegen. Vielleicht mag es dem ein- oder anderen zum Verständnis des Konflikts helfen, dem Rest wenigstens zum Verständnis der Position der christlichen Israelunterstützer.

Der Nahostkonflikt beginnt in der Bibel nicht mit der Staatsgründung Israels im Jahre 1949, sondern ist bereits in der Familiengeschichte der Stammväter der Araber und Juden verankert. Abraham der als sowohl als biologischer Stammvater der Juden und Araber, als auch als geistiger Stammvater des Judentums, Christentums und Islams gilt hatte zwei Söhne: Ismael und Isaak. Ismael wurde von Abraham mit der ägyptischen Magd Hagar gezeugt und wurde später von Abraham mit seiner Mutter fortgeschickt. Aus biblischer und islamischer Sicht ist er der Stammvater der Araber und spielt im Islam die wichtigere Rolle. Isaak hingegen wurde mit Abrahams Frau Sara gezeugt und ist der Stammvater der Juden und des Judentums. Der Konflikt und die globale Bedeutung beider Söhne wird bereits im ersten Buch der Bibel angedeutet. Über Ismael sagt Gott zu Hagar (Genesis 16,10-12):

 â€žIch will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. Er wird ein Mann wie ein Wildesel sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird sich all seinen Brüdern vor die Nase setzen.“ 

Über Isaak sagt Gott zu Abraham (Genesis 17,19):

„Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak nennen, und ich will meinen Bund mit ihm aufrichten als einen ewigen Bund für seine Nachkommen.“

Und außerdem (Genesis 17,7+8):

„Ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, sodass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zu ewigem Besitz und will ihr Gott sein“

Aus der Bibel und teilweise aus dem Koran geht also bereits hervor, dass sowohl das Judentum als auch die Araber globale Bedeutung in der Weltgeschichte haben werden und, dass sie aufgrund von Erwählung und Verstoßung in Konkurrenz zueinander stehen. Des Weiteren, dass das Land Kanaan dem Volk Israel verheißen ist. Tatsächlich lebten die Israeliten auch viele Jahrhunderte in Israel und dem Gebiet das heute als Palästina gilt.

Zu „Palästina“ wurde es erst als nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer. Um die besiegten Juden zu demütigen und ihr Recht an ihrem Land zu untergraben benannte der römische Kaiser Hadrian ihr Land nach ihren Erbfeinden, den Philistern. Im Nahostkonflikt greifen also Jahrtausende alte Geschichte, ethnische Identität und Religion ineinander und führen zu einem Konflikt der mit einem oberflächlichen Liberalismus weder zu verstehen noch zu lösen ist.

Für den Nichtchristen gilt es zumindest diese Dimensionen zu berücksichtigen und von allzu naiven Lösungsvorschlägen und wohlfeiler Kritik Abstand zu nehmen. In diese Kategorie gehören unter anderem der Ruf nach einem Waffenstillstand mit den palästinensischen Milizen oder das Fordern eines weiteren Araberstaates auf dem verheißenen Land. Für den gläubigen Christen der in all dem die Erfüllung göttlicher Verheißungen sieht gilt umso mehr eine respektvolle Hochachtung und Sympathie gegenüber dem Bundesvolk Gottes.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dieser Hang zum Zionismus, den man leider Gottes bei so einigen Christen vorfindet, ist leider der schlimmste Aspekt am gesamten Glauben. Die ganze Sache ist auch sehr kontemporär und undeutsch, sie ist eher ein amerikanisches Ding und dort zeigt sie sich auch in ihrer schlimmsten Form.
    Wir als Christen sollten uns davon fernhalten.

  2. Religiöse Konflikte mögen im Hintergrund ihren Beitrag zu den Spannungen in Nahost leisten. Erhellender erscheint mir die geopolitische Sicht auf die aktuelle Egon Bahr: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“

    These: Mit dem Fall von Syrien als auch mit dem durch die USA geforderten Regime Change im Iran verschwindet der russischen Einfluss in Nahost. Die USA verbleiben in der Region als uneingeschränkter Hegemon mit Israel als Speerspitze und Basislager. Künftig vielleicht sogar mit Zugriff auf Ölfelder am Persischen Golf. Als bekennender Öl-Fan hatte Trump den Iran schon in seiner ersten Amtszeit ins Visier genommen. Fürs unbedarfte Publikum wird das ganze zum Kulturkampf hochgejazzt. Sieht besser aus.

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