Das Thema Inflation ist noch immer in aller Munde. Seit die EZB erkannt hat, dass diese nicht nur temporรคr ist, hat sie die Zinsen Stรผck fรผr Stรผck erhรถht, worรผber wir des รfteren berichtet haben. Jetzt, wo die Inflation zwar auf immerhin noch 8,5 Prozent gesunken ist, wird erwartet, dass die EZB den Leitzins im Mรคrz von bisher 3 auf 3,5 Prozent trotzdem weiter anheben wird und im Mai und Juni sogar noch mal nachlegen kรถnnte. Derweil fรคllt in Deutschland die Inflationsrate fรผr das vergangene Jahr von ursprรผnglich 7,9 Prozent um einen Prozentpunkt. Es wรคre der hรถchste Stand in der Geschichte der BRD gewesen โ und jetzt? Nanu?
In den vergangenen Jahren bis etwa 2021 hatte die Konsumteuerung fรผr private Haushalte im Euro-Raum โ gemessen als Verรคnderung des Verbraucherpreisindex (VPI) im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat โ sich konstant etwa zwischen maximal knapp unter der Nulllinie und 2,5 Prozent eingependelt. Dies galt sowohl fรผr den Index der USA als auch fรผr den harmonisierten Index (HVPI) der 19 Euro-Staaten. In dieser Phase gab die EZB ein mittelfristiges Inflationsziel von 2 Prozent gemessen an der Teuerungsrate des HVPI an. Ab 2021 gingen der europรคische HVPI und der offizielle VPI der USA relativ synchron durch die Decke und laufen auf den zweistelligen Prozentbereich zu. Fรผr Februar 2023 wird die HVPI-Verรคnderung im Vergleich zum Vorjahr wie schon im Januar voraussichtlich 8,7 Prozent betragen.
Das ganze inflatorische Teuerungsmaร kommt aber erst dann zum Vorschein, wenn die Entwicklung der Erzeugerpreise (Erzeugerpreisindex, EPI) berรผcksichtigt wird. Diese fรคllt natรผrlicherweise etwas volatiler aus als der VPI. In der Euro-Zone lag der VPI allerdings langfristig im Durchschnitt des EPI und schlug im Vergleich einfach weniger stark aus. Da sich die Entwicklung im niedrigen Prozentbereich bewegte, wurde die Inflation einigermaรen gleichmรครig zwischen Produzenten und Konsumenten aufgeteilt. Seit 2021 steigen allerdings beide Indizes stark, ohne dass der EPI einmal โreinigendโ nach unten ausschlรคgt. Dadurch hatten die Erzeuger nun in Deutschland speziell zum Jahresende hin die Arschkarte gezogen. In Deutschland sind die Erzeugerpreise im September 2022 um sage und schreibe 45 Prozent YOY (โyear-over-yearโ) gestiegen, seitdem aber kontinuierlich gesunken auf zuletzt noch immer 18 Prozent Teuerung fรผr den Industriesektor im Januar.
Verwunderlich ist diese Entwicklung aber lediglich in ihrem quantitativen Ausmaร. Die Verbindlichkeiten der EZB โ auch โGeldbasisโ oder โM0โ genannt โ ist seit der Finanzkrise 2008 von einer auf acht Trillionen gestiegen. Allerdings bedeutet das nicht, dass sich die Preise automatisch verachtfacht haben, da nicht die ganze Geldbasis wirklich nachfragewirksam geworden ist. Schauen wir uns etwa M1 an โ die Summe an zirkulierenden Euros inklusive Tagesgeldeinlagen โ, so sehen wir eine Versechsfachung seit der Finanzkrise. Nun mรผssen wir dem das tendenziell preislindernd wirkende Wirtschaftswachstum gegenรผberstellen, um das wahre Ausmaร der Preissteigerungen zu erfassen. Bitte sehr: Sechsmal mehr Geld fรผr 30 Prozent mehr Wirtschaftsleistung.
