Nichtwählen – Autoaggressiver Idealismus

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Ich habe vergangenen Sonntag in der „Honigwabe“ eine Debatte mit Martin von „eigentümlich frei“ geführt, in der es um das Wählen ging. Daher ist das Thema in meinem Kopf noch sehr präsent und fällt mir gerade ein; es geht hier mitnichten darum, in irgendeiner Form nachzutreten. Ich bin auf den Gedanken gestoßen, dass möglicherweise sogar die meisten der eigentlich rechten Nichtwähler paradoxerweise aus einer Art absolut übersteigertem Idealismus heraus handeln. Sie erachten unser derzeitiges System als so unmoralisch, dass selbst etwas wie in irgendeinem Umfang daran zu partizipieren, um es zu ändern, zu einer Art Missetat wird. Ich muss ein wenig an den berühmten Clip von dem Kommunisten aus den 70ern denken, in dem er am Ende beginnt, den Tisch zu zerstören. Er diskutiert dort nämlich mit einem anderen Kommunisten, welcher der Auffassung ist, das damalige System müsse durch Unterwanderung gebrochen werden (also exakt so, wie es daraufhin auch passierte). Den Tisch zerstörte er als eine Art Wiedergutmachung dafür, überhaupt in einer (zwar gebührenfinanzierten, aber laut ihm dennoch „kommerziellen“) Fernsehshow aufzutreten, was er als unmoralisch erachtete.

Sein Gegenüber und seinesgleichen sollten es jedoch sein, die das System in die Knie zwingen und eine Form des Kommunismus an seine Stelle setzen würden, während seinesgleichen weiterhin in der Linkspartei davon schreit, man müsse das jetzige System auch irgendwie brechen und an seine Stelle einen „richtigen“ Kommunismus setzen. Gut, ansonsten gäbe es für sie auch keinen Zweck mehr, und den Kommunisten an der Macht gefällt es auch ganz gut, wenn alles, was sie machen, in einem Teil der öffentlichen Wahrnehmung nie kommunistisch genug sein kann. Ihre Form eines übersteigerten Idealismus hat sie davon abgehalten, politisch effektiv zu sein, und jetzt pöbeln sie in relativer Bedeutungslosigkeit vor sich hin, während ihr taktischer denkendes Gegenstück, die Grünen, die Scheißkartoffeln so richtig hart rannehmen darf, wie sie es ja eigentlich am liebsten selber tun wollen, nur mit mehr Erschießungen und so.

Eine Auswahl der strategischen Argumente für das Wählen umfasst zum einen, dass, selbst wenn man so weit mitgeht, dass politisch sowieso nichts besser werden könnte, eine Wahl auch ein mächtiges Mittel der Kommunikation darstellt. Der normale Mensch wird ins Zweifeln kommen, ob das wirklich eine bescheuerte radikale Splittergruppe ist, wie sie in den Medien dargestellt wird, wenn auf einmal ein Drittel der Bevölkerung AfD wählt, auch wenn viele von ihnen es niemals zugeben würden. Wer aus dem Kopf noch grob die Nichtwähler-Zahlen, nicht aber das AfD-Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl weiß, kann sich hier gerne melden. Martin wusste sie beeindruckenderweise sogar tatsächlich sehr genau, Oma Inge aber, denke ich, weniger. Zudem ist die Aussage einer Nicht-Wahl zu diffus, um bei der breiten Masse irgendetwas auszulösen. Man kann aus tausend Gründen nicht wählen: Desinteresse, Desillusionierung, vielleicht sogar, weil einem alles immer noch zu rechts ist – sogar Zufriedenheit mit allem, wie es ist, also das exakte Gegenteil von dem, was die Nichtwähler kommunizieren wollen, steht als Grund zur Debatte.



Zum anderen, wenn wir zur politischen Wirkkraft kommen wollen: Sogar das, was die Nichtwähler bewirken wollen, also eine Desillusionierung der Leute bezüglich des momentanen Systems, schafft eine AfD-Stimme besser. Ein Vorfall, der zu den häufigsten Begründungen vieler Nichtwähler zählt, die Rückgängigmachung der Kemmerich-Wahl in Thüringen, wäre gar nicht möglich gewesen, wenn wenige Tausend Leute weniger die AfD gewählt hätten. Diese paar Tausend, die ihre Stimme der blauen Partei gegeben haben, haben also eine Entlarvung des Systems herbeigeführt, wie sie Millionen über Millionen von Nichtwählern über Jahrzehnte niemals herbeiführen konnten. Was auch der Grund sein mag, aus dem unsere geliebten Medien seit Jahren nur noch vor einer Stimme für die AfD warnen, nicht aber vor einer in die Mülltonne eingeworfenen.

