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Screenshot, Youtube

Éric Zemmour – Wahlkampf, aber richtig

11. Dezember 2021

Frankreich hat vieles mit uns gemeinsam. Es ist eine Nation, die in ihrer tausendjährigen Geschichte alle Höhen erklommen und alle Tiefen durchschritten hat. Frankreichs Grenzen änderten sich, genau wie seine Regierungsformen, Herrscher kamen und gingen. Aber im Kern ist die Grande Nation, genau wie Deutschland, eine schier unüberschaubare Ansammlung von Kulturgütern, Persönlichkeiten, Bauwerken und ganz besonderen Eigenarten. Und genau wie Deutschland leidet auch Frankreich an dem selben Schicksal: Es verdorrt.

Die jahrzehntelange Deindustrialisierung hat die Wirtschaftskultur zerstört und das Selbstbewusstsein der Mittelschicht untergraben. Die Masseneinwanderung hat das Bild der Städte zum Negativen verwandelt, zur Bildung von Parallelgesellschaften geführt und die Kriminalitätsrate explodieren lassen. Frankreich ersäuft in Gewalt. Muslimische Terrorattacken sind so gewöhnlich geworden, wie die Soldaten, die schwerbewaffnet in den Straßen und Bahnhöfen patrouillieren. Währenddessen liefern sich rivalisierende Gangs Straßenschlachten, die an die Dreharbeiten eines Actionfilms erinnern.

Die Staatsquote, sozusagen der Gradmesser des Sozialismus, liegt bei 61,8 Prozent. Das Resultat ist ein ineffizienter, unproduktiver Apparatschik aus Beamten, Bürokraten und Angestellten der Sozialindustrie. Solche Strukturen tendieren zur Reproduktion. Die Unterschicht fristet auch weiterhin in den Betonbunkern der Banlieus ihr sedatives Dasein zwischen Billigfraß und Idioten-TV, während die Parteien nach „mehr staatlicher Unterstützung“ schreien. Das Resultat: Die dahinsiechende Schicht der Produktiven wird vom Staat weiter ausgequetscht, ein paar neue Streetworker werden eingestellt, um mit verwahrlosten Jugendlichen herumzulungern und vielleicht bekommt einer dieser unsäglich hässlichen Wohntürme in Clichy-sous-Bois einen neuen Anstrich.

Frankreich hat also nicht nur viel gemeinsam mit uns, nein – der Zerfallsprozess ist dort bereits wesentlich weiter fortgeschritten. Hier raunt man noch hinter vorgehaltener Hand vom “drohenden Bürgerkrieg“, in Frankreich wird er längst ausgefochten. Da hilft es auch nicht, dass die französische Staatsführung unter Präsident Macron, diesem Prototyp eines globalistischen Technokraten, einen Haufen Traditionskitsch bemüht, um die auseinanderdriftende Gesellschaft irgendwie zusammenzuhalten. Was das EU- und Regenbogenbanner nicht vermögen, soll jetzt auf einmal wieder “l’histoire de nous“ richten: Kein Witz – vor kurzem ließ das Staatsoberhaupt den blauen Farbton der Trikolore ändern: Weg mit dem Kobaltblau der EU und zurück zum Marineblau, seinerzeit die Uniformfarbe der Nationalgarde. Meine Vermutung: Solche erzwungenen Gesten werden wir auch in Deutschland wieder sehen. Nicht unbedingt im Zusammenhang mit unserer Flagge. Aber es gäbe genug andere Möglichkeiten.

Jedenfalls: Genau hier kommt Éric Zemmour ins Spiel. Der Journalist mit algerisch-jüdischen Wurzeln, der schon in der Vergangenheit mit, manche würden sagen: basierten, Aussagen von sich Reden machte, hat seine Teilnahme für die Präsidentschaftswahl angekündigt. Bei seinem Wahlkampfauftakt versammelte er nicht nur 15.000 Anhänger. 15.000! Nein, die als “linke Aktivisten“ titulierten Krawallmacher, die ansetzten, um besagte Veranstaltung zu stören, stießen auf handfeste Gegenargumente – und zwar nicht zu knapp.

