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Konflikt um Taiwan – Die Töchter des Hauses Sung (Teil 1)

22. Oktober 2021

Als Mao Zedong am 1. Oktober 1949 in Peking die Gründung der Volksrepublik verkündete, schien der Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten beendet zu sein. Doch wegen der jahrzehntelangen Einmischung der USA in innerchinesische Angelegenheiten dauert er bis heute an: Der Streit um Taiwan droht Peking und Washington in einen militärischen Konflikt zu stürzen – mit unabsehbaren weltpolitischen Folgen.
Historischer Ausgangspunkt ist die seinerzeitige Flucht der Truppen Tschiang Kai-scheks auf die dem Festland vorgelagerte Insel, die nicht viel größer als Baden-Württemberg ist und heute rund 23 Millionen Einwohner zählt. Dem Präsidenten und Oberkommandierenden der Republik China, der Taipeh, die Hauptstadt der kleinen Insel-Provinz, zum vorläufigen Sitz seiner entthronten Regierung machte, folgten schätzungsweise zwei Millionen Anhänger.

Drei Schwestern

Mit Unterstützung der USA, so Tschiangs Kalkül, werde er eines Tages die Kommunisten vertreiben und wieder über ganz China herrschen. Denselben Anspruch erhoben jedoch auch Mao und seine Gefolgsleute und hofften auf die baldige Eingliederung Taiwans in die von ihnen proklamierte Volksrepublik. An diesem Ziel hat sich bis heute nichts geändert.

Welch tiefer Riß schon damals durch die chinesische Bevölkerung ging, läßt sich am Schicksal der Familie Sung (auch: Song, englisch: Soong) verdeutlichen. Stammvater war der Methodisten-Prediger Charles Jones Sung (1863-1918), der als Bank- und Verlagskaufmann ein beträchtliches Vermögen anhäufte. Sung hatte sechs Kinder – drei Söhne und drei Töchter; alle wurden in den letzten Jahren des Kaiserreichs geboren und machten nach dem Sturz der Qing-Dynastie in der 1911/12 gegründeten Republik Karriere.

Am erstaunlichsten war der Aufstieg der jungen Frauen. Anders als die drei Schwestern in Anton Tschechows gleichnamigem Bühnenstück, die sich in der russischen Provinz zu Tode langweilen, waren die Sung-Töchter mit den bedeutendsten Persönlichkeiten der chinesischen Politik verheiratet und konnten großen Einfluß auf die Geschicke des Landes nehmen. Schon bald hieß es von ihnen: „Eine liebt das Geld, eine liebt das Land, eine liebt die Macht.“

Weg nach oben

Die älteste Schwester, Sung Ai-Ling (1890-1973), war die Ehefrau des Bankiers H. H. Kung, Sproß einer der neben den Sungs vier reichsten Familien, der bald zu den wichtigsten Finanziers Tschiang Kai-scheks gehörte. Sung Tsching-ling (1893-1981), also jene, „die das Land liebt“, ehelichte 1915 Sun Yat-sen, den Gründer und ersten Präsidenten der Republik China. Zwar waren ihre Eltern entschieden gegen die Ehe, da Sun 26 Jahre älter war als sie, aber letztlich setzte Tsching-ling ihren Willen durch.

1926, ein Jahr nach Suns Tod, wurde seine Witwe in das Exekutivkomitee der von ihrem Mann gegründeten Kuomintang (KMT), der Nationalen Volkspartei, gewählt. Zur Abwehr diverser Militärmachthaber („warlords“), die China unter sich aufteilen wollten, schlossen die KMT und die 1921 in Schanghai gegründete KP ein zeitweiliges Bündnis. Doch 1927 kam es zwischen den beiden Parteien zum Bruch. Sung Tsching-ling gab ihre Funktion in der Kuomintang auf und ging ins Exil nach Moskau.

Als 1945, nach der Kapitulation Japans, der Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten wieder aufflammte, stand jene Sung-Tochter, „die das Land liebt“, erneut auf der Seite der von Mao einst mitgegründeten und seit etlichen Jahren von ihm geleiteten KP. 1959 übernahm sie in der Volksrepublik das Amt der stellvertretenden Staatspräsidentin. Am 16. Mai 1981, vierzehn Tage vor ihrem Tod, wurde sie in die Kommunistische Partei aufgenommen und zur Ehrenpräsidentin ernannt. Bis heute wird Sung Tsching-ling als herausragende Persönlichkeit verehrt.

