Meine Vorfahen waren dabei. Und jetzt?

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Wohl noch nie hat die Frage „War Opa/Oma ein Nazi?“ so viele Deutsche umgetrieben wie dieser Tage. Zwar hatte das Nationalarchiv der USA die Mitgliederkartei der NSDAP bereits im März ins Internet gestellt, doch weil sich die Dokumente auf den Servern nur mühsam durchforsten ließen, haben sie „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ heruntergeladen und im Juni für jeden leicht durchsuchbar gemacht. Unter der Rubrik „Die NSDAP-Kartei“ veröffentlichte die SZ am 26. Juni einen QR-Code mit der Erklärung:

„Mehr als zehn Millionen Menschen traten einst der NSDAP bei. Auf sz.de können Sie suchen, ob jemand aus Ihrer Familie dazu zählte – einfach den QR-Code mit dem Handy scannen. Zeitungsabonnenten können sich für sechs Monate kostenlos einen Digital-Zugang freischalten lassen.“

Fairerweise machte das Blatt aber in derselben Ausgabe auf den entscheidenden Punkt aufmerksam:

„Die Daten aus der Mitgliederkartei können nichts aussagen über das Ausmaß der Verstrickung oder möglicher Schuld, weder bei den bekannten noch bei den Millionen unbekannten Namen in der Nazikartei…. Es gab im Dritten Reich etliche weitere Organisationen, die der NSDAP angeschlossen und ebenfalls nach dem Führerprinzip organisiert waren, die aber keine Mitgliedschaft in der NSDAP erforderten: von der Hitlerjugend bis zur NS-Frauenschaft, von der Deutschen Arbeitsfront bis zur SA oder SS.“

Dem Autor dieser Zeilen, Jahrgang 1941, war all dies aufgrund seines damaligen Gymnasialunterrichts in Geschichte und Gegenwartskunde bestens bekannt: Als Konsequenz entwickelte ich mich in den sechziger und siebziger Jahren zu einem Linksextremisten, der im kulturrevolutionären Wüten der Roten Garden in der Volksrepublik China den Lichtschein einer „konkreten Utopie“ erkennen wollte. Damals führte das zum Bruch mit den für mich wichtigsten Personen – meinen Eltern, meiner Großmutter sowie meiner Tante väterlicherseits und deren Ehemann.

Bis heute steht mir der alles entscheidende Abend vor Augen: Wie jedes Jahr fuhren meine Eltern und ich 1959 nach Goslar, um Tante und Onkel zu besuchen. Ich stand kurz vor dem Abitur, als sich nach den Fernsehnachrichten das Gespräch der Erwachsenen den zwanziger und dreißiger Jahren zuwandte. Mein Onkel, seinerzeit Pilot, schwärmte von Hermann Göring, der als Reichsmarschall für die Luftwaffe zuständig war, mein Vater (Jahrgang 1910) lobte als ehemaliger Marinesoldat Großadmiral Karl Dönitz, damals Oberbefehlshaber der Kriegsmarine. Tante und Mutter (Jahrgang 1915) schwelgten in Erinnerung an den Besuch der Olympischen Spiele 1936 in Berlin. In mir kochte die Wut hoch, bis ich die Lobhudeleien nicht mehr ertrug und mit zittriger Stimme rief: „Und was ist mit den ermordeten sechs Millionen Juden…?“

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Ich stieß auf Schweigen, stand auf und ging ins Bett, wo ich lange nicht einschlafen konnte. Am nächsten Morgen fuhren wir nach Hause – schweigend. Das Thema wurde nie wieder erwähnt. Jeder kannte die Einstellung des anderen. Mein Vater, als Korvettenkapitän pensioniert, starb 1972 im Alter von 62 Jahren an Krebs, meine Mutter wurde 95.

Meine Großmutter, geboren Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in Mecklenburg, zog nach ihrer ersten Heirat nach Kiel und übernahm dort eine Gaststätte, die besonders gern von Soldaten besucht wurde. So lernte eine ihrer zwei Töchter, also meine Mutter, meinen Vater kennen. 1945 wurde die Großmutter ausgebombt und zog nach Bad Bramstedt, einem Kurort. Sie erwarb günstig ein Riesengrundstück mit einem entsprechend großen Haus, das sie zu einer florierenden Pension entwickelte. Meinen Eltern, die nach dem Willen meines Vaters eigentlich nach Flensburg ziehen wollten, schenkte sie ein Grundstück, auf dem sie das erste Fertighaus des Ortes errichten ließen. Hier verbrachte ich die entscheidenden Jahre meiner Jugend. Meine Großmutter starb, als ich längst im Berufsleben stand.

Natürlich hatte ich auch mir schon seinerzeit die Moralfrage gestellt: „Was hätte ich damals getan?“ Meine Antwort ist bis heute unverändert: Ich weiß es nicht. Aus der pennälerhaften Gesinnung von einst wurde längst das Mißtrauen gegenüber dem eigenen Gewissen. Recht hat der Historiker Ulrich Herbert, der gegenüber der „Süddeutschen“ erklärte:

„Der Begriff Schuld ist, wenn er nicht juristisch gefasst wird, schwierig und eher metaphysischer Natur. Manche haben Hitler bejubelt, vielleicht antisemitische Parolen gebrüllt und die Diktatur gestützt. Andere standen am Rand der Erschießungsgrube und haben abgedrückt. Das ist ein Unterschied. Entscheidend ist letztlich, was die Menschen wirklich getan haben, und weniger, was sie gesagt oder gefühlt haben.“


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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Die Mutter schwelgt in Erinnerungen an ein schönes Sportfest wie Olympia und wird dann am Essenstisch zusammengefaltet. Ich denke man kann an diesem Artikel gut den altbekannten Spruch herauslesen, der da geht: „Wer jung und nicht links ist hat kein Herz. Wer erwachsen und noch links ist hat keinen Verstand.“ Die Boomergeneration hat sich in erster Linie emotional leiten lassen, ohne Rücksicht auf damalige Umstände und ich denke sehr viele haben deshalb mit in den 60-70ern ihre familiären Beziehungen nachhaltig beschädigt.

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