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Ode an das Rheinland

16. Februar 2024

Das Bruttoinlandsprodukt Nordrhein-Westfalens liegt bei 794 Milliarden Euro. Das klingt viel – die meisten Menschen können diese Zahl aber gar nicht einordnen. Zum besseren Verständnis: Wäre Nordrhein-Westfalen ein eigener Staat, läge es im europäischen Vergleich hinter Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und den Niederlanden auf dem sechsten Platz – noch vor der Schweiz, Polen, Norwegen, Belgien, Irland und den vielen anderen europäischen Ländern. Die Wirtschaftskraft NRWs ist sogar zehnmal größer als die Luxemburgs. Da zehn Millionen Menschen der insgesamt 18 Millionen Nordrhein-Westfalen im Landschaftsverband Rheinland (LVR) leben und nahezu alle relevanten Großstädte NRWs diesem zugehörig sind, wird der absolute Großteil der knapp 800 Milliarden Euro im Rheinland erwirtschaftet. Gehen wir von 600 Milliarden Euro aus, läge das Rheinland – wohlgemerkt der nordrhein-westfälische Teil – im europaweiten Vergleich noch immer auf Platz 8 – noch immer vor Schweden und Norwegen. Wäre das Rheinland nicht von den Alliierten in die zwei Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz aufgeteilt worden, sähe die Sache noch eindeutiger aus. Der Landschaftsverband Rheinland ist damit strenggenommen für eine wirtschaftsstärkere Region als Schweden verantwortlich.

Ich wage zu bezweifeln, dass mehr als eine Handvoll der zehn Millionen Rheinländer sich dieser Sache bewusst ist. Würde man einem Rheinländer beim zehnten Kölsch davon erzählen, würde er so was sagen wie „Leck ens en d‘r Täsch!“ – und danach zum elften greifen. Da, wo ich herkomme, sagt man übrigens „Leck mesch an der Täsch“. Die Gegend um Trier ist kulturell stark mit dem Rheinland verwandt, die Sprache ist nahezu die gleiche: Das Moselfränkisch zieht sich entlang der sogenannten „Eifelschranke“ den „rheinischen Fächer“ hinauf und geht bis nach Bad Honnef – nördlich davon beginnt das Ripuarische. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen, und da Lateiner sehr logische Menschen waren, kommt die Bezeichnung von lateinisch „ripa“, was „Ufer“ bedeutet.

Die Sprache ist also die Sprache der Franken, die an den Ufern des Rheines wohnten und – auch wenn es immer weniger werden – noch immer wohnen. Ob die Franken damals bereits eine herausragende Wirtschaftskraft innehatten? Möglich. Zwar galten die Germanen aus Tacitus‘ Sicht als faule Raufbolde, doch das änderte sich in der späten Antike, als die Stämme der Franken im 5. Jahrhundert Köln einnahmen und damit auch maßgeblich wirtschaftliche Strukturen der Römer übernahmen. Das berührt eine der spannendsten Fragen der Wirtschaftsgeschichte überhaupt: Wer oder was ist eigentlich für die wirtschaftliche Leistung verantwortlich? Die geografischen, kulturellen, technischen Voraussetzungen, die in einem Land gegeben sind? Oder sind es die Menschen, die diese Voraussetzungen nutzen? Konkret: Hatten die Rheinländer mit der Übernahme der römischen Großinfrastruktur mitsamt der Lebensader Rhein einen riesigen Vorteil gegenüber den anderen Stämmen? Oder hätten die Ripuarier das Rheinland ohnehin zur Blüte gebracht?

Da ich mütterlicherseits von Preußen und Hessen abstamme, tendiere ich natürlich zu Letzterem: Der Langmut, die Gemächlichkeit und das „Fünfe gerade sein lassen“ der Rheinländer treibt mich und meine pedantische Art mitunter zur Weißglut. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie meine Vorfahren, protestantisch bis Oberkante Unterlippe, nach den Befreiungskriegen ins Rheinland einmarschierten und direkt am entspannten Wesen der Bewohner verzweifelten. Da half auch nicht die wenig überzeugende Rede ihres neuen Königs Friedrich Wilhelm III.:

„Ich trete mit Vertrauen unter euch, gebe euch eurem deutschen Vaterlande, einem alten deutschen Fürstenstamme wieder und nenne euch Preußen.“

Ob die Rheinländer im Stillen „Lecks en en dr Täsch“ oder ein „Et bliev nix wie et wor“ murmelten, ist nicht überliefert.

Schlechteste Eigenschaften also, um im Rheinland zu leben. Ich lebe jetzt mit meiner Familie aber seit sechs Jahren am Rhein und habe die Menschen hierzulande schätzen gelernt. An vorderster Stelle kommen ihre Freundlichkeit und Lebenslust – die immer wieder auffällt, wenn man im Kontrast andere Regionen Deutschlands bereist. Als ich kürzlich in Thüringen war und großen Hunger verspürte, entdeckte ich einen Fischstand. Mit Kreide stand auf der Tafel: „Fischbrötchen“. Das könnte ja alles heißen, also fragte ich nach: „Entschuldigen Sie, welchen Fisch haben Sie denn auf dem Fischbrötchen?“ Die Frau schaute mich an, als wäre ich ein bisschen weich im Kopf, und blaffte mich an: „Bismorrck“. Ein Kowelenzer oder Kölner Fischverkäufer hätte sich vollkommen anders verhalten. „Wir haben dies, wir haben jenes, ganz fangfrisch, gerade frisch geliefert. Am liebsten wird das gegessen, aber ich persönlich kann ihnen dies empfehlen.“

