Kultur ist mehr als nur „Benimmregeln“

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Das wohl wesentlichste Argument, das zur Kritik einer unkontrollierten Einwanderungspolitik hochgehalten wird, sind die Probleme im öffentlichen Leben, die hiermit einhergehen. Diese reichen von weniger greifbaren Erscheinungen wie gesellschaftlicher Spannung oder kultureller Entfremdung hin zu statistischen Tatsachen wie es Wohnungsmangel oder Ausländerkriminalität wären.

Diese Argumente sind in sich durchaus stimmig, doch der Intuition zuwiderlaufend können sie nichtsdestotrotz der Gegenseite in die Karten spielen, denn diese Argumentation reduziert das Phänomen letztlich auf eine rein utilitaristische Betrachtung: Es geht einzig um die praktischen Probleme, die die Einwanderung mit sich führt. Weitergedacht heisst das, würden sich alle Einwanderer makellos gemäss den herrschenden Sitten verhalten, so gäbe es nichts an der Massenzuwanderung auszusetzen. Und dies wiederum bedeutet, dass man die Bedeutung der ethnokulturellen Homogenität bereits abgeschrieben hätte.

Eine massenhafte Zuwanderung hat eine viel weitreichendere Bedeutung, als einzig die Unannehmlichkeiten, die im Alltagsleben entstehen – genau so, wie eine Kultur auch mehr bedeutet, als lediglich einige Verhaltensregeln für den öffentlichen Raum, obgleich diese natürlich auch dazugehören. Eine Kultur beinhaltet Moralvorstellungen, Wertvorstellungen, Weltanschauungen, Traditionen, Ideale; und erst in einem homogenen Kulturraum kann diese sich überhaupt ausbilden und entwickeln, wie ein Organismus der aus der Summe seiner Zugehörigen besteht. Ein markanter Nachweis hierfür ist, wie erst aus solchen Kulturräumen anspruchsvolle Werke von bildender Kunst, Literatur, Musik oder sonstiger Unterhaltung hervorgehen. Die kulturelle Heterogenisierung der westlichen Welt korreliert exakt mit dem künstlerischen Niedergang. Derweil gibt es z.B. eine enorme Wertschätzung von Kulturinhalten aus Japan – einem zu 97 % ethnokulturell homogenen Land.

Der Anspruch auf ethnokulturelle Homogenität ist vor allem in Mitteleuropa aber auch sonst in der westlichen Welt ein Tabuthema. Es gilt als rassistisch und xenophob, und wird mit dem Regime des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht, wie es auch sonst mit jeder halbwegs traditionalistischen oder konservativen Vorstellung geschieht, die man im Wunsch, die Gesellschaft nach eigenwilliger Vorstellung umzugestalten, dekonstruieren möchte.

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Dabei war ethnokulturelle Homogenität seit Anbeginn der menschlichen Zivilisation weitestgehend eine Gegebenheit, allenfalls mit punktuellen Ausnahmen, und die Idee einer diversen, „multikulturellen“ Gesellschaft ist ein relativ neues Experiment, das sich bis anhin nie wirklich bewährt hat.

So weit fortgeschritten ist dieses Experiment, dass es zahlreiche Gesellschaften weit genug destabilisiert und in konstante Spannung versetzt hat, als dass ein vernünftiger Diskurs hierüber nicht mehr stattfindet, stattdessen durch eine Inquisition ersetzt, die sich an jedem abarbeitet, den man mit noch so fadenscheiniger Begründung in die sog. „rechte Ecke“ drängen kann – gerne mal bis hin zur Zerstörung der Existenz dieser Person.

Gerade diese Situation entlarvt dabei den Fehlschlag dieses Experimentes: ein paranoider Zustand von konstantem Argwohn gegenüber jedweder minimalen Übertretung irgendwelcher ungeschriebenen Richtlinien, derer sich nicht einmal ihre eigenen Hüter wirklich im Klaren sind. Kein Wunder: ohne die Moralvorstellungen und die Ideale, die aus der homogenen Kultur hervorgehen, gibt es auch keinen Haltepunkt für die Werte, die die Menschen einer Gesellschaft hegen. Während einer Person vielleicht diese und jene Wertvorstellung innewohnt, so sieht es die nächste Person komplett anders, und niemand weiss wirklich, was denn nun richtig ist. Stattdessen „schneeballt“ die öffentliche Meinung von einer Hysterie in die nächste, was heute gilt, ist morgen schon vergessen, und am Ende bleibt eine sinn- und bedeutungslose Existenz übrig, die weniger mit „leben“ als nur noch mit „überleben“ beschäftigt ist.

Die Heterogenisierung der Kultur bringt nicht „Vielfalt“ mit sich, denn Kultur ist nicht etwas was in einem Individuum oder seiner kleinen „Bubble“ existiert, sondern etwas, was nur in der Zusammenkunft einer ganzen Gesellschaft existiert. Die Heterogenisierung führt in Wirklichkeit zur Zersetzung jedweder Kultur (auch der eingewanderten) und hinterlässt eine Gesellschaft die von jeglicher Bedeutung entleert wurde. Es ist eine Rückkehr zum ultimativen Primitivismus, der dem Zustand ähnelt, bevor der Mensch überhaupt Kulturen geschweige denn Zivilisationen bildete.

Die Argumentation um die alltäglichen Probleme ist einschlägig, sie greift eine unmittelbare und spürbare Konsequenz der Masseneinwanderung auf, doch vereinzelt gesehen untermauert sie die utilitaristische Betrachtung der Kultur als simple Verhaltensvorgabe, und des Volkes als austauschbare Masse an Menschen. Eine Kultur ist weit mehr als nur banale Benimmregeln, sie ist die Gesamtheit des immateriellen Wissens, der Werte, Normen, Überzeugungen und Traditionen, die das Handeln eines Volkes prägen. Und es ist sicherlich auch nicht alles immer vollends positiv, denn keine Kultur ist frei von Makel – wie es auch kein Mensch ist – doch auch diese Makel gehören letztlich dazu und machen die Kultur zu dem, was sie ist.

Wenn die Bedeutung eines zusammenhängenden Kulturraumes als der Körper, in dem ebendiese Kultur gleich einer Seele leben und gedeihen kann, verloren geht, und damit auch all die Bedeutung, die eine Kultur sich mit sich führt und der menschlichen Erfahrung verleiht, so mag man zwar die Schlacht um die Einwanderung einstmals gewinnen, doch der Krieg um das tatsächliche Fortleben der Kultur könnte trotzdem verloren sein.


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