Letztlich will ich den Christen noch ein Argument klauen: Pascals Wette. Wenn du zur Wahl gehst und es bringt nichts, na ja, was soll‘s, halbe Stunde verschwendet. Wenn du aber unrecht hast und eigentlich bringt es was, ist es eine vertane Chance, mit sehr wenig Aufwand in der Masse riesigen Schaden am System anzurichten. Und darum geht es den meisten Nichtwählern ja.

8 Comments

  1. Nun ja. Ich habe die Debatte mit Martin mit Interesse verfolgt und bin etwas enttäuscht darüber, dass einige Argumente welche ich selbst für das nicht wählen als essentiell empfinde nicht thematisiert wurden.
    Für mich stellt sich in dem Text ziemlich deutlich dar, dass du lieber Shlomo angefangen hast in Aggregaten zu denken. Es geht um politische Kräfte und Umwälzungen im bestehendem System. Damit wird sich niemals etwas Gutes erreichen lassen. Es ist eben das austreiben des Teufels mit dem Beelzebub. Sicherlich gehören da jetzt noch einige argumentative Erörterung in diesen Text, doch dies vielleicht zu späterer Stunde.
    Mir geht es vor allem um die individuelle Perspektive. Das ist auch genau das was die werten Herren von Ton Steine Scherben, welche von dir platt als “Kommunisten” bezeichnet wurden, meinen. Es gibt kein richtig in Falschen, sagte einst ein anderer dieser Kategorie.
    Jeder der zur Wahl geht maßt sich mit seiner Stimmabgabe Rechte zu welche er als Einzelperson nicht besitzt. Niemand hat das Recht die Werte anderer Menschen einfach so in die eigene Tasche oder in Taschen anderer Leute zu transferieren. Aber einer politischen Partei kann ich dieses Recht übertragen. Und man kann mit seiner Stimmabgabe darüber entscheiden ob man selbst oder andere Personen sich einer medizinischen Behandlung unterwerfen müssen, und ob irgendwelche ernährungstechnischen bevormundungen in den Rahmen des möglichen rücken, welche Energieformen und Träger jene der Zukunft sind und welche als veraltet zu betrachten sind.
    Nein. Das sage ich ganz klar, meine Hände werde ich nicht schmutzig machen.
    Die Wahl ist eine höchstpersönliche Sache und auch eine nichtwahl ist am Ende eine Wahl. Sie verändert den Ausgang für die politische Machtverteilung nur außerordentlich marginal. Letzten Endes wird ja jede abgegebene Stimme aufgewertet in ihrer Gewichtung. Es ist ja mitnichten so, dass wir einen so deutlichen Überhang auf Seiten des Lagers der AfD bei den Nichtwählern haben. Ich schätze die meisten würden sich auf Kleinstparteien verteilen und am Ende den gleichen Einfluss ausüben, wie sie es nicht abgegeben tun.. (aufgrund der 3 oder 5 % Hürde)
    Und auch das Argument die AfD bräuchte ein höheres Ergebnis um als konservativ bürgerliche Partei wahrgenommen zu werden, kann ich für mich nicht erkennen. Da muss man sich doch nur die Wahlergebnisse im Osten Deutschlands anschauen. Gerade die Ost-AfD gilt medial und auch in der Öffentlichkeit als besonders rechts und das trotz ihrer hohen Wahlanteile.
    Weiterhin denke ich, dass im politischen Spiel immer eine Gegenkraft wirken muss. Es wäre für das System schädlicher gäbe es die AfD nicht. Sie ist der wichtige boogeyman für alle Unzufriedenen; für alle die zu einer echten Gefahr werden könnten. Natürlich kann man die AfD wählen und dennoch eine Gefahr für das System werden, es werden aber nicht wenige über diesen Weg eingefangen. Eine ähnliche Funktion hatte vor 15 vielleicht 20 Jahren die Linke und ihre Vorgängerparteien (im Grunde hat sich daran nichts geändert nur sie sind medial akzeptierter, dennoch sind die Kräfte der Kommunisten gebunden in der parteilichen Arbeit und in der Realpolitik). Natürlich kann man sagen diese sind jetzt etabliert und wirken auf System ein – doch was haben sie tatsächlich verändert?
    Witzig empfinde ich auch die Erwähnung von Pascals Wette. Wenn dir das früher ein Islamist gesagt hat oder auch ein Christ war das immer Humbug. Es nötig dir doch nun wirklich nicht viel ab an einen Gott zu glauben, denk dran der Schaden wäre immens, wenn die Wahrheit im Glauben liegt.
    (Ich bin gerne bereit und heiß auf eine Debatte unter welchen Bedingungen und Formaten auch immer.. liebe Grüße, ein Freund)