Aber zurรผck zu den Verbraucherpreisen. Quasi รผber Nacht sind diese nun schwuppsdiwupps doch nicht wie ursprรผnglich errechnet um 7,9 fรผr 2022, sondern nur um 6,9 Prozent gestiegen. Die Gewichtung der Gรผterarten, die den Warenkorb bilden, wurde nun geรคndert, was grundsรคtzlich kein ungewรถhnlicher Vorgang ist und in der Regel alle fรผnf Jahre erfolgt. รber den Grund der Anpassung kann man allerdings ins Grรผbeln kommen: Der Bereich Wohnen ist zwar noch immer relativ am stรคrksten gewichtet, geht aber nun weniger gewichtig ein โ und das โtrotzโ der vergleichsweise starken Entwicklung der Energiepreise. Ein Schelm, wer Bรถses denkt! Sogar Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen attestiert, dass Nahrung nun um zwei Prozentpunkte stรคrker gewichtet wรผrde, obwohl dort die Preissteigerung geringer sei als im Energie-/Wohnbereich. Das Statistische Bundesamt zieht unterdessen den Joker: Man wolle namentlich durch die Einbeziehung der Ergebnisse der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung die Vorteile verschiedener Datenquellen nutzen. Chapeau!

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Die Preise in der Euro-Zone sind wรคhrenddessen um nur knapp 60 Prozent seit 1999 gestiegen, bis Mitte 2020 nur um etwa 40 Prozent. Es liegt zumindest nahe, dass die Preisinflation systematisch unterschรคtzt wird. Natรผrlich kommen grundsรคtzliche weitere Effekte hinzu, die die offizielle Inflationsmessung nicht abbilden kann, und anderes. Dazu gehรถren einmal Substitutionseffekte โ also die Tendenz von Haushalten, sich stark verteuernde Gรผter durch sich weniger stark verteuernde Gรผter zu ersetzen, was die Preisinflation ceteris paribus positiv verzerrt. Dies fรผhrte zur konstanten Anpassung des HVPI, der allerdings etwas Entscheidendes รผbersieht: die Wohlfahrtsverluste beim erzwungenen Umstieg auf sich weniger stark verteuernde Produkte, da sich die Lebenshaltungskosten real verteuern. Die Teuerungsrate wird also unterschรคtzt.
Zum anderen werden Qualitรคtsverbesserungen รผber die Zeit oft nicht adรคquat eingepreist. Bei gleichbleibenden Kaufpreisen und stetig steigender Qualitรคt nimmt der Inflationsstatistiker eine Teuerungsrate von null Prozent an, was die in Wahrheit vergรผnstigte Lebenshaltung falsch abbildet. Werden zudem Qualitรคtsverschlechterungen nicht akkurat eingepreist, wird die Inflationsrate unterschรคtzt. รber sogenannte hedonische Verfahren versuchte man, die Qualitรคtsanpassung sowohl in Amerika als auch in Europa einzupreisen. Doch selbst wenn alle Qualitรคtsรคnderungen richtig erfasst wรผrden, wรคre es noch unmรถglich, den deflationรคren Preisdruck auf andere Produkte durch Qualitรคtsverbesserung eines Produkts zu erfassen. Man weiร nur, dass dieser die Inflation tendenziell drรผckt. So was aber auch.
Wir sind jedenfalls gespannt, womit man uns kรผnftige, noch akrobatischere Statistikkosmetikeinlagen, heroisch vor vollendete Tatsachen gestellt, nachtrรคglich schmackhaft zu machen gedenkt. Vielleicht mal die Bรถll-Stiftung anzapfen, um die Vorteile verschiedener Datenquellen ganz wild zu skalieren? Oder eine spontan-verschmitzte Pendlerpauschale-Gedenkschรคtzung der Energieinflation von Herrn Habeck im Live-Interview? Schau mer mal!