Beruflich hatten wir schon häufiger mit Firmen oder Privatpersonen aus dem Rheinland zu tun. Nachdem klar wurde, was wir denn als KRAUTZONE so treiben, kam keine Beschwerde und keine Kündigung, und wir wurden weiterhin mit großer Freundlichkeit behandelt. Natürlich ist meine Stichprobe sehr klein, aber sie ist durchaus bezeichnend für das Rheinland, in dem ich – im Guten wie im schlechten Sinne – mehr Toleranz und mehr „alte Liberalität“, wie Ernst Jünger das nannte, beobachte als in anderen Regionen Deutschlands. Als „alte Liberalität“ bezeichnete Jünger den Liberalismus, bevor er als politische Ideologie verhunzt wurde.

Man könnte es auch weniger intellektuell als „Leben und leben lassen“ bezeichnen. Ein Spruch, für den das Rheinland bekannt ist. Und das nicht erst seit gestern. Der wegen seiner politischen Haltung seiner Berliner Professur enthobene und später ausgewiesene August Hoffmann von Fallersleben musste 1843 Preußen verlassen und wanderte daraufhin von deutschem Land zu deutschem Land. Insgesamt wurde er von „preußentreuen“ Regierungen 39-mal ausgewiesen. Im Gegensatz zu heute wurde danach auch darauf geachtet, dass er die Region verlassen musste. Etwas Ruhe fand er vorerst im Rheinland, wo er eines Abends im Koblenzer Hotel „Kleiner Riesen“ – in der Zwischenzeit von den Alliierten zerbombt – mit dem Dichter Ferdinand Freiligrath zusammentraf und ihm von seiner leidvollen Odyssee berichtete. Freiligrath schrieb ein Gedicht über diesen legendären Zechabend, das er später veröffentlichte. Ein Auszug daraus:

[…]
Hoffmann, wolle hoffen!
      Hoff und laß der Marken Sand!
      Mach dich auf die Beine!
      Deutscher Männer deutsche Hand
      Wartet dein am Rheine!
Was, ob die gelehrte Spree
      Feig sich von dir wandte:
      In die Rheinflut senk dein Weh –
      Sie nicht bannt Verbannte!
[…]

Das politisch liberale Rheinland ist also mindestens 170 Jahre alt – als die Preußen sich längst von ihrer „alten Liberalität“ – „jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ – verabschiedet hatten.

Dass dieses „Lewe und lewe lasse“ im Zeitalter der offenen Grenzen, der unbegrenzten Libertinage und der moralischen Verwahrlosung auch eine Menge Probleme hervorruft, liegt auf der Hand. Nur ein Lügner und Täuscher kann behaupten, dass Liberalismus ohne Schranken funktioniert. Toleranz, Freiheit und Liberalität – die Tugenden, die man vielleicht am ehesten noch im Rheinland findet – brauchen ein gesundes Volk, funktionierende Grenzen, niedrige Steuern und wenige geschriebene Regeln, dafür aber einen Grundkonsens, was Kultur, Geschichte, Identität und Lebensmodelle betrifft.

Auch nicht ohne Zufall ist das Rheinland massiv überfremdet. Ich glaube nicht, dass der strukturelle Ansatz – billiger Sozialbau – die Erklärung für die massenhafte Ansiedlung kulturfremder Völkerscharen ist. Stattdessen „Lewe und lewe lasse“ – bis an die Schmerzgrenze eben. Hinter vorgehaltener Hand spottet man in konservativen Kreisen gerne über das „Kalifat NRW“, das man – gemeinsam mit Berlin – am liebsten loswerden möchte. Das sind dumme Albernheiten, über die man mal schmunzeln kann, aber nicht mehr.

Das Rheinland ist seit mehr als 2.000 Jahren ein Teil Deutschlands, um den es sich – wie um alle anderen Gebiete – zu streiten lohnt. Wie die Chancen stehen? Wie standen die Chancen, die Römer loszuwerden? Wie standen die Chancen, die Franzosen loszuwerden? Und das ganze dreimal? Immerhin, bei den Preußen scheiterten die Rheinländer, wenngleich sie sicherlich die angenehmsten Eroberer waren – trotzdem hat man heute die „Ampel“ an der Backe. Aber ich bin zuversichtlich: Wer als Grenzland nach all dieser Zeit noch immer seinen Frohsinn bewahrt hat, der wird es auch durch das 3. Jahrtausend schaffen. Denn offensichtlich hat „Et kütt wie et kütt“ besser funktioniert, als so mancher Preuße es wahrhaben wollte.

Florian Müller

Der Sklaventreiber-Chef hat diverse Geschwätzwissenschaften studiert und nach eigenen Angaben sogar abgeschlossen. Als geborener Eifeler und gelernter „Jungliberaler“ freundete er sich schnell mit konservativen Werten an – konnte aber mit Christentum und Merkel wenig anfangen. Nach ersten peinlichen Ergüssen entdeckte er das therapeutische Schreiben in der linksradikalen Studentenstadt Marburg, wurde Autor für die „Blaue Narzisse“ und „eigentümlich frei“. Ende 2017 gründete er mit Hannes die Krautzone.


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