Zwei Szenen also, die hierzulande unvorstellbar wären – man denke nur an die AfD-Wahlkampfstände, bei denen sich ein paar Boomer von zwei Dutzend Kommunisten “zumauern“ lassen.

Schauen wir an dieser Stelle mal auf die Verhältnisse hierzulande: Wahlkampfveranstaltungen der AfD, bei denen ein bräsiger Ex-CDUler den Aufgewachten spielt und vor zwanzig Hanseln mittleren Alters wortreich das Verbot des “Zigeunerschnitzels“ beklagt, während sein Parteikollege aus dem Osten ein bisschen Nazilarping betreibt. Keine einheitliche Strategie für die sozialen Medien. Stattdessen boomereske Selfies vor 9,50 €-Schnitzeltellern, unreflektiertes Verbreiten irgendwelcher Empörungsorgasmen und die ewige Selbstvergewisserung, dass die „Afd wirkt“. Blick auf die letzten Wahlergebnisse: Einen Scheißdreck tut sie.

Augen nach Westen, ins Land der untergehenden Sonne. Da setzt sich Zemmour an seinen Schreibtisch, sein Redemanuskript vor sich ausgebreitet, hinter sich ein Buchregal, vor sich ein Mikrofon und zu den Klängen von Beethovens Siebter kommt er auf all das zu sprechen, was Frankreich in den Abgrund reißt. Der Kulturmarxismus, die Überfremdung und die Verfremdung, die migrantische Gewalt, die Verelendung, der Versiffung,… all das betrifft im Übrigen auch Deutschland, ja die ganze westliche Welt, aber Zemmour geht es um Frankreich, um Frankreich allein. Von welchem deutschen Politiker hörten sie nach Abschluss seiner Rede mal den schönen Satz “Es lebe Deutschland“?*

“Altersbeschränkung“, oder die kreative Art der Zensur. Legen Sie sich einen Account an und schauen Sie sich Zemmours Rede an, die übrigens eine bewusste Inszenierung des berühmten „Appel du 18 Juin“: Eine Nation am Boden, gedemütigt und bespuckt, die jetzt von ihrem treuen General aus dem Exil heraus wieder aufgerichtet wird. Das ist ganz großes Theater – im positiven Sinne. Das, genau das, ist nämlich eine Ikonographie, die sitzt. Jeder Franzose mit auch nur einem Funken Nationalbewusstsein kennt diese Rede und erkennt in Zemmours Auftritt die Parallelen. Man stelle sich mal für einen Moment vor: AfD-Propaganda, nicht daherkommt wie die Werbung für das Empörungsangebot beim Discounter, sondern ganz gezielt das eigene Klientel moralisch aufrichtet.

Nochmal der Hinweis: Eine Auftaktveranstaltung mit 15.000 Anhängern, eine klare Kante gegen linksextreme Störaktionen. Dazu eine Sprache, welche hart und präzise die Missstände aufdeckt, in denen die französische Nation steckt. Hier wird nicht über die Umbenennung irgendeines Schnitzels herumgeheult, hier geht es um die Masseneinwanderung, um die Verdrängung der echten Franzosen aus ihrem Land. Zemmours Partei heißt übrigens “Reconquête“, Rückeroberung. Damit wäre dann auch die Frage geklärt, wie eine etwaige Alternative aussehen könnte. Und nicht zuletzt ist da das Bild, das mir, oberflächlich wie ich bin, besonders am Herzen liegt: Eine Symbolsprache, die sitzt. Dramaturgie, die nicht peinlich ist, sondern berührt. Ein Mann, der sich unter Kontrolle hat, aber zu allem bereit ist.

* Jaja, ich weiß…

Friedrich Fechter

Nachdem sich Fechter von den beiden Chefs die Leitung der Netzredaktion hat aufquatschen lassen, musste er mit Enttäuschung feststellen, dass die Zeiten von Olymp-Schreibmaschinen und reizenden Vorzimmerdamen vorbei sind. Eine Schreibmaschine hat er sich vom hart erarbeiteten Gehalt trotzdem gekauft. Und einen antiken Schreibtisch. Auf irgendwas muss man im Hausbüro schließlich einprügeln können, wenn die faulen Kolumnisten wieder ihre Abgabefristen versemmeln…

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