Doch, der Feind heißt Kulturmarxismus (Teil 1)

9 Min lesen

Von Robin Classen

Innerhalb der deutschen Rechten spitzt sich ein intellektueller Konflikt zu, der bereits seit Jahren am Schwelen ist, aber bislang kaum politische Auswirkungen hatte und dem deshalb eher weniger Beachtung geschenkt wurde. In der politischen Positionierung ist man sich – zumindest an der Oberfläche – in den meisten Dingen ja einig: Man ist für eine Rückbesinnung auf deutsche Grundtugenden, für die klassische Familie, für außenpolitische Souveränität und man lehnt Masseneinwanderung sowie alle gesellschaftspolitischen Ideen, die neuerdings unter dem aus den USA importierten Stichwort „woke“ zusammengefasst werden, nachdrücklich ab.

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der verstärkten Fokussierung des öffentlichen Diskurses auf Außen- und Verteidigungspolitik und der generellen Zunahme geopolitischer Krisen, treten jedoch Differenzen zu Tage, die es schon länger gibt, die nun aber erstmals eine realpolitische Relevanz jenseits des rechtsintellektuellen Elfenbeinturms entfalten. Es geht dabei um die Frage, woher das Übel der Gesellschaftszersetzung und des „Wokeismus“ letztlich stammt und welcher Ideologie es entsprungen ist.

Eine bedauerlicherweise durchaus aufstrebende Richtung innerhalb der deutschen Rechten vertritt allen Ernstes die Position, all diese Übel hätten ihren Ursprung im Liberalismus, der zusammen mit Armin Mohler, Vertretern des linkeren Flügels der Konservativen Revolution und vor allem dem französischen Querfront-Philosophen Alain de Benoist als „Hauptfeind“ charakterisiert wird. Der Kommunismus und Sozialismus wird derweil entweder als reine Folgereaktion auf den Liberalismus abgetan, kaum beachtet oder gar „von rechts gelesen“, sodass von einer klaren antikommunistischen Haltung – die allein schon das Opfer unserer Vorfahren eigentlich von uns fordert – kaum mehr gesprochen werden kann.

Der dieser Denkrichtung innewohnende, meist notdürftig verdeckte Querfrontgedanke bricht derweil auf geopolitischer Ebene vollends durch. Vertreter dieses Teils der Rechten vertreten regelmäßig einen pauschalen Antiamerikanismus und eine antiwestliche Haltung. Bündnisse mit westlichen Nationen sollen bestenfalls erkalten, schlimmstenfalls einseitig verlassen werden, um sich mit entweder (zum Teil post-)kommunistischen Ländern wie China oder islamistischen Paria-Staaten wie dem Iran gegen das verhasste Amerika zu verbünden. Dabei wird der nüchtern zu prognostizierende Wandel hin zu einer multipolaren Welt, in der neben den gesellschaftlich und kulturell europäisch geprägten Vereinigten Staaten von Amerika nebst den anderen westlichen Ländern nun auch kommunistische, zumeist nicht-weiße Gesellschaften bestimmenden Einfluss über ganze Regionen erlangen, ausdrücklich begrüßt und sogar als Zielvorstellung benannt.

Ein geradezu mustergültiger Vertreter dieser Denkrichtung ist der ehemalige Kurzzeit-Bundesvorsitzende der Jungen Alternative Marvin T. Neumann, der das „chinesische Modell“ auf Twitter als die „im Groben sinnvollste Form zukunftsfähiger Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“ bezeichnete (Anm. der Red.: Dazu mehr in der 51. Folge unseres Podcasts). Spätere Versuche, dieses Lob für die Corona-Diktatur und den Völkerknast, der gerade den Parteitag der Kommunistischen Partei unter einem gigantischen Hammer-und-Sichel-Emblem begang, wieder einzufangen, waren wenig glaubwürdig. Anlass für diesen Artikel ist Neumanns neuster zweiteiliger Artikel „Wokeness als Neoamerikanismus“, der im Blog des Jungeuropa-Verlages erschienen ist und mustergültig die Erzählung von den beiden Feindbildern Liberalismus und Amerika miteinander verbindet. Neumann verknüpft die aus altrechten Kreisen bereits bekannte Kritik an dem Umstand, dass das amerikanische Volk ein republikanisches und kein ethnisches ist und der Werdungsprozess dementsprechend ein überaus steiniger war, mit Kritik an evangelikalem Christentum und dem im Laufe der Zeit geschmiedeten amerikanischen Nationalcharakter verankerten Liberalismus. Dass zumeist gerade die „woken“ Amerikaner, Amerika und diesen liberalen, amerikanischen Charakter zutiefst verachten, erkennt Neumann hingegen nicht.

