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Ist Kaffee rechts oder links?

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Ich konsumiere in letzter Zeit abstruse Mengen Kaffee, so an einen halben Liter am Tag. Während das bei mir eine einigermaßen neue Eskalation der Trinkgewohnheiten darstellt, trinkt der YouTube-Kollege Clownie nach eigener Aussage schon sein gesamtes Erwachsenenleben ein bis zwei Kannen (!) des schwarzen Bohnensafts täglich, und auch der jüngst wieder aufgrund Schrödingers Einreiseverbot und seiner Zahnbürste in allen Schlagzeilen gelandete Martin Sellner gab vor einer Weile in einem Interview über das Leben als junger Vater gegenüber dem „Thymos“-Magazin bekannt, dass seine Espresso-Eskapaden seit der Geburt seines Sohnes noch einmal deutlich ausgeartet sind. Und da das hier, spätestens seit meinem Fitnessbowl-Artikel, die Kolumne ist, in der wir jede denkbare Eigenheit unserer Ernährung politisieren, kam mir heute die Frage in den Sinn: Ist das eigentlich links oder rechts?

Kaffee ist eine, wenn auch geringfügig, abhängig machende Droge, über deren gesundheitliche Auswirkungen man streiten kann. Jedoch keine enthemmende, zum Kontrollverlust einladende. Und auch wenn sie die Stimmung ein wenig zu heben vermag, drängt sie sich selbst bei exzessivem Konsum nicht zu einem Grad in dein Leben, an dem sie dessen Mittelpunkt wird und sonstigen Ambitionen im Weg steht. Während von Koffein, so man es regelmäßig und in rauen Mengen konsumiert, schwer loszukommen sein kann, ist es schwer vorstellbar, dass jemand sich in einer Lebenskrise wie einer Scheidung hemmungslos dem Aufgussgetränk hingibt und sich langsam in diesem verliert, wie man es etwa bei Alkohol häufig beobachtet. Im Gegenteil ist dieses fun-sized Aufputschmittel für den Großteil seiner Connaisseure etwas, das man während durchaus sinnvoller Tätigkeiten genießt, um eben seine Produktivität zu steigern.

Auch ist es, zumindest für mich, über den wachmachenden Effekt, den man sich von ihm verspricht, hinaus so etwas wie ein Ritual. Der Geschmack, der Geruch und schon die Zubereitung stimmen einen auf die kommende Arbeitszeit ein, versetzen einen in die richtige Geisteshaltung dafür. Nicht gegeben ist dieser Vorzug bei den kaugummiartig schmeckenden Energydrinks, die für die meisten richtig harten Koffeinjunkies in meiner Erfahrung auch eher das Mittel der Wahl sind. Gehen wir nach den Ausführungen des renommierten Rechtsextremismus-Experten Andreas Kemper, entspringen jedoch sogar diese einer toxisch-maskulinen Denkschule, nach der man überhaupt Energie benötige, um produktiv zu sein.

Generell aber sind Rituale, insbesondere solche, die zu einem geregelten Tagesablauf beitragen, ja etwas, das von links tendenziell abgelehnt wird, oder auf jeden Fall wurde. Das hatte in den vergangenen Jahrzehnten sicherlich auch damit zu tun, dass man alles einreißen wollte, was der feindlichen althergebrachten Gesellschaftsordnung Stabilität verlieh, während man die eigene ja gerade erst zu Ende aufbaut. Das Ritual des Kaffeetrinkens bei den heutigen woken Journalismus-Studenten nimmt aber wohl häufiger als nicht eher Züge des einfachen Verzehrs von Süßspeisen an, denen man aber irreführenderweise den Namen „Kaffee“ aufgedrückt hat – Starbucks lässt grüßen.

Die historische Herkunft des Getränks, dessen anregende Wirkung, wie man auf Wikipedia erfährt, einer Legende nach von Mohammed, dem Religionsstifter des Islams, persönlich entdeckt worden sein soll, nachdem der Engel Gabriel ihm eine Tasse überreichte, will ich an dieser Stelle einmal ausklammern, da solch ein Essensherkunfts-Puritanismus etwas ist, das selbst ich, als jemand, der seit einem knappen Jahrzehnt im rechten Lager unterwegs ist, quasi ausschließlich als linke Unterstellung kenne, die etwa für lustige Memes darüber, dass wir in einem rechten Deutschland nur noch Sauerkrautpizza essen dürfen, als Grundlage herhält.

Tja, Fazit? Kaffee ist eine Droge, und Drogen sind links. Nicht alle Drogen sind gleich links, je lethargischer, ungesünder, unproduktiver oder enthemmter sie dich machen, desto linker sind sie, und Kaffee tut meist das Gegenteil. Kaffee ist ein Produktivitätsritual, Produktivität und Rituale – das ist zweimal rechts. Kaffee und Kuchen sind zudem Fluchtgründe Nummer eins und zwei für volljährige, begleitete Schutzsuchende aus Österreich. In der Summe sage ich also: Kaffee ist rechts.