Zwischen den Jahren ist ein guter Zeitpunkt, sich einmal genau mit den eigenen Vorbildern und Idealen auseinanderzusetzen. Zu wem schaue ich auf und warum ist es รผberhaupt sinnvoll sich an fremden Persรถnlichkeiten zu orientieren?
Wรคhrend der Feiertage ist ein guter Zeitraum, um das zu Ende gehende Jahr zu reflektieren und sich zu fragen, ob man im nรคchsten Jahr so weitermachen will. Lebe ich bereits, wie ich wirklich leben will, oder warte ich noch auf irgendetwas? Passt mein tatsรคchliches Verhalten zu meinen Trรคumen, Wรผnschen und Zielen? In diesen Fragen stecken mindestens zwei tiefere Fragen drin: Was sind meine Ideale, das heiรt welche Werte sind mir im Leben wirklich wichtig? Und wer sind meine Vorbilder, das heiรt welche Personen haben bereits ein Leben gemรคร meinen Idealen gelebt und kรถnnen mir meinen Weg somit gegebenenfalls einfacher machen?
In diesem Kontext sind Vorbilder einfach Personen, die bestimmte Ideale verkรถrpern โ und Ideale sind Werte, die durch das vorbildhafte Vorleben durch bestimmte Personen รผberhaupt erst konkret werden. Wenn uns eine Person als Vorbild erscheint, dann weil sie sich in ihrem Leben fรผr bestimmte Werte entschieden und diese idealtypisch gelebt hat. Somit bringen konkrete Vorbilder die abstrakten Ideale dahinter immer gleich mit.
Man kann dieses Thema also einerseits auf einer konkret-persรถnlichen Ebene und andererseits auf einer abstrakten Ebene diskutieren. In beiden Fรคllen treffen wir Werturteile. Der eine Mensch sagt beispielsweise: โLoyalitรคt ist mir wichtig, und Person L. verkรถrpert Loyalitรคt wie kein anderer โ Loyalitรคt ist mir ein Ideal und Person L. ein Vorbild.โ Fand dieser Mensch zuerst Person L. faszinierend und hat dann spรคter erkannt, oder konstruiert, dass das am loyalen Verhalten von Person L. liegt? Was war zuerst da, die sich ideal verhaltende Vorbild-Person oder das Ideal?
Wie dem auch sei, ein anderer Mensch sagt vielleicht: โFreiheit ist mir wichtig, und Person F. verkรถrpert Freiheit wie kein anderer โ Freiheit ist mir ein Ideal und Person F. ein Vorbild.โ War hier zuerst die Freiheitsliebe und dann ihre Projektion auf eine konkrete Person? Oder entwickelte sich die Freiheitsliebe als Folge der Faszination fรผr Person F.? Es ist wie mit Henne und Ei.
Unabhรคngig von der Genealogie von Ideal und Vorbild bleibt die Frage: Zu welchem Vorbild und zu welchem Ideal schaust du auf?
Frรผher hรคtte ich mich vermutlich schwer mit der Frage getan. Zum einen, weil mir all das einfach noch nicht bewusst war. Zum anderen, weil zu jemandem oder zu etwas aufzuschauen natรผrlich impliziert, dass man selbst kleiner ist.
Wenn ich zu Vorbildern oder Idealen aufschaue, dann sage ich damit aus, dass ich gerne wie mein Vorbild wรคre oder meinem Ideal nรคher kommen wรผrde. Und das impliziert, dass ich heute noch nicht der bin, der ich gerne wรคre.
Es erfordert eine gewisse Reife, das zugeben zu kรถnnen. Auf der einen Seite ist es zwar wichtig, sich so anzunehmen, wie man ist โ sagen zu kรถnnen: โIch bin und bleibe ich, und das ist auch gut soโ โ auf der anderen Seite ist es fรผr die Entwicklung der eigenen Persรถnlichkeit entscheidend, sich einzugestehen, dass man eben noch nicht ganz da ist, wo man gerne wรคre. Sonst gรคbe es keinen Grund, weiterzugehen.
Im Grunde besteht ein dauerhafter Konflikt zwischen Selbstakzeptanz und Abgrenzung auf der einen und Lernbereitschaft und Blick nach oben auf der anderen Seite. Wenn ich mich selbst nicht hinreichend akzeptiere, mich nicht mit meinen Fehlern so annehme, wie ich bin, dann lebe ich mein ganzes Leben aus einem Frame der Unzufriedenheit. Wenn ich mir selbst einrede, dass ich schon genau der bin, der ich sein mรถchte, dann beraube ich mich damit aller Entwicklungsziele.
Die Lรถsung liegt also in der Integration des Blicks nach oben in die Selbstakzeptanz. Ich akzeptiere mich dann inklusive meinem Wunsch nach Verbesserung. Anstatt mir meine Selbstentwicklungswรผnsche nicht eingestehen zu kรถnnen, weil sie Unvollkommenheit implizieren, bejahe ich jetzt mein Streben nach Weiterentwicklung โ weil ich mich nicht aus Unzufriedenheit, sondern aus wohlverstandener Selbstliebe weiterentwickeln will. Ich sage dann: Ich will mich verbessern, weil ich es mir wert bin, an mir zu arbeiten.