Stattdessen führt er den amerikanischen Gründervater Thomas Paine als Kronzeugen für die skurrile These an, dass die ersten „Social Justice Warriors“ schon unter den amerikanischen Gründervätern zu finden seien. Dabei entgeht ihm, dass Thomas Paine kein „radikalliberaler“ Denker war, sondern der wohl am weitesten linksstehende Gründungsvater, der sich zu den Ideen des Frühsozialisten François Noël Babeuf bekannte und dessen Geburtstag am 29. Januar von Gewerkschaften und sozialistischen Bewegungen im gesamten Westen gefeiert wurde. Die kommunistische Partei Amerikas veröffentlichte 1937 eine Sammlung seiner Schriften, nannte ihn den „Chef-Propagandisten und Agitator der Revolution“ und bescheinigte ihm, „hinter die Grenzen der bürgerlichen Revolution“ geblickt zu haben. Es ist nur mit großem Wohlwollen und strategischen Überlegungen zu erklären, dass der lange Zeit im Rest der amerikanischen Gesellschaft desolate Ruf Paines sich im 20. Jahrhundert im Rahmen der pauschalen Verehrung der „Founding Fathers“ gebessert hat.



Nahtlos setzt sich die Fantasterei von „Liberalen“ bei der nächsten Kronzeugin Neumanns, der Feministin Frances Wright, fort, die zusammen mit Robert Dale Owen in New York York die Zeitung „Free Enquirer“ herausgab, die sich gegen den evangelischen Glauben, für liberale Scheidungsgesetzgebung und eine „gerechte Eigentumsverteilung“ und damit für einen klassisch marxistischen Kurs aussprach. Ebenso ein „Liberaler“ ist für Neumann der Pastor John Humphrey Noyes, über den Neumann mit einer simplen Google-Recherche hätte herausfinden können, dass er ein „utopischer Sozialist“ und der „Philosoph des Bibel-Kommunismus“ war. Am Ende des mit einem auf einer Regenbogenflagge platzierten Davidsterns bebilderten Artikels wird dann unter Berufung auf Felix Adler – einen von sozialistischen Ideen inspirierten jüdischen Professor – der krönende Abschluss in der Feststellung einer angeblichen Melange aus liberalen Elementen im evangelikalem Christentum, im Humanismus und natürlich dem Judentum gefunden, auf deren bestelltem Acker heutige Woke-Aktivisten angeblich grasen sollen.

Es ist gut, dass Marvin T. Neumann diesen Artikel geschrieben hat, denn die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem ahistorischen Antiliberalismus und dem fanatischen Amerikahass in Teilen der deutschen Rechten ist überfällig und anhand dieses Artikels hervorragend möglich. Bereits bei oberflächlicher Betrachtung ist für jedermann leicht zu erkennen, dass der Antiliberalismus ein Etikettenschwindel ist, bei dem – wie von Neumann mustergültig praktiziert – kommunistische Agitatoren und Ideen als Liberalismus verkauft werden. Schlechte, marxistische Ideen aus Amerika werden nicht als ebensolche bekämpft, sondern der amerikanische Staat an sich wird zum Feind erklärt: Kein Wunder, dass über die Präsidentschaft von Donald Trump aus diesen Kreisen vornehmlich Murren und Abschätziges zu hören war, denn sein Sieg war das Paradebeispiel dafür, dass Amerika wie jedes Land der Welt gut oder eben auch schlecht regiert werden kann.

