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Wagenknechts Partei – Alternative für Linksboomer

14. September 2023

Sahra Wagenknecht wird jetzt wahrscheinlich doch, also fast sicher, zumindest so gut wie bestätigt, ihre eigene Partei gründen. Endlich! Die Bundeskanzlerin der Herzen, das soziale Gewissen der Talkshow-Nation, die Jeanne d‘Arc des kleinen Mannes wird mit einer weiteren linken Partei nicht nur die parlamentarische Demokratie bereichern, nein! Sie wird die entrechteten Massen dieses Landes hinter sich versammeln und laut dem als Prognose getarnten Wunschdenken etablierter Medien sogar der AfD rund 25 Prozent an Wählern abjagen, um dann ein für alle Mal dafür zu sorgen, dass… – ja, was eigentlich?

Der „Bild“ gegenüber ließ Wagenknecht gleich viermal die Phrasenpeitsche knallen: Wirtschaftliche Vernunft, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Jawohl, das ist Labsal für die geschundene deutsche Wählerseele. Monieren könnte man höchstens, dass die Vielleicht-bald-Parteichefin nicht noch als fünften und sechsten Hitpoint die obligatorische Forderung nach mehr Pflegekräften und besserer Bezahlung für alleinerziehende Putzfrauen auf ihre Liste setzt, immerhin sind bald Wahlen…

Aber begnügen wir uns mit dem Vier-Punkte-Programm, hier bekommt der deutsche Wähler, dem man gemeinhin einen Hang zum Masochismus nachsagt, schon so einiges an sozialistischer Rabulistik geboten. Wirtschaftliche Vernunft zum Beispiel, das bedeutet für Wagenknecht: das Ende einer Politik, die den Markt über alles stelle (haben wir in den letzten Jahren etwas verpasst?). Stattdessen sollen staatliche Kontrollorgane darüber entscheiden, was produziert werden soll und was nicht. Ah, here we go again.

Wagenkechts revolutionäre Forderungen für soziale Gerechtigkeit lesen sich folgendermaßen: Höhere Löhne, mehr Geld für Arme, staatlich regulierte Höchstpreise, Gewinne wegbesteuern – „des bedarfs“! An der Stelle möchte ich zwei Hinweise setzen: Da wären einmal die mittlerweile unzähligen Artikel, Podcasts, Gespräche – nicht zuletzt unsere aktuelle Heftausgabe –, in denen wir auf die wirtschaftlichen Missstände unseres Landes in aller Ausführlichkeit eingehen. Um es kurz zu fassen: Wagenknecht weicht nicht einen einzigen Millimeter vom Gewäsch der anderen Parteien ab. Für den „kleinen Mann“, um mal im Bilde zu bleiben, wurde in den letzten Jahren weder mit der Einführung des Mindestlohns noch mit dessen schrittweiser Anhebung irgendetwas besser. Im Gegenteil: Die Steuern- und Abgabenlast erdrückt Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen, sie untergräbt die Arbeitsmoral, den Willen, „etwas zu leisten“. Der gleichzeitig immer stärker aufgeblasene Sozialstaat hat mittlerweile die perverse, historisch gesehen wahrscheinlich einmalige Situation geschaffen, dass faule Abgreifer gegenüber ehrlichen Arbeitern finanziell bessergestellt sind. Das, genau das, ist das Problem.

Zweiter Hinweis: Shlomo Finkelstein hat sich in einem Video mit der Wagenknecht-Partei und ihrer wahren Intention auseinandergesetzt. Gerne anschauen, damit wären wir an dieser Stelle nämlich mit der Partei, die es ja außerdem noch nicht gibt, durch:



Kommen wir also auf die potenziellen Wähler zu sprechen. Im Fokus der Öffentlichkeit steht natürlich ein nicht unerheblicher Teil der AfD. Es darf bezweifelt werden, dass die linke Ein-Frau-Show aus dem Stand heraus der einzigen rechten Partei in diesem Land bis zu 25 Prozent der Wähler abjagen wird. Allerhöchstens rächt sich die solidarpatriotische Mimikry, diese unselige Anbiederei an eine waschechte Kommunistin samt der vermessenen Annahme, dass „die Sahra“ das sagen würde, was „die Arbeiter“ denken – man ergo Sahras Positionen oder am besten gleich die ganze Sahra vereinnahmen müsse, um auf Dauer zu punkten.

