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Ein Dissident auf dem Flohmarkt

26. Januar 2022

Flohmärkte sind in Taiwan eher selten, doch erinnern viele Balkons auf der Insel genau daran, weil sie mit allem möglichen Plunder vollgestellt sind. Taiwanesen haben ein sehr seltsames Verhältnis zu Freiflächen. Selbst vor so einigen Haustüren stapeln sich Gegenstände, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder jemand nutzen wird, und eigentlich sofort entsorgt werden müssten.

Die im Großen und Ganzen sehr saubere Stadt Taipei scheint sich dafür nicht zu interessieren, zumal es sich bei den „Zumüllern“ oft um Leute mit geringen Einkommen handelt, die sich so ein wenig dazuverdienen. Dafür gibt es Geschäfte, wie sie es zumindest vor meiner Auswanderung nach Asien im Jahre 1999 in Berlin, der sozialen Mülltonne der Republik, nicht gab.

Plunder

Dort kann man Luxusartikel mit Echtheitszertifikat verbilligt kaufen, von Schmuck über Accessoires zu Handtaschen und Hüten, aber richtige Schnäppchen sucht man dort leider vergebens. Eine weitere Variante sind Läden, die im engeren Sine keine Antiquitäten anbieten, sondern Nostalgisches für Liebhaber und Sammler, wie Lampen von europäischen Designern zu teils gepfefferten Preisen.

Eine gute Freundin wies mich auf den größten Flohmarkt im Umfeld hin, der um vier Uhr morgens aufmacht und bereits mittags wieder schließt. Da sie sehr schlecht aus dem Bett kommt, machte ich mich vor kurzem spontan alleine auf den Weg unter eine Brücke in einem der Vororte. Dort angekommen, wurde mir der Sinn dieser auf den ersten Blick doch kuriosen, wenn nicht für westliche Maßstäbe schlichtweg absurden Öffnungszeiten bewusst.

Denn bei dem FuHe Bridge Flea Market handelt es sich nicht nur um eine bizarre Mischung aus Recyclinghof, Ersatzteillager, Rumpelkammer und Ramschladen, sondern es werden dort in aller Herrgottsfrühe ebenso Obst und Gemüse sowie traditionelle Lebensmittel wie Mantou und diverse Teesorten angeboten.

Am Eingang war mir ein gleichzeitig eingetroffener Herr unangenehm aufgefallen, weil er mir mit seinem klapprigen Fahrrad einfach den Weg versperrt hatte. Er sollte mir wenig später wieder über den Weg laufen und sprach mich gleich an. Ich erwähnte sofort, dass er mir in die Quere gekommen war, was ihn nicht zu interessieren schien.

Ausgewiesen

Stattdessen fragte er mich, aus welchem Land ich kommen würde. Als ich „Deutschland“ sagte, teilte er mir sofort stolz mit, dass ein Buch von ihm in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen sei: Ausgewiesen. Es handelte sich nämlich um Bei Ling, einen 1960 in Peking geborenen chinesischen Autor, Dichter, Verleger und Dissidenten, der in seiner Autobiographie die strikten Zensurmechanismen der kommunistischen Staatsmacht beschreibt, die ihn 2000 inhaftierte, des Landes verwies und ihm die Rückkehr bis heute verwehrt.

Es stellte sich zumal heraus, dass ein befreundeter Übersetzer aus Wien andere Teile von Bei Lings Werk ins Deutsche übertragen hat. Auf meine Anfrage hin bezeichnete er diesen Künstlertypen als gleichzeitig lästig und herzlich. Das war auch mein erster Eindruck, zumal er sich mit mir nur in einer grauenhaften Mischung aus Chinesisch und Englisch unterhielt, wodurch ich relativ schnell das Weite suchte.

Nach eigenen Angaben hat er neben der amerikanischen mittlerweile ebenso die taiwanesische Staatsangehörigkeit und hier schon vor Jahren Eigentum erworben. Ist er also eine Bereicherung für Taiwan?

Gastautor

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