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Der alte Mann und sein Panzer

17. Juni 2021

Von Hans Wurst

Hobbys sind wichtig und wunderbar. Sie geben uns den dringend benötigten Ausgleich zu unseren langweiligen Jobs, denn sie erfordern von uns Fertigkeiten, die sonst nicht beansprucht würden. Und sie erweitern unseren Horizont, denn sie lassen uns in Welten eintauchen, die uns andernfalls verborgen bleiben würden.

Es gibt relativ gewöhnliche Hobbys, wie etwa ein Instrument spielen, elf überbezahlten Fußballsöldnern die Daumen drücken oder Ü-Eier-Figuren sammeln. Jetzt gibt es allerdings Menschen, die in anderen Maßstäben denken. Da reicht dann etwa nicht mehr die Modelleisenbahn im Keller, da muss es dann gleich eine riesige Anlage in der Hamburger Speicherstadt sein. Ganz ehrlich, wenn man die Kohle dafür hat – warum nicht?

Jeder braucht ein Hobby

Das dachte sich vielleicht auch der wohlhabende Finanzmakler Klaus-Dieter Flick, als er im Jahr 1977 über englische Kontaktleute an einen schrottreifen Panzerkampfwagen V “Panther“ gelangte.

Der “Panther“ wurde seinerzeit als Reaktion auf die fortschrittlichen russischen Panzer entworfen und gelangte ab 1943 an die deutschen Panzerverbände. Etwa 6.000 Stück wurden bis Kriegsende hergestellt. So in etwa steht es jedenfalls auf der Schachtel des entsprechenden Revell-Modells.

Was unsereins also im zarten Kindesalter aus Plastik zusammenfriemelte, stand als 44-Tonnen-Schrotthaufen Ende der 1970er bei Flick. Der nahm sehr viel Geld in die Hand, um die Raubkatze aufwendig zu restaurieren. Dabei ging ihm auch die Bundeswehr zur Hand, denn das Interesse an alter Kriegstechnik ist dort – wer könnte es ahnen! – sehr groß. Die Armee erhielt dafür von Flick fast 30.000 €.

“Schneeräumen? Halt mein Bier.“

Jedenfalls stand der Panzer neben einigen anderen Waffen über Jahrzehnte in der Garage des Militaria-Liebhabers. In seinem Wohnort war das Arsenal des Sammlers kein Geheimnis – es kursiert sogar die Geschichte, dass Flick mit dem “Panther” während des harten Winters von 1978 beim Schneeräumen geholfen hätte. So oder so, der Panzer galt als ordnungsgemäß demilitarisiert – das Geschütz funktionierte nicht mehr und Teile der Panzerung waren entfernt worden.

Dann kam das Jahr 2015: Im Zuge einer Ermittlung nach den “Hitler-Pferden“ – ein Begriff, der längst symptomatisch ist – durchsuchte das LKA das Flick-Anwesen und stieß auf den besagten Panzer und auf jede Menge Waffen (darunter eine Flugabwehr-Kanone und ein Torpedo). Da war die “Nazi-Kunst“ auf einmal nicht mehr so wichtig. Eine Breker-Statue im Garten von Flick entpuppte sich etwa als Kopie.

An dieser Stelle ein Wort zur “Nazi-Kunst“: Wir reden hier nicht von geraubten Kunstwerken. Wir reden hier nicht von Gegenständen, die ihrem Vorbesitzer rechtswidrig entrissen worden sind. Wir reden hier von Devotionalien eines untergegangenen Regimes, das auf einen Haufen Leute irgendwie “anziehend“ wirkt.

Berichterstattung im Guido-Knopp-Style

Dazu gehören millionenschwere Sammler wie Flick. Dazu gehören aber auch solche Journalisten, die meinen jedes Relikt dieser Zeit mit dem Prädikat “Hitler-“ (Hitler-Pferde) oder “Nazi-“ (Nazi-Panzer) versehen zu müssen, um für ihre Leser auch ja diese spezielle Aura aus kalten Bunkerwänden und schwarzen Uniformen zu erzeugen.

Sechs Jahre nach der Untersuchung der Nazi-Villa (siehst Du, ich mach es schon selbst!) steht der 84-Jährige Flick nun vor Gericht. Er soll gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben, denn ein Teil seiner Waffensammlung wären in einem tadellosen Zustand, so die Anklage. Flicks Verteidigung bestreitet dies.

Der “Süddeutsche Beobachter” (alle Rechte liegen bei Michael Klonovsky) kommentiert: “Auch die New York Times oder der Guardian staunten über den Nazipanzer aus dem Rentnerkeller. Es war kurios, aber wirklich lustig ist die Causa mit Granatwerfer und Rumpftorpedo nicht.”

  1. Es interessiert keine Sau, was die Times oder der Guardian zu diesem Fall berichten. Und es nervt, wenn deutsche Blätter ihren Minderwertigkeitskomplex damit auszubügeln versuchen, wenn sie ach so weltmännisch auf angelsächsische Blätter verweisen.

  2. Es heißt Panzer. Einfach nur Panzer! PANZER!!!

  3. Was zum Teufel ist ein “Rentnerkeller?!“

  4. Doch, es ist lustig. Es ist zum totlachen!

Nachdem man sich also durch sämtliche deutschsprachigen Medienberichten zu dem Prozess gewühlt hat, nachdem man zum x-ten Male erklärt bekommt, dass das Hobby des Rentners schon etwas grenzwertig, ja regelrecht krank sei, nachdem man also immer und immer wieder von “Nazipanzern” und “Naziwaffen“ liest, aber wenig zum Prozess selbst erfährt, scheinen sich wohl folgende Fakten heraus zu kristallisieren:

Die einzige Waffe, die vielleicht gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen könnte – KÖNNTE! -, ist die 8,8 cm Flugabwehrkanone. „Das Rohr scheint in einem deutlich besseren Zustand zu sein“, bescheinigte der Richter. Vielleicht wird also die “Acht-Acht“ nachträglich demilitarisiert, vielleicht gibt Flick sie auch an ein Museum – man kann es nur vermuten.

Man nennt es Diebstahl

Den Panther hatte man im Zuge der Hausdruchsuchung von 2015 abgeschleppt – mit tatkräftigem Einsatz der Bundeswehr, die in den Jahrzehnten zuvor, ich hab es bereits erwähnt, bei der Restaurierung geholfen hat. Dass der Koloss beim Abtransport beschädigt worden sein könnte, ist sehr wahrscheinlich. Wahrscheinlich ist auch, dass Flick für diese letztlich symbolpolitische Hau-Ruck-Aktion niemals entschädigt werden wird.

Alles in allem bleibt die Sache ein Lehrstück: Flicks Nachbarschaft hatte kein Problem mit dem Hobby des alten Mannes, denn wie heißt es so schön: “Leben und leben lassen.“ Der Staatsanwaltschaft und der Presse hingegen sind Freiheit und Privateigentum egal: Nazipanzer! Hitlerpferde! Vielleicht endeckt man in Flicks Keller doch noch den fehlenden Hoden des Führers? Weitersuchen!

Erhellend sind an dieser Stelle die Top-Kommentare auf das oben verlinkte Video. Vielleicht nicht in Deutschland, aber dafür an vielen anderen Orten der Welt, kennt man die Bedeutung des Wortes “Diebstahl.“

Bildquelle: Youtube, Screenshot

Gastautor

Hier schreiben unsere Gastautoren, bis sie sich in unserer klebrigen Mischung aus Hass und Hetze verfangen, und schließlich als regelmäßige Autoren ein eigenes Profil bekommen.


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