In Anbetracht der in diesem Dunstkreis geborenen Ideen der Beteiligung Deutschlands an einer Art geopolitischem Zweckbündnis mit China und anderen kommunistischen oder postkommunistischen Staaten gegen den Westen, gegen unsere europäischen Brüdervölker und gegen „den Liberalismus“ ist diese Idee zudem brandgefährlich und geeignet, der deutschen Rechten – gerade auch der europapolitisch den Anschluss suchenden AfD – und letztlich Deutschland nachhaltigen Schaden zuzufügen. Jeder echte Rechte ist daher aufgefordert, solche oftmals sogar in Querfront-Überlegungen ausartende, salonbolschewistischen Ideen in unserer Bewegung energisch einen Riegel vorzuschieben.

In einem zweiten Artikelteil wird die genuin rechte und damit richtige Sicht auf die Ursachen des „Wokeismus“ dargelegt werden.

12 Comments

  1. An sich kein schlechter Artikel, wenn die Idee war, eine Diskussion mit Marvin Neumann aufzunehmen.

    Wenn mehr gewollt war, müsste ich aber fragen: Warum kommt der Wokeismus dann nicht aus China?

  2. Ich bin gegen Amerika wegen ihrer Kriegstreiberei. Aber richtig, das heißt nicht, das wir uns deswegen dem kommunistischen Osten anbiedern sollten.
    Handel betreiben, ja, aber politisch eigenständig handeln.
    Doch dazu gehört zuerst die US Soldaten unseres Landes verweisen und Souveränität erlangen. “Ami go home” sollte jeder Rechte als Grundleitsatz haben!

    • Die VSvA-Dominanz beschränkt sich nicht nur auf militärische Machtspiele, auch wirtschaftlich (TTIP), finanzpolitisch (Schweizer Bankgeheimnis) und informationsdienstlich (NSA) geht dieser Schurkenstaat rücksichtslos gegen Konkurrenten, Widersacher und Verbündete vor.
      Früher Guatemala, heute Guantanamo – es sind gewissenlose Verbrecher die dort seit Jahrzehnten regie(füh)ren.
      Dabei ist völlig egal welcher Geschmacksrichtung der amtierende Präsident angehört oder welche gesellschaftliche Strömung gerade meinungsführend ist – solange sie sich lenken lässt nehmen die alles mit, nur der widerspenstige Trump war ein – leider viel zu kurzer – Betriebsunfall der sich nicht an die “Spielregeln” halten wollte.

  3. Was Amerika betrifft, grahmt mich nicht der Nachkomme europäischer Einwanderer, welcher in der “neuen Welt” sein Glück versuchen wollte, sondern eine winzige Clique. Der Elefant, über den sich keiner zu sprechen wagt. Alle Schlüsselpositionen werden von denen gehalten. Politik, Medien, Unterhaltung, alles. Das sind die Betreiber der Wokeness, der antiweißen Rassismus.

  4. Der amerikanischen “Kriegstreiberei” steht eine chinesische gegenüber. Warum wird diese ignoriert? (So wie “früher” über die sowjetischen Kriege hinweggegangen wurde, während man die amerikanischen rauf und runter verdammte.)
    Und: Niemand zwingt uns, den USA blind zu folgen. Man kann auch Nein sagen. Beispielsweise ist es nicht sehr schlau, ihrem Boykott russischer Energie zu folgen, wenn man weiß, dass die eigene (geliebte und gehätschelte) Energiewende vom Bezug russischen Erdgases abhängt. Auch ein Boykott lässt sich smart und doof durchziehen; Deutschlands Politik wählte – wie so oft – den doofen Weg.

  5. Was ich ja garnicht verstehe, ist dass Teile der Rechten / Compact-Bolschewisten und der Raw Egg Nationalist Bewegung Dugin so kritiklos positiv gegenüberstehen. Als ob er mit seiner “Philosophie” in irgendeiner Form unser Freund oder gar ein Freund der “Weißen” wäre. Rätselhaft.

