Ich hatte schon immer ein Faible fürs Mittelalter

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Ich hatte schon immer ein Faible fürs Mittelalter – wie wohl die meisten Deutschen. Merkwürdig: Ist die „wissenschaftliche“ Darstellung des Mittelalters doch negativ. Pest und Cholera, Gewalt, Seuche, Hunger, Gestank, Hexenverbrennung, Willkür des Herrschers, Armut, Rückständigkeit und Tod. Darum, dass diese Einordnung keiner ernsthaften historischen Betrachtung standhält, soll es an dieser Stelle nicht gehen, und der interessierte Leser möge sich mit Herrn Fechters Texten zum „dunklen Mittelalter“ befassen (los, Fechter, schreib noch mal was dazu!).

Genauso gibt es die spiegelbildliche Verklärung des Mittelalters: Bunte Gewänder, Hoffeste, spannende Abenteuer, Ritterturniere, edle Könige und Burgfräuleins, mystische Magier und verrauchte Schenken. Der Philosoph José Ortega y Gasset erklärte die Faszination des Mittelalters aber durch etwas anderes: die Unangreifbarkeit gegenüber der Obrigkeit. Gerade Kinder lieben die Abschottung vom „öffentlichen“ Leben. Es werden Burgen, Höhlen und Festen gebaut, auf die die Erwachsenen keinen Zugriff haben. Wir erinnern uns an Götz von Berlichingen, der sich einfach in seiner Burg einschließt und dem Mainzer Amtmann den Schwäbischen Gruß entgegenschleudert (im Original: „Da schriehe ich wider zu ime hinauff, er soldt mich hinden leckhenn“). Auch heute noch der geheime Traum eines jeden Mannes: Finanzamt, Polizei oder GEZ-Vollstrecker klingeln an der Tür, und man wirft ihnen den Schwäbischen Gruß entgegen und schließt ab. Das war es. Sie kommen nicht rein. Ende der Geschichte.

Neben dieser Nicht-Durchregierbarkeit gibt es noch zahlreiche andere Faktoren, die auf uns heute einen Reiz ausüben. Eine Hierarchisierung der Gesellschaft, die auf natürlichen Autoritäten beruht: Jedem, was ihm gebührt: Ritter waren vermögend und frei – aber sie leisteten auch ihren entsprechenden „Beitrag“, der hauptsächlich darin bestand, sich ab dem Alter von sieben Jahren zu einer hochprofessionellen Tötungsmaschine ausbilden zu lassen, deren einzige Aufgabe es war, die Rüstung anderer Ritter aufzuknacken und ihnen den Garaus zu machen. Nichts für mich. Gott, was wäre ich gerne Müller gewesen, und vermutlich waren es meine Vorfahren ja auch: Tüchtig arbeiten, und wenn das Tagwerk verrichtet ist, dann ein Schläfchen neben der klappernden Mühle am rauschenden Bach. Ich bezweifle stark, dass es in der etwa 1.000-jährigen Geschichte des Mittelalters auch nur einen Handwerker gegeben hat, der neidisch auf einen Ritter war. Angesehen, ja! Beneidet, auf keinen Fall. Das ist in Zeiten der Staatswirtschaft anders, wo die Diskrepanz zwischen Leistung und dem „Stand“, den jemand innehat, und dem Einkommen, das er „verdient“, zum Himmel schreit.

Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen, sondern um meine neue Leidenschaft: Ritter- und Burgenfeste. In Rhein- und Moselland weit verbreitet, findet nahezu im Wochentakt irgendeine Veranstaltung statt. Groß und Klein ziehen mit bester Laune und reich gewandet auf die uralten Burgen und nehmen an den Festlichkeiten teil. Einen Tag – oder ein ganzes Wochenende – einfach mal abschalten. Diese Veranstaltungen sind vielfältig: Vom chaotischen Saufgelage einiger durchgeknallter „Larper“ über das grandiose Burgenfest auf der Cochemer Reichsburg bis zum Manderscheider Großspektakel ist nahezu für jeden etwas dabei.

In Manderscheid findet am Fuße der Ober- und Niederburg, die sich seit fast 1.000 Jahren schief beäugen, das „Historische Burgenfest“ statt. Das Eifeldorf ist seit dem Mittelalter umkämpft: Der Erzbischof von Trier und der Graf von Luxemburg kämpften im 12. Jahrhundert um die politische Vorherrschaft – dazwischen das Adelsgeschlecht von Manderscheid. Diese Geschichte wurde frei interpretiert und von den Darstellern auf dem Burgenfest gespielt. Ein Ritterturnier im Tjosten entscheidet letztendlich über Sieger und Verlierer – und das Schicksal der freien Manderscheider. Damit ist die Darbietung wohl eine der deutschlandweit wenigen, auf denen vollgerüstete Ritter mit drei Meter langen Lanzen im Galopp aufeinander zurasen und ihre „Lanze brechen“. Auch wenn man weiß, dass es sich um ein Stück handelt – ist der Ablauf doch zutiefst beeindruckend und schlägt eigentlich jede „klassische“ Theateraufführung.



Wie auch immer: Der böse Waldemar von Engers (vertritt das Kurfürstentum Trier) und der Fürst zu Wied (mit grandioser Reitkunst) ziehen natürlich gegen den Lokalmatador Martin von Manderscheid den Kürzeren. Zum Abschluss das Grußwort des Herolds: „Und so setzen wir uns zur Wehr gegen all die Waldemars, Voldemorts und Wladimirs dieser Welt.“ Klirr. So zerstört man Atmosphäre. Zur Ehrenrettung des Publikums sei gesagt, dass der Jubel sich nach dieser politischen Verbaldiarrhö nicht merklich steigerte, was dem Herold – oder den Waldemars hinter den Kulissen – sicherlich ordentlich gegen den Strich gegangen ist.

Sauer und frustriert verlassen wir das Fest. Die Flucht aus der Moderne wurde mutwillig unterbunden. Beim Verlassen der Burg fällt mir noch das große Warnschild mit der Corona-Händewasch-Empfehlung ins Auge. Wen wundert‘s. Gleichzeitig das Mittelalter zelebrieren, aber sich die Hände desinfizieren – auf so eine Idee können auch nur Deutsche kommen. Glücklicherweise muss ich noch auf eines der zahlreichen Dixi-Klos. Ein Vater wartet auf seinen kleinen Sohn. Der ist gerade fertig geworden. Sohn kommt entgeistert aus der Kabine: „Dürfen hier Männer und Frauen aufs Klo?“ Vater lacht: „Klar, das ist doch heutzutage ganz normal.“ Er grinst mich an, ich grinse zurück.

Die Laune hebt sich. Nächstes Jahr aber trotzdem einen Tag mehr in Cochem.

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