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Filmkritik: „Der Fall Richard Jewell“ (2019)

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Was für eine Geschichte: Da sorgt ein Sicherheitsbeamter auf einer Großveranstaltung dafür, dass nach dem Auffinden eines herrenlosen Gepäckstücks das Gelände geräumt wird, und verhindert so ein riesiges Blutbad. Denn das Gepäckstück ist in der Tat eine Bombe, ein Sprengsatz ummantelt mit Nägeln, konstruiert, um möglichst viele Menschen zu töten und zu verstümmeln. Die Bombe wird hochgehen, sie wird einen Menschen töten und 111 weitere verletzen – aber ohne die Absperrung und Evakuierung wäre diese Zahl sicherlich um ein Vielfaches höher gewesen.

Der Sicherheitsbeamte ist nun ein Held, auch wenn er typisch amerikanisch versichern wird, dass er „nur seinen Job getan“ hat. Natürlich gefällt ihm die wohlwollende Aufmerksamkeit. Recht und Ordnung, das ist sein Ding. Vielleicht ist er zu Höherem berufen, vielleicht empfiehlt ihn seine Heldentat für den Polizeidienst? Denn da wollte er immer hin…

Doch auf den Rausch folgt das Gewitter: Das FBI ächzt unter dem Ermittlungsdruck und braucht dringend einen Verdächtigen. Und könnte das nicht ausgerechnet dieser Sicherheitsbeamte sein, der nun überall als Held herumgereicht wird? Was sind die Fakten: Der Mann ist ein übergewichtiger Waffensammler, er lebt alleinstehend bei seiner Mutter, er ist weiß, er hat sich schon im Rahmen vergangener Anstellungen als Wichtigtuer aufgespielt, kurz: Er ist der perfekte Bombenleger.

Dieser Verdacht wird vom FBI an die Presse durchgestochen, und jetzt beginnt die Hetzjagd, jetzt setzt sich die Verleumdungsmaschinerie in Gang, und der Mann, der tags zuvor noch als sympathischer Held galt, wird in den Medien nun als Monster dargestellt.

Die Geschichte ist wahr: Der Bombenanschlag fand am 27. Juli 1996 im Centennial Olympic Park statt, und wenn Richard Jewell in den Wochen darauf den Fernseher anschaltete oder die Zeitung aufschlug, dann erfuhr er dort über sich, dass er ein „fetter, gescheiterter ehemaliger Hilfssheriff [sei], der die meiste Zeit als Schülerlotse gearbeitet hatte und daran gescheitert war, es zu mehr zu bringen“. Das FBI nahm ihn in die Mangel und versuchte mit fragwürdigen Methoden, ihm ein Geständnis abzuringen. Ein widerwärtiger Strom aus Beschuldigungen, Lügen und Beleidigungen ergoss sich über ihn. Jedes private Detail wurde von einem ekelerregenden Mediensystem vor aller Öffentlichkeit genüsslich ausgebreitet.

Grundrechte. Was ist das? Selbst ein Staat, dessen Verfassung sich auf die Freiheit des Einzelnen stützt, kann im Handumdrehen diesem Einzelnen seine Rechte, seine Freiheit und den Schutz seiner Privatsphäre nehmen. Begleitet wird dieses „kälteste aller kalten Ungeheuer“ dabei vom hyänenhaften Medienmob, der 88 Tage lang die Wohnung der Jewells belagerte. Zwischen Richard Jewell und dem Staat steht im Film lediglich der charismatische Anwalt Watson Bryant, der seinem gutgläubigen und trotz allem obrigkeitshörigen Mandanten immer wieder einbläuen muss, dass er nicht mit jenen kooperieren darf, die ihn bloß fertigmachen wollen.

Mit der leisen Hoffnung auf gute Unterhaltung, aber ansonsten ohne große Erwartungen, wurde ich von dem Film mehr als positiv überrascht. Zunächst einmal ist die Geschichte faszinierend, weil sie sich so zugetragen hat. Und genau das macht sie gleichzeitig auch auf eine nachhaltige Art und Weise bedrückend. Amerika ist weit weg, dort gibt es wenigstens so etwas wie ein Bewusstsein für die Verfassung und die mit ihr verbrieften Rechte des Einzelnen. Dort konnte ein Anwalt für Jewell in den Ring steigen und sich beherzt gegen das FBI und die Medien werfen. Bei uns geht das nicht, hier gibt es überhaupt kein Bewusstsein für das Recht und die Freiheit des einzelnen Bürgers. Repetitives Verweisen auf die „FDGO“ – schon diese behördensprachliche Abkürzung spottet jeder Beschreibung –, mehr ist nicht drin für Michel, wenn er das Pech hat und seinen Namen plötzlich bei „Correctiv“ oder auf einem Antifa-Steckbrief findet. Grundrechte? Für deren Entzug darf man ja seit Neuestem Unterschriften sammeln. Unter 80 Deutschen findet sich immerhin ein Gesinnungsnazi, der bei diesem Formalakt der Entrechtung und Entmenschlichung mitmacht.

Das ist meiner Meinung nach die ganz große Botschaft des Films. Neben diesem weiten Bogen, der geschlagen werden kann, ist es die Darstellung von Richard Jewell selbst, die mir gefallen hat. Ein weißer, übergewichtiger Typ mit plakativer Vorstellung von Recht und Ordnung, ein bisschen kindhaft und doch das Herz am rechten Fleck tragend. Ein typischer Amerikaner eben, der „nur seinen Job tut“ – auch so eine typisch amerikanische Floskel. Regisseur Clint Eastwood hat etwas für diese einfachen Leute übrig und zeichnete auch schon in vergangenen Filmen diese Archetypen gekonnt nach. Anwalt Watson Bryant passt als einsamer Rächer ebenfalls in dieses Bild und erinnert – gewollt oder ungewollt – an die frühen Filmrollen Eastwoods.

Um zum Ende zu kommen: Schaut Euch den Film an.