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Ukrainekrieg: D+1

25. Februar 2022
Jetzt hat Putin seine Drohung also wahr gemacht. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar bombardierte die russische Armee ukrainische Stützpunkte und stieß anschließend von Süden, Osten und Norden auf ukrainisches Staatsgebiet vor. Der gesamte gestrige Tag war beherrscht von der Live-Berichterstattung über einen Krieg, der in seiner Brisanz seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beispiellos für Europa ist. Ja, es knallte in den 90ern auf dem Balkan – aber wer diese Zeit nicht bewusst miterlebte, der kennt das Ganze nur noch als Farbbeutelwurf auf Joschka Fischer, der verbindet mit dem „Kosovokrieg“ allerhöchstens Nachrichtenbilder von rollenden Bundeswehrkonvois, auf deren Flanken die weißen Lettern „KFOR“ prangten. Dass der Ukrainekrieg in medialer Hinsicht eine ganz andere Hausnummer ist, zeigte sich bereits 2014. Über Netzseiten wie „LiveLeak“ konnte man seinerzeit die Schlacht um den Donezker Flughafen beinahe in Echtzeit mitverfolgen. Die Soldaten sowohl auf west- als auch auf ostukrainischer Seite schraubten sich Gopros an die Helme und ließen das anarchistische Chaos wie einen irren Ritt durch „Call of Duty“ wirken. Das war gestern anders. Am Beginn des zweiten Tages, dem D+1 der russischen Invasion, kristallisiert sich aus der unübersichtlichen Gemengelage allenfalls heraus, dass der Vorstoß wohl nicht ganz nach Plan lief. Der Flughafen nahe Kiew, den russische Luftlandetruppen zeitweise besetzten, ist wohl von ukrainischen Streitkräften zurückerobert worden. Es gibt Bilder und Videos von abgeschossenen Jets und Hubschraubern der Russen – auch wenn wir bei Zahlenangaben extrem vorsichtig sein sollten, zeigt sich: Eine rasche Enthauptung der ukrainischen Zivil- und Militärführung gelang am ersten Tag nicht. Die Opfer bisher, angeblich: Etwa 130 ukrainische Soldaten, etwa 800 russische Soldaten, eine unbekannte Zahl an Zivilisten, vermeldet die Ukraine. Ob das stimmt, kann derzeit keiner sagen. Überhaupt fällt die Beurteilung der Lage aus mehreren Gründen schwer: Beide Seiten setzen zum erheblichen Teil sowjetisches Kriegsmaterial ein. Ob das verwackelte Handyvideo also einen brennenden Panzer der Russen oder einen der Ukrainer zeigt, ist zunächst unklar. Dann wäre da die Flut an Informationen. Tausende oft nur wenige Sekunden andauernde Videoschnipsel, auf denen irgendwas brennt oder explodiert. Und dann, nicht zu verachten, die Tatsache, dass in der Ukraine seit 2014 Krieg herrscht: Wer sagt, ob das ein oder andere Bildmaterial nicht schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat? Krieg ist zunächst einmal immer Chaos. Im 21. Jahrhundert bedeutet das: Informationschaos. Was sich allerdings sicher zeigt, ist das „David-gegen-Goliath“-Narrativ. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Ukraine ist Russland in allen relevanten Bereichen unterlegen. Dass sie von ihren westlichen Verbündeten, außer ein paar warmen Worten, nichts zu erwarten braucht, ist klar. Wer oder was also zu dem Konflikt geführt hat, der bereits acht Jahre tobt und erst seit gestern offen ausgetragen wird, interessiert niemanden mehr. Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die deutsche Rechte ziehen? Als „starker Mann“ genoss Putin über Jahre hohe, stellenweise infantil-dümmliche Sympathien. Seit gestern Morgen ist diese Position nur noch schwer zu verteidigen, denn egal, wie man zur geopolitischen Lage steht – man empfindet automatisch Sympathie mit den ukrainischen Soldaten, die ihr Heimatland verteidigen. Und Mitleid mit der Zivilbevölkerung, die zusammengepfercht in den Metro-Tunneln kauert. Außerdem: Der Westen ist schwach. Er ist so schwach, so jämmerlich, so verkümmert. Gibt es etwas Erniedrigenderes, als den Vertretern der matriarchalen Wohlstandstechnokratien den ganzen Tag dabei zuhören zu müssen, wie „entsetzt“ und „erschüttert“ sie sind? Welches „tiefe Mitgefühl“, welche „Solidarität“ sie mit der Ukraine verspüren – mit einem Land, das sie seit nunmehr acht Jahren gegen Russland aufgebaut haben. Gibt es etwas Erbärmlicheres als eine Ex-Verteidigungsministerin – bloß die zweite von nunmehr drei aufeinanderfolgenden Armee-Matriarchinnen –, die über fehlende Vorbereitung herumjammert und unter der unsere Streitkräfte seinerzeit munter weiter degenerierten? Was, außer aktive Wehrkraftzersetzung, haben denn von der Leyen, AKK und Mrs. Doubtfire geleistet? Aber das alles hatten wir schon. In Europa – nein, nicht in Europa – in der Ukraine herrscht jetzt richtiger Krieg. Mit richtigen Armeen und richtigen Opfern. Man kann nur hoffen, dass er schnell vorbei ist. Aber wenn der gestrige Tag eins gezeigt hat, dann, dass es kein leichter und schneller Durchmarsch wird.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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