„Sexarbeit“ – Die Bagatellisierung gekaufter Intimität

13. April 2026
in 2 min lesen

Der Begriff „Sexarbeit“ kam in den 1970er-Jahren auf. Seither wird er gängigerweise im Kontext mit sogenannten „sexuellen Dienstleistungen“ benutzt und ersetzt inzwischen fast überall den eher negativ konnotierten Begriff „Prostitution“. „Sexarbeit“ klingt nach Arbeit und somit fast wie eine ganz normale Erwerbstätigkeit. Gerade auch unter modernen Feministen wird diese „Berufswahl“ mehr und mehr glorifiziert und nur allzu oft ungeachtet ihrer Schattenseiten für die (meist) betroffenen Frauen betrachtet. 

Das Gleiche passiert aktuell in einer Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, die den Titel „Sex Work – Eine Kulturgeschichte der Sexarbeit“ trägt. Die Ausstellung startete Anfang April, wurde für ihren „modernen Ansatz“ reichlich von der Kritik gelobt und erzählt die Geschichte des „ältesten Gewerbes der Welt“, eigens kuratiert von echten Sexarbeiterinnen aus dem Milieu. Schon am Eingang der Galerie lässt sich der Slogan „Sex Work is honest work“ lesen. Mit rund 800 Exponaten läuft der Rundgang von der Antike bis zur Gegenwart. Ölgemälde aus vergangenen Jahrhunderten zeigen leicht bekleidete Frauen umgeben von einem Pulk von Männern im Freudenhaus. Fotografien in Schwarz-Weiß und in Farbe fangen sexuelle Fetische und Handlungen ein. An mancher Stelle sind Sexspielzeuge oder anrüchige Kleidung wie Corsagen oder Lederstiefel aus verschiedenen Epochen ausgestellt. Karten zeigen die historischen Standorte der Etablissements in den deutschen Großstädten Berlin, Hamburg, Köln und Bonn.

Eine weitere Karte soll den weltweit unterschiedlichen Umgang mit Prostitution zeigen. In manchen Ländern werden Käufer und Verkäufer von sexuellen Dienstleistungen verfolgt und bestraft, andernorts trifft es nur Freier und Zuhälter oder nur Prostituierte. In wiederum anderen Ländern ist Prostitution in Gänze legalisiert und entkriminalisiert. In Deutschland beispielsweise gilt Prostitution seit 2002 rechtlich als offizielle Dienstleistung mit Sozialversicherungspflicht und Steuernummer.

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Während der gesamten Ausstellung wird immer wieder in durchdeklinierter Gendersprache über die Marginalisierung und Diskriminierung von Prostituierten geklagt. Wenig bis gar keine Erwähnung findet dabei die kleine, aber dennoch relevante Tatsache, dass ein großer Teil an Prostituierten gar nicht selbstbestimmt und freiwillig in diesem Gewerbe arbeitet, wie es emanzipierte „Dominas“ oftmals suggerieren. Viele Frauen entscheiden sich aus existenziellen Gründen für diese Tätigkeit oder werden gar von Dritten dazu gezwungen. Besonders häufig trifft man auf der Straße auf Frauen aus Osteuropa. Seit der Entkriminalisierung von Sexarbeit in Deutschland gilt die Bundesrepublik als das Prostitutionsparadies schlechthin, da sie Bordelle zum normalen Gewerbe machte. 

Über 80 Prozent der hier vor Ort anschaffenden Prostituierten sind Ausländer. Die meisten betroffenen Frauen stammen aus Bulgarien und Rumänien. Was ebenfalls nicht aufgearbeitet wird, sind die langfristigen physischen und psychischen Folgen und Belastungen von Prostitution für Körper und Seele. An keiner Stelle bekommen Aussteiger aus der Sexarbeit eine Bühne. Fast nirgendwo wird darüber gesprochen, dass mit sexuellen Dienstleistungen nicht nur Geschlechtskrankheiten einhergehen können, sondern dass dieses Gewerbe im Regelfall Hand in Hand geht mit Alkoholismus und Drogenmissbrauch und -kriminalität. 

Die ganze Ausstellung arbeitet quasi durchgehend mit wohlklingenden Bezeichnungen für Prostitution und Prostituierte. Fast so, als wolle man Werbung für diesen Beruf machen und Menschen, die diese Dienstleistungen nicht vollends als normale, ehrenwerte Arbeit akzeptieren, an den Pranger stellen. 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Prostitution ist aus unsrer Welt nicht wegzudenken. Und ja, manchmal sind die Grenzen zu ›normalen‹ Beziehungen fließend. Denn Geld macht sexy. Aber es bleibt ein fragwürdiges Gewerbe. Für die darin tätigen Frauen sowieso, weil sie Sexualität nicht als Intimität sondern als Geschäft erleben, aber auch für die Männer, die – plump gesagt – zu dröge sind, eine Frau kennenzulernen, zu verstehen, zu achten, zu ehren – also alles das, was eine erfüllende Sexualität vorauszusetzen scheint.

  2. „…anrüchige Kleidung wie Corsagen oder Lederstiefel aus verschiedenen Epochen…“
    Vielen Dank Frau Boßdorf, für diesen großartigen Lacher.

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