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Ich kann schlachten – und Du kannst das auch!

17. Februar 2024

Jeden Tag wird uns aufs Neue suggeriert, dass wir im Wohlstand leben. Der Mann muss nicht mehr jagen gehen und die Frau nicht sammeln. Es scheint immer alles, zu jeder Tages- und Nachtzeit, verfügbar zu sein. Bis es dann mal wieder kracht und uns bewusst wird, wie abhängig wir von diesem System sind.

Die künstlich hervorgerufene Knappheiten in der Pandemiezeit hat den ein oder anderen schon verzweifeln lassen. Wie soll das dann erst werden, wenn es einmal zu einer echten Notsituation kommt? Soja-Sören und Tofu-Tina verhungern dann vermutlich später, da sie sicherlich irgendein widerlich schmeckendes Ersatzprodukt finden oder auf Radiergummis herumkauen. Aber was ist mit dem vernünftigen Durchschnittsmann, der gern mal Fleisch isst, allerdings keine Ahnung hat, woher er dies besorgen soll, wenn Kaufhalle oder Metzger nicht mehr liefern?

Die ganze Stadtbevölkerung würde verrecken. Hoffnung besteht in meinen Augen dann nur noch für die Landbevölkerung – vorausgesetzt, sie weiß, wie ein Tier zu schlachten ist. Glücklicherweise wurde mir diese Grundkompetenz schon im Kindesalter vermittelt – ein Endzeitszenario brauchte es dazu nicht. Der Tierbestand, den man selbst aufgezogen hatte, wurde zum Winter hin dezimiert, um sich das Jahr über so umfangreich wie nur irgend möglich vom Eigenen ernähren zu können.

Rückt die kalte Jahreszeit näher, wird alles vorbereitet. Der Schlacht-Keller in der Scheune bekommt die nötige Grundreinigung, Messer werden gewetzt, die Gewürzvorräte aufgefüllt, Einweck- und Schnapsgläser bereitgestellt und Schürzen bereitgelegt. Die großen Waschkessel wird mit Wasser befüllt. Gehacktes Holz wird ebenfalls parat gelegt, um alle Kessel, sowie Küchenherd und Kamin zu befeuern. Sind alle vorbereitenden Maßnahmen erledigt, wird der Partyraum geschmückt und eingedeckt. Dies geschieht dann meist nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für Nachbarn, Verwandte und Bekannte. Diese werden, zumindest beim Schlachten größerer Tiere, wie Schafen oder Schweinen, eingeladen.

Es ist ein buntes Treiben. Früh um sieben, die Luft ist eisig, hört man nur kurz den Bolzenschuss. Sau tot. Das geht alles innerhalb von Sekunden und das Tier hatte zwischen der letzten Runde im Stall und der Tötung einen Weg von maximal 200 Metern. Keine Elektroschocks, kein elendig langes Herumfahren im LKW. Einfach raus aus dem Stall und tot. Kurz und schmerzlos. Das Tier wird an den Hinterläufen aufgehängt, um auszubluten. Sobald es hängt, gibt es den ersten Schnaps.

Wenn die Sau am Haken hängt, wird erstmal einer eingeschenkt.

Die Fleischbeschauerin (ja, bei uns ist es immer eine Frau) kommt vorbei und prüft, ob mit dem Tier alles in Ordnung ist. Gibt sie ihr OK, kann es losgehen. Fleischer und Gehilfen (dazu gehöre ich) kümmern sich dann darum, dass jedes Teil des Tieres seinen Platz zur Weiterverarbeitung findet. Manche schnippeln Fleisch klein, welches anschließend in den Fleischwolf kommt und später zu Wurst verarbeitet wird. Wieder andere kümmern sich ums Wellfleisch, rühren Buchweizengrütze für die Grützwurst, schneiden Zwiebeln, waschen die Därme aus oder stapeln das Fleisch mit Pökelsalz in einem riesigen Tontopf.