  6. Der nächste Teil “Ursachen des Wokeismus” sollte die AfD sogar eine Kampagne widmen, nachdem die CDU ja jetzt versucht sich als parlamentarisches Gegengewicht medienwirksam – und vor allem durch die Springerpresse wohlwollend – in Szene zu setzen. Eine professionell beworbene Konferenz/Tagung mit Denkern der tiefen Rechten, sowie prominenten internationalen Gästen wie Eva Vlaardingerbroek, die Kontakte zu Tucker Carlson und einigen europäischen Parteien hat, wäre hier perfekt. Es stellt eine enorme Gefahr dar, vor der ich bereits vor gut zwei Jahren gewarnt habe, nämlich, dass eine kontrollierte Opposition der Tonangeber in diesem Kulturkampf wird – und damit die Niederlage gegen die Bioleninisten besiegelt. Wenn sich amerikanische Vertreter, weil es ein supranationaler Kulturkampf ist, nun an europäische Parteien wenden, dann müssen sie sich an die echte Opposition wenden. Das muss die Forderung sein. Unser Anspruch. Wir dulden keine Grifter, die oberflächliche und schädliche Teil- und Fehlkritik üben. Wie der CDU Think-Tank Republik21 uns offen den Krieg erklärt, dann muss die Gegenreaktion der AfD ebenfalls öffentlich und deutlich kommuniziert werden – was vom Vorfeld ja bereits getan wird, im Bezug auf die fake anti-Wokeness Opposition.

    Zum Thema des Artikel betreffend: mir ist es auf beiden Seiten in Teilen zu einseitig, sowohl, was die Liberalismuskritik in Bezug auf die “Wokeness” angeht, als auch im Bezug auf die Sozialismus und Kommunismuskritk, dahingehend. Die Gefahr der geopolitischen Isolierung (innerhalb der westlichen Welt, als auch der baltischen und osteuropäischen Staaten), durch Anbiederung an uns nicht weniger feindlich gesinnten Staaten wie China und Co. sehe ich auch als Gefahr. Daher sind klärende Debatten dazu absolut notwendig, sodass beide Extreme ihren Blickwinkel erweitern, und anschließend zueinander finden können. Ich glaube vieles ist auch der edgyness geschuldet, also einen Contrarian Punkt zu machen. Fragt man genauer nach, dann wird auch relativiert werden, und in vielen Punkten beider Seiten zugestimmt werden – vll bin ich aber auch hier zu gutgläubig, lel.

  7. Was mich stört, daß so schnell von einem Riegel gesprochen wird, der “energisch” vorgeschoben werden soll. Das ist doch übereilt! Diskussion muß immer möglich sein, ohne gleich zu schäumen.
    Die Richtung des Fragens, die von Classen angeregt wird, scheint allerdings fruchtbar. Alles Gerede vom “Wokeismus” ist natürlich ein Schnellschuß, der nur an der Oberfläche kratzt und die Einsicht in das offensichtlich beidseitig zweckmäßige Bündnis von Großkapital und universalistischem Gleichheitsdenken für eine Erklärung der dahintersteckenden Ideologie hält. Die historisch-intellektuellen Prozesse, die den Westen in die große Sackgasse geführt haben, sind komplizierter. Der seit der französischen Revolution erschöpfte Liberalismus steigt natürlich mit jedem ideellen Weib ins Bett, um ja weiter seiner alten Rolle des Freiheitsrufers gerecht werden zu können. Wie die Freiheit liberal auf den Hund kommt, beweist die FDP heute ja idealtypisch.
    ALSO — der Feind heißt weiterhin KULTURMARXISMUS, sonst bleibt der innovative Übergang in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Linke unverstanden: die Kultur zu attackieren und von der Wirtschaft die Finger zu lassen, war eine historisch erfolgreiche Weichenstellung. Das muß man einräumen. UND: Diskussionen dieser Art sind wünschenswert, stehen aber erst am Anfang.

    Dieses Schema scheint mir durchaus nützlich:
    https://www.pi-news.net/wp-content/uploads/2016/02/Pegida-Dresden-6.2.1667b.jpg

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.