Carlo Clemens hat in seinem Artikel „Eat the not-so-rich“ die Frage aufgeworfen, ob Libertäre und Rechte einen strategischen Fehler begehen, indem sie den Staat als einzige Bedrohung betrachten und die Macht transnationaler Großkonzerne sowie privater Akteure systematisch unterschätzen. Er argumentiert, dass die zumeist immobil gebundene Mittelschicht zunehmend steuerlich belastet wird, während sich das globale Großkapital mit dem progressiven Staat arrangiert, um die eigenen Marktpositionen zu sichern. Insbesondere libertäre Milieus würden hierbei einen strategischen Fehler begehen:
„Sie betrachten den Staat als einzig relevante Bedrohung individueller Freiheit und unterschätzen dabei die Macht privater Großakteure. Doch wirtschaftliche Machtkonzentration kann ebenso freiheitsgefährdend wirken wie staatliche Zentralisierung – insbesondere dann, wenn beide Seiten miteinander kooperieren.“
Clemens stellt zudem die These auf, dass der moderne Milliardär heute „progressiv, globalistisch und gesellschaftspolitisch ‚woke‘ codiert“ sei. Er nenne „brav seine Pronomen, sei Schirmherr von Diversitätskampagnen, Klimastiftungen oder NGO-Netzwerken und profitiere gleichzeitig von offenen Grenzen, globalisierten Märkten und internationaler Kapitalmobilität.“
Musk und Thiel: Macht durch staatliche Nähe
Man könnte dieser Argumentation nun einen Peter Thiel oder Elon Musk entgegenhalten – Letzterer besitzt allein bereits ein größeres Vermögen als alle deutschen Milliardäre zusammen und kann ganz sicher nicht als „woke“ bezeichnet werden. Damit würde man es sich allerdings etwas zu einfach machen. Denn einerseits gibt es in Deutschland praktisch keinen einzigen Milliardär oder wenigstens einen DAX-CEO, der sich öffentlich entschieden gegen die vorherrschende politische Agenda stellt oder gar offen mit der AfD sympathisiert – abgesehen vielleicht von einem Theo Müller.
Andererseits hat Clemens natürlich durchaus einen Punkt, wenn man sich die Personen Musk und Thiel einmal genauer anschaut: Musk ist heute zweifelsohne einer der mächtigsten Menschen auf diesem Planeten und verfügt über den Zugriff auf kritische Infrastruktur sowie ein mächtiges Satellitennetz – etwa zwei Drittel aller im All befindlichen aktiven Satelliten gehören dem gebürtigen Südafrikaner. Schon jetzt kann Musk Kriege beeinflussen und Staaten unter Druck setzen. Kein Wunder, dass er die Nähe zur Politik sucht, um seine mangelnde demokratische Legitimation durch die Beeinflussung der Staatsmacht auszugleichen und sich die Unterstützung der Regierung für den weiteren Ausbau seiner Macht zu sichern. Gleichzeitig ist die Politik gewillt, jemanden wie Musk bei Laune zu halten; immerhin verspricht er Macht, Arbeitsplätze, Innovation und finanzielle Prosperität für die Regionen, in denen er sich niederlässt.

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