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Doch, der Feind heißt Kulturmarxismus (Teil 1)

31. Oktober 2022

Von Robin Classen

Innerhalb der deutschen Rechten spitzt sich ein intellektueller Konflikt zu, der bereits seit Jahren am Schwelen ist, aber bislang kaum politische Auswirkungen hatte und dem deshalb eher weniger Beachtung geschenkt wurde. In der politischen Positionierung ist man sich – zumindest an der Oberfläche – in den meisten Dingen ja einig: Man ist für eine Rückbesinnung auf deutsche Grundtugenden, für die klassische Familie, für außenpolitische Souveränität und man lehnt Masseneinwanderung sowie alle gesellschaftspolitischen Ideen, die neuerdings unter dem aus den USA importierten Stichwort „woke“ zusammengefasst werden, nachdrücklich ab.

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs, der verstärkten Fokussierung des öffentlichen Diskurses auf Außen- und Verteidigungspolitik und der generellen Zunahme geopolitischer Krisen, treten jedoch Differenzen zu Tage, die es schon länger gibt, die nun aber erstmals eine realpolitische Relevanz jenseits des rechtsintellektuellen Elfenbeinturms entfalten. Es geht dabei um die Frage, woher das Übel der Gesellschaftszersetzung und des „Wokeismus“ letztlich stammt und welcher Ideologie es entsprungen ist.

Eine bedauerlicherweise durchaus aufstrebende Richtung innerhalb der deutschen Rechten vertritt allen Ernstes die Position, all diese Übel hätten ihren Ursprung im Liberalismus, der zusammen mit Armin Mohler, Vertretern des linkeren Flügels der Konservativen Revolution und vor allem dem französischen Querfront-Philosophen Alain de Benoist als „Hauptfeind“ charakterisiert wird. Der Kommunismus und Sozialismus wird derweil entweder als reine Folgereaktion auf den Liberalismus abgetan, kaum beachtet oder gar „von rechts gelesen“, sodass von einer klaren antikommunistischen Haltung – die allein schon das Opfer unserer Vorfahren eigentlich von uns fordert – kaum mehr gesprochen werden kann.

Der dieser Denkrichtung innewohnende, meist notdürftig verdeckte Querfrontgedanke bricht derweil auf geopolitischer Ebene vollends durch. Vertreter dieses Teils der Rechten vertreten regelmäßig einen pauschalen Antiamerikanismus und eine antiwestliche Haltung. Bündnisse mit westlichen Nationen sollen bestenfalls erkalten, schlimmstenfalls einseitig verlassen werden, um sich mit entweder (zum Teil post-)kommunistischen Ländern wie China oder islamistischen Paria-Staaten wie dem Iran gegen das verhasste Amerika zu verbünden. Dabei wird der nüchtern zu prognostizierende Wandel hin zu einer multipolaren Welt, in der neben den gesellschaftlich und kulturell europäisch geprägten Vereinigten Staaten von Amerika nebst den anderen westlichen Ländern nun auch kommunistische, zumeist nicht-weiße Gesellschaften bestimmenden Einfluss über ganze Regionen erlangen, ausdrücklich begrüßt und sogar als Zielvorstellung benannt.

Ein geradezu mustergültiger Vertreter dieser Denkrichtung ist der ehemalige Kurzzeit-Bundesvorsitzende der Jungen Alternative Marvin T. Neumann, der das „chinesische Modell“ auf Twitter als die „im Groben sinnvollste Form zukunftsfähiger Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“ bezeichnete (Anm. der Red.: Dazu mehr in der 51. Folge unseres Podcasts). Spätere Versuche, dieses Lob für die Corona-Diktatur und den Völkerknast, der gerade den Parteitag der Kommunistischen Partei unter einem gigantischen Hammer-und-Sichel-Emblem begang, wieder einzufangen, waren wenig glaubwürdig. Anlass für diesen Artikel ist Neumanns neuster zweiteiliger Artikel „Wokeness als Neoamerikanismus“, der im Blog des Jungeuropa-Verlages erschienen ist und mustergültig die Erzählung von den beiden Feindbildern Liberalismus und Amerika miteinander verbindet. Neumann verknüpft die aus altrechten Kreisen bereits bekannte Kritik an dem Umstand, dass das amerikanische Volk ein republikanisches und kein ethnisches ist und der Werdungsprozess dementsprechend ein überaus steiniger war, mit Kritik an evangelikalem Christentum und dem im Laufe der Zeit geschmiedeten amerikanischen Nationalcharakter verankerten Liberalismus. Dass zumeist gerade die „woken“ Amerikaner, Amerika und diesen liberalen, amerikanischen Charakter zutiefst verachten, erkennt Neumann hingegen nicht.