Ich war bis jetzt überall dabei und kümmere mich auch stets darum, dass ein Jeder ausreichend zu Essen und vor allem zu Trinken hat. Sobald das Tier, meist nach dem Mittag hin, verarbeitet ist und langsam eine Ruhe, die eigentlich keine Ruhe ist, einzieht, geht es in die nächste Instanz – sauber machen. Die Schlachtküche ist fettig, überall liegen Messer und Holzbretter herum. Unzählige Utensilien werden abgewaschen, der Boden wird schonmal grob durchgewischt. Fertig Eingewecktes wird direkt in die Kellerregale geräumt und Fleisch, was man künftig braten oder kochen möchte, wandert in die Gefriertruhe. Nebenan sitzen die Gäste und feiern in alter Wikinger-Manier weiter. Das geht immer bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages.

So bin ich seit Jahren mit den Abläufen vertraut. Selbst ein Tier getötet hatte ich bis dato aber noch nicht. Seitdem ich meinen Jagdschein gemacht habe, muss und möchte ich mich mit diesem Thema aber auseinandersetzen. Mein Onkel lud mich zum Kaninchen schlachten ein. Auch wenn ein Kaninchen mit seinen 85 cm hängender Länge, von den Hinter- bis zu den Vorderläufen, recht groß, aber dann doch kleiner war, als Schweine oder Schafe, ging es für mich nicht um die Größe des Tieres, sondern um den Akt des Tötens. Das klingt vielleicht makaber, doch man muss sich bewusst sein, dass man gleich einem Lebewesen das Leben nimmt und das nicht zum Spaß, sondern um sich davon zu ernähren. In solchen Momenten fühlt man, welche Bedeutung das ganze Dasein auf dieser Welt hat. Mein Onkel nahm also ein Kaninchen und zeigte mir, wie und wo ich das Messer ansetzen soll, damit das Tier möglichst schnell- und eben so schmerzlos wie möglich tot ist. Hochachtungsvoll nahm ich das Tier an den zusammengebundenen Hinterläufen, gab einen Schlag in den Nacken und durchtrennte die Halsschlagader. In dem Moment war alles ganz ruhig. Ich hing es auf, sodass es in Ruhe ausbluten konnte.

Die eigentliche Probe für das Leben war hiermit geschafft – das Töten. Danach folgte das Abziehen des Fells, Aufschneiden, Ausnehmen der Innereien, sowie Abschneiden der Läufe. Das war mit der richtigen Anleitung eigentlich sehr einfach und ich bin der Überzeugung, dass jeder ein bereits totes Tier zerteilen und ausnehmen kann. Nicht nur ich war mächtig stolz, als das Tier mit abgezogenem Fell, keinen Schnitten im Fleisch und ausgeweidet am Haken hing. In mir kehrte innere Ruhe ein. Ich wusste nun: Ich kann das auch.

Eines sollten wir alle wieder verinnerlichen: Fleisch essen ist richtig und wichtig. Genauso wichtig ist es auch seine Grundkompetenzen zu erweitern. Wer gutes Fleisch konsumiert, hat schon einmal einen Schritt in die richtige Richtung getan. Wenn er es selbst beschaffen oder am besten aufgezogen, gefüttert und dann noch geschlachtet hat – fantastisch. Für mich ist es eines der wertvollsten Güter, wenn man sich, mit Liebe und Geduld, um seine eigenen Tiere gekümmert hat und sie danach zu wertvollen Lebensmitteln verarbeiten, um sich und seine Familie zu versorgen. Da kommt nur ganz wenig ran. Also – wohl dem, der sich in Zeiten der Antifleisch-Propaganda nicht verrückt machen lässt und sich wieder auf seine unentbehrlichen und grundlegend lebenswichtigen Fähigkeiten besinnt.

Klara Fall

Irgendwo im ostdeutschen Hinterland versucht sie zwischen Waldspaziergängen und Mopedschrauberei, den Sinn des Lebens zu finden. Wenn das mal nicht ganz glückt, wird der Kummer in Bier ertränkt und rumphilosophiert, während im Hintergrund die besten Hits der 80er laufen. Natürlich immer mit dem Ziel vor Augen am nächsten Katersonntag einen neuen Artikel zu schreiben.


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