Die Probleme, vor denen Sachsen-Anhalt steht

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Kommenden Sonntag ist es endlich so weit: In Sachsen-Anhalt werden die Wahlberechtigten an die Urnen gerufen, um über die politische Zukunft ihres Bundeslandes abzustimmen. Wie das Ergebnis ungefähr ausgehen wird, ist aus den allgegenwärtigen Wahlumfragen bekannt, doch eine Entscheidung fällt erst am Wahltag: Kann die AfD alleine regieren oder wird es eine CDU-geführte Regierung geben, möglicherweise als Minderheitsregierung mit linker Tolerierung? Die ganze Bundesrepublik, ja große Teile des (europäischen) Auslands schauen deswegen auf dieses Bundesland an der Elbe.

Das Beben, das von dort ausgeht, könnte die ganze politische Zukunft Deutschlands entscheidend mitbestimmen. Ein Land, dessen politische Entität ähnlich wie die von Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz ein künstliches Produkt der alliierten Nachkriegspolitik ist, das sprachlich und kulturell eine deutliche Teilung zwischen Nord und Süd aufweist, dessen Norden die Wiege der Mark Brandenburg und die Geburtsstätte des Reichseinigers von 1871 war, während sein Süden die Gräber des ersten deutsch-römischen Kaisers und dessen Vaters barg und später den Funken der lutherischen Reformation über ganz Europa entfachte – und nun könnte es möglicherweise wieder mit ähnlicher historischer Bedeutung schwanger sein.

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Dabei grenzt es heute fast an ein Wunder, dass Sachsen-Anhalt eine solche Bedeutung zugemessen wird: Schließlich bildet dieses Land im Vergleich zu den anderen deutschen Bundesländern in vielen Belangen das Schlusslicht. Wenn man die Länder nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) vergleicht, so steht Sachsen-Anhalt auf Platz 12 von 16, mit einem Anteil von gerade einmal 1,8 Prozent am gesamtdeutschen BIP. Pro Kopf gerechnet bildet das Land sogar das Schlusslicht, ganz knapp hinter Thüringen mit 38.452 Euro pro Kopf. Viele Einwohner hat das Land auch nicht: Auf eine Fläche von ca. 20.000 Quadratkilometern kommen etwa 2,1 Mio. Menschen, was Sachsen-Anhalt auf Platz drei der am dünnsten besiedelten Bundesländer verschlägt – nur Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg haben eine geringere Bevölkerungsdichte.

Hingegen ist Sachsen-Anhalt in einer Kategorie tatsächlich trauriger Spitzenreiter: Seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Landesteile 1990 verlor das Land knapp ein Viertel (!) seiner Einwohner, vor allem durch Abwanderung in die alten Bundesländer. Wer sich die Demografie Sachsen-Anhalts ansieht, kann nur in Depressionen verfallen: Das Land ist völlig überaltert, die Geburtenraten sind niedrig – insgesamt wurden 11.978 Kinder geboren, während fast 35.000 Menschen starben –, der Männerüberschuss ist fatal hoch (1,17 zu 1), da viele junge Frauen abwandern. Die Probleme, die daraus folgen, sind naheliegend: etwa die Engpässe in der Gesundheitsversorgung durch zu viele alte, kranke Leute sowie das Fehlen von (jungen) Ärzten oder die schrumpfenden Dörfer und der daraus folgende Zerfall des kulturellen Lebens auf dem Land.

Und dazu kommen noch die Folgen der Migrationspolitik: Die bereits völlig überalterten und meist stillen Zentren der Mittelstädte Sachsens-Anhalts sind nun von jungen, meist männlichen Migranten besetzt. Das berühmte „Stadtbild“ in den Städten zwischen Harz und Fläming hat sich in den letzten zehn Jahren derart stark verändert, dass es teilweise kaum wiederzuerkennen ist – auch das wird einer der Hauptgründe für die 40 Prozent für Ulrich Siegmund sein. Im Unterschied zu den alten Bundesländern geschah dieser demografische Wandel auf einen Schlag, innerhalb nicht einmal einer Generation – ich selbst kenne noch den Unterschied –, sodass es nicht verwunderlich ist, dass die Leute genau die Partei in der Mehrheit wählen, die als einzige willens ist, diese Lage zu erkennen und Maßnahmen dagegen zu ergreifen.

Der Erfolg einer möglichen AfD-Alleinregierung wird daran gemessen, wie diese existenziellen Probleme angepackt werden – und darin liegt ein Problem: Eine Landesregierung in Magdeburg allein kann an einigen Symptomen herumdoktern, aber letztlich haben wir es mit Herausforderungen zu tun, von denen viele das ganze Bundesgebiet betreffen, im Osten jedoch viel stärker zu sehen sind und in Sachsen-Anhalt am krassesten ausgeprägt sind. Eine dauerhafte Lösung wird sich wohl nur durch einen Kurswechsel auf Bundesebene bieten können; Sachsen-Anhalt wird aber vielleicht ein Vorreiter sein – und darin besteht schon viel Hoffnung. Siegmund und seine Partei bringen einen Optimismus in das Land – zumindest unter seinen Wählern –, den es so lange nicht mehr gesehen hat und der möglicherweise dem historischen Gewicht, das das Land in seiner Vergangenheit hatte, Rechnung tragen könnte.


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