Die neue Wagenknecht-Partei

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Es ist nun das geschehen, was viele von uns vorhergesehen und befürchtet haben: Sahra Wagenknecht, der abtrünnige und in Ungnade gefallene Rosa-Luxemburg-Verschnitt aus der Linkspartei, macht mit der Parteigründung nun Ernst. Offiziell ist sie noch nicht da, die Wagenknecht-Partei – dazu soll es erst im Januar 2024 kommen –, doch es gibt bereits den Verein, der die Parteigründung vorbereiten soll: das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW). Offiziell eingetragen ist das BSW bereits seit dem 26. September, doch erst am Montag, dem 23. Oktober, gaben Sahra Wagenknecht und ihre Mitstreiter eine Pressekonferenz, um ihren neuen Verein vorzustellen. Ziel sei das Einfangen enttäuschter und entmutigter Bürger, die das Vertrauen in Politik und Regierung verloren hätten und sich von keiner Partei vertreten sähen. Eine typische Protestbewegung also. Und in der Hinsicht könnte die zukünftige Partei der Sahra Wagenknecht schon scheitern, ehe sie überhaupt das Licht der Welt erblickt – nun, ich gebe zu: Das ist zumindest meine große Hoffnung.

Doch bevor ich mich an irgendwelche Prognosen wage, sei erst mal die Frage gestellt: Wer macht da überhaupt mit? Neben Wagenknecht selber sind neun weitere Mitglieder der Linke-Bundestagsfraktion Teil des BSW. Und genau da ist ein Stolperstein, den viele, gerade die sogenannten Boomer, wohl entweder übersehen oder dem sie keinerlei Beachtung schenken werden: So gut wie alle Mitglieder entstammen der Linkspartei oder zumindest ihrem ideologischen Vorfeld. Die Vorsitzende des Vereins und zweite Frau hinter Wagenknecht ist Amira Mohamed Ali, die sich in der Vergangenheit für eine rot-rot-grüne Koalition aussprach oder sich während der Kemmerich-Affäre Anfang 2020 abfällig über die AfD äußerte.

Kurzum: Keine große Überraschung – der Frau ist die Welt nicht links genug. Und natürlich ist das bei den anderen Mitgliedern des Vereins wie Sevim Dağdelen oder Klaus Ernst nicht anders: Sie alle entstammen dem Teil der Linken, den man durchaus als „altlinks“ bezeichnen kann. Sie lehnen das jetzige System aus einer marxistischen Perspektive ab, ohne aber den Teil der linken Ideologie zu zelebrieren, der erst durch die Synthese mit dem Liberalismus entstanden ist und den wir heute als „woke“ bezeichnen: Nicht die unterdrückten LGBT-was-auch-immer-Menschen stehen im direkten Vordergrund, sondern der unterdrückte Arbeiter.



Die Regenbogenflagge weht heute von jedem Mast, auch von denen der großen Unternehmen, der Todfeinde des Altlinken, während nach dem unterdrückten Proletariat kaum ein Hahn mehr kräht. Die Altlinken betrachten die „woke“ Ideologie – die, wie gesagt, nichts anderes ist als die nächste Stufe der Verschmelzung traditionell linker mit geistig liberalen Ideen – als eine an die Bedürfnisse des „einfachen Mannes“ nicht anknüpfende Ideologie – womit sie ja auch recht haben, kein Bauarbeiter interessiert sich für All-Gender-Toiletten –, so dass es sie sein müssen, die den einfachen Leuten die richtige, die wahre linke Ideologie offenbaren. Es wirkt manchmal so, als sei der Kreis um Wagenknecht noch im letzten Jahrhundert stecken geblieben. Und genau das wird ihm Probleme, aber auch Erfolge verschaffen können.

Denn diejenigen, die das BSW wählen werden, sind wohl auch im 20. Jahrhundert verblieben. Es werden Linksboomer sein, im Westen vielleicht einige Alt-68er oder deren geistige Kinder, im Osten wohl DDR-Romantiker. Leute eben, die sich den Kapitalismus nach der Vorstellung eines Karl Marx immer noch als Hauptfeind des Guten vorstellen, den es zu überwinden gilt. Dabei wurde der „Kapitalismus der freien Märkte“, wie es ihn im 19. Jahrhundert gegeben hat, längst durch einen „Kapitalismus der staatlichen Regulierung und der großen Konzerne“ ersetzt (an alle Libertären: Bekommen Sie keine Schnappatmung, die Formulierungen stehen nicht zufällig in Anführungszeichen).

Die entscheidende Frage ist nicht mal, wer, sondern wie viele die neue Partei wählen werden. Und da gibt es ganz unterschiedliche Vorhersagen: INSA traut dem BSW in der neuesten Umfrage zwölf Prozent zu, bei einer Umfrage von YouGov für die „Welt am Sonntag“ (allerdings aus dem Juli 2023) kommt das BSW gerade mal auf zwei Prozent. Und müsste ich mein Geld setzen, so würde ich sagen: Über die Fünf-Prozent-Hürde kommt die neue Partei nicht. Es wird wohl werden wie bei der Basis-Partei: Sie wird so bei zwei Prozent rumdümpeln, wobei sie der AfD bei einigen Gelegenheiten einige entscheidende Prozente abjagen wird. Das BSW wird also äußerst nervig werden, klar, aber ein entscheidender Gegner wird es nicht. So wie alle liberalkonservativen Parteien zwischen CDU und AfD gescheitert sind, so wird auch das BSW wohl in der Versenkung verschwinden. Oder?