  2. Viele Nichtwähler sehen alle Parteien bzw. Kandidaten als unwählbar an. Allerdings sollten diese bedenken daß jede nicht abgegebene Stimme eine Stimme für die ohnehin schon dominierende Kraft (mithin also die schlechteste aller Möglichkeiten) ist.

    Mögliche Auswege: Eine ungültige Stimme abgeben, oder – sofern das bei der Wahl möglich ist – für sich selber stimmen.

  3. Klar ändert eine Wahl nix, aber tut mir auch nicht weh. Ich mach mein blaues Kreuz, aber lebe mein Leben normal weiter und sag weiter meinen Hass.
    Das Kreuzchen machen ändert meinen Alltag und meine Arbeit nicht. Ich erwarte auch nix davon

  4. Mittlerweile habe ich dieses Land schon fast aufgegeben. Es bleibt einem auch nichts anderes mehr übrig, bei den ganzen Negativmeldungen in unserem Land und gegen unser Land, als eine Distanz zu dieser ganzen Politikscheisse zu wahren um geistig gesund zu bleiben. Es lohnt sich einfach nicht für ein Land zu kämpfen, dessen vor allem einheimische Bevölkerung gar keine Veränderung will. Aber wählen werde ich trotzdem die AfD, nur um einen kleinen Stich ins Herz dieses scheiss Abzockerstaates, der ganzen Böhmermanns, Joghurt&Klaus’s zu setzen.

  5. Bernd war grade-mal 1 Ja alt als der Mann mit Axt ( Axtmann ) die Mikros geklaut hat .Sonst hätte er ihn ausgebremst . Frage : wo waren denn die bösen alten Männer die hier und da HÄRTE fordern ? als der Axtmann rumtobte ?

    weshalb hat man diese Spackos nicht eingebuchtet als das noch möglich war ? wieso hat man die Bolschewisten durch die Institution DURCHGEWUNKEN ? ( Relilehrerin aus Tübingen , dann Kirchentag ,dann Mutlangen ,dann RAF-Helfer usw. ) .

    WARUM ? weil der Bourgeois ein feiger Warmduscher ist .
    der Kleinbürger aus Schwaben und Bayern oder sonstwoher hat immer nur seinen Nachbarn beim Amt angeschwärzt – aber er hat sich nie mit vernetzten Zeckenangelegt . soll er doch verrotten

  6. Als Liberaler die AFD zu wählen währe einfach Wahnsinn. Eine Partei, die Zwangsdienste / Wehrpflicht einführen will, ist halt nichts anderes als ein staatlicher Sklavenhalter.

    Wenn die AFD wirklich liberale Leute an die Urne bringen wollen würde, dann wären Themen wie Abschaffung des Waffenrechts (also Waffen für jedermann 🙂 ) oder Abschaffung von Steuern, Bauvorschriften und Sozialversicherungen der Weg.

    • Die AfD möchte doch, als einzige Partei, das Waffenrecht liberalisieren sowie Bauvorschriften und Steuern/Abgaben reduzieren.

      Du wirst nie eine Partei finden die dir in jedem Punkt zustimmt.

  7. Wählen ist eine Straftat!!!

    Dies weiter zu kommentieren, warum? Jeder kann es nachlesen. Jeder hat die Möglichkeit auf die Seite des Bundesinnenministeriums des Inneren zu gehen und dies nachzulesen. Verantwortung!!!
    Jeder der egal bei welcher Partei ein Kreuz macht, ist ein Straftäter.
    Klingt hart ist aber die harte Realität.
    Um dich noch so richtig zu provozieren, du kleiner Kommunisten Lümmel.

    Nun noch zu den Glückwünschen. Cooles Format deine Ketzerkirche. In eigener Sache noch, Ihr zwei müsst die Preise für das Format erhöhen.

    Gehabt euch wohl

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