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Nichtwählen – Autoaggressiver Idealismus

19. Oktober 2022

Ich habe vergangenen Sonntag in der „Honigwabe“ eine Debatte mit Martin von „eigentümlich frei“ geführt, in der es um das Wählen ging. Daher ist das Thema in meinem Kopf noch sehr präsent und fällt mir gerade ein; es geht hier mitnichten darum, in irgendeiner Form nachzutreten. Ich bin auf den Gedanken gestoßen, dass möglicherweise sogar die meisten der eigentlich rechten Nichtwähler paradoxerweise aus einer Art absolut übersteigertem Idealismus heraus handeln. Sie erachten unser derzeitiges System als so unmoralisch, dass selbst etwas wie in irgendeinem Umfang daran zu partizipieren, um es zu ändern, zu einer Art Missetat wird. Ich muss ein wenig an den berühmten Clip von dem Kommunisten aus den 70ern denken, in dem er am Ende beginnt, den Tisch zu zerstören. Er diskutiert dort nämlich mit einem anderen Kommunisten, welcher der Auffassung ist, das damalige System müsse durch Unterwanderung gebrochen werden (also exakt so, wie es daraufhin auch passierte). Den Tisch zerstörte er als eine Art Wiedergutmachung dafür, überhaupt in einer (zwar gebührenfinanzierten, aber laut ihm dennoch „kommerziellen“) Fernsehshow aufzutreten, was er als unmoralisch erachtete.

Sein Gegenüber und seinesgleichen sollten es jedoch sein, die das System in die Knie zwingen und eine Form des Kommunismus an seine Stelle setzen würden, während seinesgleichen weiterhin in der Linkspartei davon schreit, man müsse das jetzige System auch irgendwie brechen und an seine Stelle einen „richtigen“ Kommunismus setzen. Gut, ansonsten gäbe es für sie auch keinen Zweck mehr, und den Kommunisten an der Macht gefällt es auch ganz gut, wenn alles, was sie machen, in einem Teil der öffentlichen Wahrnehmung nie kommunistisch genug sein kann. Ihre Form eines übersteigerten Idealismus hat sie davon abgehalten, politisch effektiv zu sein, und jetzt pöbeln sie in relativer Bedeutungslosigkeit vor sich hin, während ihr taktischer denkendes Gegenstück, die Grünen, die Scheißkartoffeln so richtig hart rannehmen darf, wie sie es ja eigentlich am liebsten selber tun wollen, nur mit mehr Erschießungen und so.

Eine Auswahl der strategischen Argumente für das Wählen umfasst zum einen, dass, selbst wenn man so weit mitgeht, dass politisch sowieso nichts besser werden könnte, eine Wahl auch ein mächtiges Mittel der Kommunikation darstellt. Der normale Mensch wird ins Zweifeln kommen, ob das wirklich eine bescheuerte radikale Splittergruppe ist, wie sie in den Medien dargestellt wird, wenn auf einmal ein Drittel der Bevölkerung AfD wählt, auch wenn viele von ihnen es niemals zugeben würden. Wer aus dem Kopf noch grob die Nichtwähler-Zahlen, nicht aber das AfD-Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl weiß, kann sich hier gerne melden. Martin wusste sie beeindruckenderweise sogar tatsächlich sehr genau, Oma Inge aber, denke ich, weniger. Zudem ist die Aussage einer Nicht-Wahl zu diffus, um bei der breiten Masse irgendetwas auszulösen. Man kann aus tausend Gründen nicht wählen: Desinteresse, Desillusionierung, vielleicht sogar, weil einem alles immer noch zu rechts ist – sogar Zufriedenheit mit allem, wie es ist, also das exakte Gegenteil von dem, was die Nichtwähler kommunizieren wollen, steht als Grund zur Debatte.



Zum anderen, wenn wir zur politischen Wirkkraft kommen wollen: Sogar das, was die Nichtwähler bewirken wollen, also eine Desillusionierung der Leute bezüglich des momentanen Systems, schafft eine AfD-Stimme besser. Ein Vorfall, der zu den häufigsten Begründungen vieler Nichtwähler zählt, die Rückgängigmachung der Kemmerich-Wahl in Thüringen, wäre gar nicht möglich gewesen, wenn wenige Tausend Leute weniger die AfD gewählt hätten. Diese paar Tausend, die ihre Stimme der blauen Partei gegeben haben, haben also eine Entlarvung des Systems herbeigeführt, wie sie Millionen über Millionen von Nichtwählern über Jahrzehnte niemals herbeiführen konnten. Was auch der Grund sein mag, aus dem unsere geliebten Medien seit Jahren nur noch vor einer Stimme für die AfD warnen, nicht aber vor einer in die Mülltonne eingeworfenen.

Letztlich will ich den Christen noch ein Argument klauen: Pascals Wette. Wenn du zur Wahl gehst und es bringt nichts, na ja, was soll‘s, halbe Stunde verschwendet. Wenn du aber unrecht hast und eigentlich bringt es was, ist es eine vertane Chance, mit sehr wenig Aufwand in der Masse riesigen Schaden am System anzurichten. Und darum geht es den meisten Nichtwählern ja.

Autor

Shlomo Finkelstein

Shlomo Finkelstein wollte immer schon irgendwas mit Hass machen. Seit 2015 erstellt er als "Die vulgäre Analyse" Videos, und seit 2019 zusammen mit Idiotenwatch den Podcast "Honigwabe".

Belltower News schreibt über ihn: "Da er vorgibt, sein Hass sei rational begründet, sind besonders junge Menschen der Gefahr ausgesetzt, die Thesen für bare Münze zu nehmen und sich so zu radikalisieren."


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