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Darda

16. November 2021

Manchmal ist der Alltag ein Trauerspiel. Irgendwie geht alles schief, und man wird unablässig daran erinnert, wie abhängig man von allem und jedem ist. Den Freigeist kann das in den Wahnsinn treiben. Einen solchen Tag, der einfach nur noch als Tag für die Mülltonne bezeichnet werden kann, durfte ich kürzlich erleben: Der Hund war gerade an der Pfote operiert worden und aus der Narkose erwacht. Ich konnte ihn abholen und mit nach Hause nehmen. Wie auf Eiern tuckerte ich im Schneckentempo zurück, um ihn vor allen Unebenheiten zu beschützen. Peng! Da riss der Keilriemen des Autos – und so gut wie nichts ging mehr.

Schrottkarre!

Irgendwie schaffte ich es noch, das Auto am Straßenrand zu parken. Handy gezückt, Nachbarn angerufen, in zwei Stunden könne er mich abholen. Und so begannen sie, diese vielleicht längsten zwei Stunden in der Abenddämmerung, an die ich mich erinnern kann. Ich machte es mir auf dem Rücksitz neben dem Hund bequem, der auch ziemlich neben der Spur war, und begann, über diese verfluchten Autos nachzudenken…

Autos nerven im Grunde mehr als dass sie Freude bereiten. Sie kosten ein Vermögen, sowohl in der Anschaffung als auch im Unterhalt – da erzähle ich nichts Neues. Und irgendwie muss man sich permanent um sie kümmern, Ölwechsel, neue Reifen, TÜV, alles einfach nur ätzend. Selbst reparieren wird einem immer unmöglicher gemacht, ohne kostspielige Werkstattbesuche, bei denen am Ende nicht einmal etwas repariert, sondern nur noch ausgetauscht wird, sind keine Seltenheit.

So wanderten meine Gedanken dahin und drifteten ab. Ich rekapitulierte meinen Fuhrpark, den ich im Laufe der Jahre mein Eigen genannt hatte. Ich blickte zurück und blickte zurück und blickte zurück. Und da war es plötzlich, das Darda Auto. Dieser kleine blaue Buggy, dem man mit sanfter Kraft den Hintern nach unten drückte (denn da saß der Motor), in dieser Position festhielt und ein paar mal vor und zurück schob – je öfter und schneller, desto besser.

Dann, plötzlich losgelassen, sauste er davon, schnurstracks in die Richtung, in die die kleinen Frontscheinwerfer blickten. Kein Strom war nötig, er flitzte davon, einfach durch simple mechanische Kraftübertragung. Irgendetwas an dieser schlichten Technik faszinierte mich schon als Kind: Ein Federtriebwerk, das nicht überspannt werden kann, das beim Aufziehen Geräusche macht, die auch dem letzten Deppen deutlich machen, wann der Motor „voll geladen“ ist, und dessen Lebensdauer eigentlich nur dadurch beschränkt wird, wenn der Flitzer in die Hände allzu wilder Jungs gerät, die unbedingt sämtliche Grenzen überschreiten müssen und einen Absturz nach dem anderen vom Küchentisch verursachen.

Ritschratsch

Aber selbst dann kann der Motor für wenige Euro (damals noch Mark) einfach repariert oder ausgetauscht werden. Die Darda Autos haben in etwa den Maßstab von Matchbox Autos, aber ihre Motorleistung gleicht der Kraft einer Rakete. Voll aufgezogen erreichen die kleinen Flitzer im übersetzten Maßstab eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in weniger als einer Sekunde und rasen durch Zeit und Raum mit über 1.000 km/h!

Und ja, es gibt sogar drei verschiedene Motoren: Standard, Stop and Go und den sogenannten GS Motor, ein Nachfolger der Standardversion, der auch in späteren LKW Modellen zum Einsatz kam. Der Stop and Go Motor verfügt über einen Haltemechanismus, der entriegelt werden muss, um das aufgezogene Auto zu starten, oder, und das ist das eigentlich faszinierende daran, sich automatisch löst, wenn ein anderes Auto von hinten auf das noch stehende auffährt. Denn da beginnt der eigentliche Spaß: Wie beim Domino lässt sich auf diese Weise eine Kettenreaktion auslösen, vorausgesetzt, man besitzt genügend Fahrzeuge.

Ein leer gefahrenes Auto lässt sich schnell wieder aufziehen und hinten anreihen, sodass einer wilden Verfolgungsjagd durch das ganze Haus nichts mehr im Wege steht. Möchte man das Geschehen in gelenkteren Bahnen verlaufen lassen, kann man die Autos auch in vorgefertigten Plastikschienen zum Einsatz bringen. Diese sind unendlich erweiterbar, natürlich gibt es dafür auch Kurvenabschnitte und Loopings, die die kleinen Superhelden mit Leichtigkeit nehmen.

So verbrachten wir unsere Nachmittage oder verregneten Wochenenden, vergaßen die Welt um uns, ohne einen einzigen Gedanken an Spritverbrauch, Wartung oder KFZ Steuer zu vergeuden – und die Zeit verflog. Als ich nun in dem kalten Schrotthaufen saß und auf Hilfe wartete, kam ich nicht umhin, mir vorzustellen, wie herrlich es wäre, wenn die mobile Welt aus groß gewordenen Darda Autos bestünde – mal mit vorgegebenen Straßen, mal ohne. Und ein kleiner Looping zwischendurch wäre bestimmt auch ein riesen Spaß. Naja, Träumen darf man ja noch.

In der Reihe Warenfetischismus erschienen bisher:

Das W 48

Cossacks – The Art of War

Das KM 2000

Die Kriegsgedenkmünze von 1871

Der Pelikan M150 Kolbenfüller

Die Lomo Lubitel 166B

Autor

Gastautor

Hier schreiben unsere Gastautoren, bis sie sich in unserer klebrigen Mischung aus Hass und Hetze verfangen, und schließlich als regelmäßige Autoren ein eigenes Profil bekommen.


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