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Zeichen setzen gegen Deutschland

5. Juli 2024

Das Spiel der Österreicher gegen die Türken war das erste für diese EM, das ich wirklich gebannt verfolgt habe. Spielte hier nicht eine Mannschaft, der man als Deutscher endlich mal bedingungslos die Daumen drücken konnte? Moderne Probleme erfordern moderne Lösungen, warum soll der Altdeutsche also nicht auch wie jeder Neudeutsche „zwei Mannschaften im Turnier“ haben? Zumal sich so etwas bei einem Spiel gegen die Türkei sogar von selbst erklärt. Da kickt nicht Team A gegen Team B, nicht der Adler gegen den Halbmond. Nein, hier geht es um etwas Existenzielles: tiefer, ruhiger Schlaf, berieselt von der süßen Schadenfreude, wie sie nur unserem Volk zu eigen ist. Oder infernalisches Dauergehupe und brünftiges Aufröhren der AMG-Motoren draußen auf der Straße – die ganze Nacht. Klare Sache und damit hopp!

Aber nein, es wurde nichts. Inschallah, infelix Austria! Die Türken blieben in Führung, die Österreicher waren nach einer Reihe vergebens vorgetragener Angriffe zum Ende hin erschöpft. Während sich mein ganzes Dasein in den späten Abendstunden des 2. Juli auf das Boomer-Party-Meme reduzierte, wurde ich auch unweigerlich auf das Kernproblem zurückgeworfen, an dem wohl jeder Reaktionär während dieser EM zu nagen hat: Welcher Mannschaft konnte ich meine ehrliche Sympathie bekunden? Was, wenn das Undenkbare denkbar würde, also zum Finale in Berlin die späte Bundesrepublik gegen die Türkei antreten müsste?

Unter den Vorzeichen der forcierten Ersetzungsmigration würde so ein Spiel ja eine regelrechte Bürgerkriegssituation simulieren. Und nicht nur das! Man stelle sich vor, die als „deutsch“ deklarierte Mannschaft gewänne. Oh, was würde der Komplex aus Politik, Medien und Kultur seinen Honig daraus ziehen. Wie würde man uns Reaktionären über Wochen mit der „Wir sind die echten Patrioten“-Attitüde auf den Sack gehen. Wenn die Regierung und ihr Wahrheitssystem eines brauchen, dann einen Sieg der Mannschaft, die durch und durch für ihre Agenda spielt.

Eigentlich ist ja genau diese Umkehrung das Charakteristikum dieser widerwärtigen Situation, in der sich die Rechte befindet: Sie kann kaum offen und ehrlich für etwas sein, sondern muss dagegenhalten. Sie kann nur Zeichen dagegen setzen, aber nicht dafür. Otto Normal-Michel schimpft das ganze Jahr auf die Regierung, aber während der EM hält er dann doch „zu Deutschland“, weil er ein Gewohnheitstier ist. Seine Tochter trägt womöglich das pinke Trikot – „ei gugge mo, sieht gornet so schlächt as…“. Und wir? Die ewigen Miesmacher. Hoffen darauf, dass „Deutschland“ verliert. „Ei kumm, du Arschluch!“

Lässt sich das irgendwie auflösen? Darf echter Patriotismus irgendwann wieder Spaß machen? Wer weiß. Aber bis dahin bleibt uns die rituelle Demütigung auf Bundesebene nicht erspart, denn Recep Tayyip Erdoğan hat sich prompt nach Almanya eingeladen, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen hatte nämlich zuvor ein Spieler seiner Mannschaft gesetzt, als er nach dem Sieg über Österreich den Schweigefuchs herbeigestikulierte. Die UEFA setzte ein Zeichen und sperrte den besagten Spieler. Auch die BRD wird ein Zeichen setzen: Sie wird dem türkischen Regierungsflieger nicht die Landeerlaubnis verwehren. Deutsche Eurofighter werden sich nicht erheben, um Erdoğan sicher aus dem deutschen Luftraum hinauszueskortieren. Nein, sie wird einen weiteren anmaßenden Auftritt dieses ungebetenen Gasts hinnehmen. Man kennt dieses Gebaren ja bereits von dessen Landsleuten. Wie war noch mal der Fachbegriff dafür? Ach ja: „Integration“.

2 Comments

  1. Wieviele seiner nationalstolzbesoffenen Landsleute hat Erdogan denn wieder mit nach Hause genommen? Ich hoffe mal alle.. Oder spielen diese Ehrenmänner hier weiterhin nützliche Idioten für ihn?

  2. Wie soll man das nur kommentieren? Eigentlich ist es mit mittlerweile wirklich wurscht. Jeden Tag erlebe ich diese Clownswelt, kann aber nicht darüber lachen, weil ich in diesem Zirkus leben muß.

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Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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