Auf so etwas kann man nur kommen, wenn man sich der Arbeitswelt, dem vielbeschworenen „echten Leben“, immer nur theoretisch, aber nie praktisch genähert hat. Diesen Bias konnten die linken Theoretiker vergangener Zeiten nie beseitigen, weswegen sie sich schließlich neue „revolutionäre Subjekte“ suchten. Junge Rechte, die heute, wie die Mehrheit ihrer Generation, an die Uni gespült werden, sollten für genau diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis ein Bewusstsein entwickeln. Das Leben der knapp 15 Millionen Nettosteuerzahler in diesem Land ist ein bisschen anders, als man sich das nach seiner Marx-Lektüre vorstellt.

Wer in diesem Land eine im wahrsten Sinne des Wortes selbsttragende Existenz führt, also einer aus sich heraus produktiven Tätigkeit nachgeht, der wählt keine Sahra Wagenknecht. Der wählt sie nicht als Linke und der wählt sie nicht als Rechte, denn er braucht nur einen Blick auf seine Entgeltbescheinigung zu werfen, auf die Spalte mit dem Titel „Gesetzliche Abzüge“, um zu wissen, was hier los ist. Nichts radikalisiert dieser Tage mehr als das Wissen darüber, was mit den abgepressten Steuern getrieben wird.

Liberalismus kann dieser Tage also nicht vulgär genug propagiert werden, denn…

… es macht ja sonst keiner.

Nein, Wagenknechts potenzielle Wähler werden keine Scharen von AfD-Anhängern sein, die das Establishment unter dem Prädikat „abgehängt“ zu verleumden sucht. Wagenknechts Wähler sind die, denen wir – mit Verlaub – die ganze Scheiße zu verdanken haben: die Boomer. Präziser: die Linksboomer.

In den aus heutiger Sicht idyllisch-geordneten 60ern und 70ern aufgewachsen und sozialisiert, hat es sie im Gegensatz zu den Rechtsboomern eher in die wachsende Sozialindustrie verschlagen. Man hielt seine Wehrdienstverweigerung für mutig und seine studentische Existenz für verwegen und sollte überhaupt, bis zum heutigen Tag, diese ekelerregende Selbstgerechtigkeit nie ablegen. Man sagt den Boomern ja generell nach, dass es ihnen an Demut mangele, aber genau genommen konzentrieren sich alle schlechten Eigenschaften dieser Generation im linken Spektrum. Um es den als „Täter- und Mitläufergeneration“ diffamierten Eltern zu zeigen, wählte man „Willy“, der eigentlich Herbert Frahm hieß und als Kanzler ein Totalausfall war. Von da aus war es nicht mehr weit zu den Grünen, zum Sportschuh tragenden Joschka Fischer, zum Niveauverfall der Institutionen, zur Inflation der politischen Schrottbiografien.

Die Jahre gingen ins Land, aus KPD-Katja und Palituch-Paul wurden Dozenten, Lehrer oder was die Sozialindustrie sonst an Anstellungsverhältnissen hergab. Man lebte gut in einer Republik, für deren Sicherheit und Finanzierung vornehmlich die Rechtsboomer arbeiteten. Man „engagierte“ sich, ging dann und wann auf die Straße, war über dieses und jenes besorgt, ansonsten trat man auf der Stelle. Doch der linke Ideologieparasit entwickelte sich weiter. Plötzlich fragten sich die weißhaarigen, nickelbebrillten Multifunktionskleidungsträger, was hier Phase ist: Die jungen Linken „gendern“ und sind „woke“. Man wird als „alt“, „weiß“ und manchmal auch „männlich“ beschimpft. So was aber auch! Dabei gehört man doch zu den „wahren Linken“…

Dann kam Corona: Die Linksboomer begriffen endlich, was hier vor sich geht. Sie wählten nicht mehr SPD oder Grüne, sondern die einzige Partei, die sich „gegen den Wahnsinn“ stemmte: die Basis! Und als Wagenknecht und Schwarzer, diese Heiligenbildnisse der Linksboomer, auf die Straße riefen, da waren sie alle da. Erhobenen Hauptes, den selbstgerechten Blick nach vorne gerichtet. Wie morgens im überfüllten Zug, wenn die berufstätigen Pendler auf den Klappsitzen dem E-Bike weichen müssen. Sollen sie ruhig „die Sahra“ wählen – Linksboomer kann man nur verachten.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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