Eine ausgezeichnete Partie

Verachtet, ja verhaßt ist in der Volksrepublik hingegen Sung Mei-ling (1897-2003), die jüngste der drei Schwestern – jene, die „die Macht liebt“. Die Schwägerin des Staatsgründers Sun Yat-sen hatte im Dezember 1927 General Tschiang Kai-schek, Suns Nachfolger, geheiratet. Mei-ling war in den USA aufgewachsen und sprach akzentfrei Englisch. Ihre exzellenten gesellschaftlichen und politischen Verbindungen waren für ihren Mann überaus hilfreich, denn in seinem Zwei-Fronten-Kampf gegen die japanische Armee und gegen Maos Guerilla-Truppen war der zum Generalissimus avancierte Tschiang auf die militärische Unterstützung Amerikas angewiesen.

Als „Madame Tschiang Kai-schek“ galt Sung Mei-ling, der es gelang, ihren Mann zum Übertritt zum Methodismus zu bewegen, bald als Gesicht und Stimme Nationalchinas. Wiederholt reiste sie in diplomatischer Mission in die USA und durfte als erste Frau im Senat und im Repräsentantenhaus sprechen. 1943 nahm sie – quasi als Dolmetscherin ihres Mannes, der des Englischen nicht mächtig war – an der Konferenz in Kairo teil, wo sie gegenüber Roosevelt und Churchill geschickt die nationalchinesischen Interessen vertrat. Vom Time Magazine wurde sie dreimal auf das Titelblatt gesetzt und 1937 zusammen mit ihrem Mann als „Person of the Year“ geehrt.

Doch bald mußte auch sie erfahren, daß in der Politik Treue kein moralisches Faustpfand ist. Ende der sechziger Jahre wuchs in den USA die Bereitschaft, die geopolitischen Realitäten anzuerkennen. Immer weniger Amerikaner stellten sich noch hinter das diktatorische Exilregime auf Taiwan und hinter Tschiangs Anspruch, für ganz China zu sprechen. Im Oktober 1971 war es so weit: Mit absoluter Mehrheit plädierte die UNO-Vollversammlung für die Aufnahme der Volksrepublik als einzig rechtmäßige Vertretung Chinas und für den gleichzeitigen Ausschluß der als „Republik China“ firmierenden Kuomintang-Regierung. Schon fünf Monate später besuchte Präsident Nixon in Peking den Erzfeind von gestern und schüttelte Mao lächelnd die Hand.

Der nächste Krieg?

Als Tschiang Kai-schek, verbittert angesichts des „Verrats“ des einstigen Verbündeten, 1975 in Taipeh starb, kehrte Sung Mei-ling Taiwan den Rücken und ließ sich in New York nieder, wo sie 2003 im Alter von 106 Jahren starb. Die jüngste der drei Schwestern, jene, die „die Macht liebt“, wurde die älteste.

Und Taiwan? Heute wird die Insel von demokratischen Kräften regiert, die auf lange Sicht die Unabhängigkeit als „Republik Taiwan“ anstreben. Hierbei können sie mit der Unterstützung der USA rechnen, die im Südchinesischen Meer ein Gegengewicht zur immer mächtiger werdenden Volksrepublik aufbauen. Eine Konfrontation zwischen beiden Staaten scheint unausweichlich zu sein, denn Peking beharrt darauf, eines Tages Taiwan, die „abtrünnige Provinz“, wieder dem einstigen Reich der Mitte einzugliedern.

Peter Kuntze

Kuntze wurde 1941 in Kiel geboren und hat nach Abitur und Wehrdienst eine verlagskaufmännische Lehre in Hamburg absolviert. Anschließend ein Redaktionsvolontariat in Ansbach. 1968 gelang ihm der Sprung nach München zur Süddeutschen Zeitung, wo er als außenpolitischer Nachrichtenredakteur sein Brot bis 1997 verdient hat. Nebenbei schrieb Kuntze etliche Kinderbücher, zwei Romane und acht politische Sachbücher über China. Seine konservative Wende geschah in den letzten Berufsjahren.


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