Stattdessen führt er den amerikanischen Gründervater Thomas Paine als Kronzeugen für die skurrile These an, dass die ersten „Social Justice Warriors“ schon unter den amerikanischen Gründervätern zu finden seien. Dabei entgeht ihm, dass Thomas Paine kein „radikalliberaler“ Denker war, sondern der wohl am weitesten linksstehende Gründungsvater, der sich zu den Ideen des Frühsozialisten François Noël Babeuf bekannte und dessen Geburtstag am 29. Januar von Gewerkschaften und sozialistischen Bewegungen im gesamten Westen gefeiert wurde. Die kommunistische Partei Amerikas veröffentlichte 1937 eine Sammlung seiner Schriften, nannte ihn den „Chef-Propagandisten und Agitator der Revolution“ und bescheinigte ihm, „hinter die Grenzen der bürgerlichen Revolution“ geblickt zu haben. Es ist nur mit großem Wohlwollen und strategischen Überlegungen zu erklären, dass der lange Zeit im Rest der amerikanischen Gesellschaft desolate Ruf Paines sich im 20. Jahrhundert im Rahmen der pauschalen Verehrung der „Founding Fathers“ gebessert hat.



Nahtlos setzt sich die Fantasterei von „Liberalen“ bei der nächsten Kronzeugin Neumanns, der Feministin Frances Wright, fort, die zusammen mit Robert Dale Owen in New York York die Zeitung „Free Enquirer“ herausgab, die sich gegen den evangelischen Glauben, für liberale Scheidungsgesetzgebung und eine „gerechte Eigentumsverteilung“ und damit für einen klassisch marxistischen Kurs aussprach. Ebenso ein „Liberaler“ ist für Neumann der Pastor John Humphrey Noyes, über den Neumann mit einer simplen Google-Recherche hätte herausfinden können, dass er ein „utopischer Sozialist“ und der „Philosoph des Bibel-Kommunismus“ war. Am Ende des mit einem auf einer Regenbogenflagge platzierten Davidsterns bebilderten Artikels wird dann unter Berufung auf Felix Adler – einen von sozialistischen Ideen inspirierten jüdischen Professor – der krönende Abschluss in der Feststellung einer angeblichen Melange aus liberalen Elementen im evangelikalem Christentum, im Humanismus und natürlich dem Judentum gefunden, auf deren bestelltem Acker heutige Woke-Aktivisten angeblich grasen sollen.

Es ist gut, dass Marvin T. Neumann diesen Artikel geschrieben hat, denn die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem ahistorischen Antiliberalismus und dem fanatischen Amerikahass in Teilen der deutschen Rechten ist überfällig und anhand dieses Artikels hervorragend möglich. Bereits bei oberflächlicher Betrachtung ist für jedermann leicht zu erkennen, dass der Antiliberalismus ein Etikettenschwindel ist, bei dem – wie von Neumann mustergültig praktiziert – kommunistische Agitatoren und Ideen als Liberalismus verkauft werden. Schlechte, marxistische Ideen aus Amerika werden nicht als ebensolche bekämpft, sondern der amerikanische Staat an sich wird zum Feind erklärt: Kein Wunder, dass über die Präsidentschaft von Donald Trump aus diesen Kreisen vornehmlich Murren und Abschätziges zu hören war, denn sein Sieg war das Paradebeispiel dafür, dass Amerika wie jedes Land der Welt gut oder eben auch schlecht regiert werden kann.

In Anbetracht der in diesem Dunstkreis geborenen Ideen der Beteiligung Deutschlands an einer Art geopolitischem Zweckbündnis mit China und anderen kommunistischen oder postkommunistischen Staaten gegen den Westen, gegen unsere europäischen Brüdervölker und gegen „den Liberalismus“ ist diese Idee zudem brandgefährlich und geeignet, der deutschen Rechten – gerade auch der europapolitisch den Anschluss suchenden AfD – und letztlich Deutschland nachhaltigen Schaden zuzufügen. Jeder echte Rechte ist daher aufgefordert, solche oftmals sogar in Querfront-Überlegungen ausartende, salonbolschewistischen Ideen in unserer Bewegung energisch einen Riegel vorzuschieben.

In einem zweiten Artikelteil wird die genuin rechte und damit richtige Sicht auf die Ursachen des „Wokeismus“ dargelegt werden.

Autor

Gastautor

Hier schreiben unsere Gastautoren, bis sie sich in unserer klebrigen Mischung aus Hass und Hetze verfangen, und schließlich als regelmäßige Autoren ein eigenes Profil bekommen.


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