Dadurch kann ich dann auch problemlos und ganz bewusst zu Vorbildern und Idealen aufschauen. Die Implikation des Kleinerseins stรถrt mich nicht mehr. Ich kann dann in die Schรผlerrolle schlรผpfen und proaktiv von meinen Vorbildern lernen und meine Ideale anstreben. Die Betonung muss hier auf โproaktivโ liegen, denn die wenigsten Vorbilder und Ideale liefern einen schรถn ausgearbeiteten Lehrplan mit. Was sie hingegen liefern, ist Inspiration. Sie zeigen auf, was mรถglich ist, und erweitern den Horizont.
Das kann ganz praktische, sogar kรถrperliche, Konsequenzen haben. Beispielsweise hatte ich das Glรผck, vor einem Bandscheibenvorfall im Jahr 2011 von Valentin Dikul zu lesen. Valentin Dikul stรผrzte als junger Zirkusartist ab, brach sich die Wirbelsรคule und saร dann querschnittsgelรคhmt im Rollstuhl. Die รrzte sagten ihm, er mรผsse sein Schicksal akzeptieren und sich mit dem Rollstuhl arrangieren. Stattdessen begann er jedoch, im Rollstuhl sitzend, auf eigene Faust zu trainieren. Nach mehreren Jahren gelang es ihm, wieder zu stehen und zu gehen. Und von da an gab es kein Halten mehr โ er startete eine zweite Zirkuskarriere, nun mit Kraft-Kunststรผcken. Ganz nebenbei stellte er noch Weltrekorde im Kraftdreikampf auf.
Durch Dikuls Geschichte wusste ich, dass es mรถglich ist, sich von einer Querschnittslรคhmung zu erholen โ also musste es mir auch mรถglich sein, mich von meinem Bandscheibenvorfall zu erholen. Wer weiร, ob ich ohne dieses Vorbild den Weg der proaktiven Erholung durch Krafttraining รผberhaupt eingeschlagen hรคtte โ oder meinen kaputten Rรผcken akzeptiert hรคtte und auf der Couch geblieben wรคre. In jedem Fall wurde durch den ganzen Prozess von Inspiration durch das Vorbild und die sich daraus ableitende Selbstheilung das Ideal des Niemals-Aufgebens sehr konkret fรผr mich. Eine Erfahrung, die ich dann natรผrlich auch in andere Situationen mit hineingenommen habe.
Mit der Wahl meiner Vorbilder und Ideale beeinflusse ich also ganz konkret meinen Lebensweg. Deswegen ist es so wichtig, das Aussuchen, das Auswรคhlen, ganz bewusst zu gestalten. Das ist natรผrlich nicht die Art, wie es gewรถhnlich ablรคuft. Im Gegenteil, normalerweise findet dieser Prozess ganz unbewusst statt: Bestimmte Dinge und Personen faszinieren uns, lange bevor wir verstanden haben, warum. Diese Dinge und Personen beeinflussen dann unser Denken und Handeln und nehmen Platz in unserer Psyche ein. Manche Dinge und Personen faszinieren uns vielleicht auch gar nicht, werden uns aber so lange immer wieder vorgesetzt, bis sie trotzdem ihren Platz in unserem Geist ergattert haben.
Sich diese Prozesse bewusst zu machen und zu analysieren, trรคgt zu einem selbstbestimmten Leben bei. Fundamental ist dabei die Einsicht, dass es in meiner Psyche diesen Platz fรผr Vorbilder und Ideale gibt โ und dass meine Psyche diesen Platz in jedem Fall mit etwas fรผllen wird. Die menschliche Psyche wird sich immer einen Wertekompass bilden und sich immer einen Nordstern zur Orientierung suchen. Und wenn ich diese Position des psychischen Nordsterns nicht bewusst mit meiner Wahl besetze, dann ist mein Lebensweg nicht selbstbestimmt.
Das ist gerade in unseren Zeiten von Entwurzelung und kollektivem Identitรคtsverlust wichtig. Versucht nicht so mancher Mensch, die unterschwellig nagende Frage nach der eigenen Identitรคt mit seinen Konsumentscheidungen zu beantworten? Natรผrlich sind manche Marken
und Produkte identitรคtsstiftend โ sonst gรคbe es zum Beispiel keine Harley-Davidson-Tattoos. Aber Identitรคten, die man kaufen kann, sind allein auf Dauer nicht befriedigend โ es bleibt immer der Hunger nach mehr.
Wichtiger als die Frage, was ich kaufen mรถchte, ist die Frage, wer ich werden will. Wer meine Vorbilder sind und warum. Denn wenn ich weiร, wer ich werden will, dann weiร ich auch schon verdammt viel darรผber, wer ich bin.
Und als Folgefrage: Was sind die Ideale der Gruppen, denen ich angehรถre? Gruppen bilden sich um gemeinsame Werte, um gemeinsame Ideale. Und welchen Gruppen wir angehรถren, bestimmt, wer wir werden. Belonging is becoming. Es ist schwer, seine Ideale als Einzelkรคmpfer mit Leben zu fรผllen.
Was heiรt all das jetzt konkret? Mein Appell an Sie ist, sich folgende Fragen zu stellen und am besten schriftlich zu beantworten: Was sind Ihre Ideale und warum? Mรถchten Sie diese Ideale tatsรคchlich und konsequent leben? Welche Personen verkรถrpern diese Ideale vorbildhaft fรผr Sie? Verhalten Sie sich wie Ihre Vorbilder? Falls nein, warum nicht? Wie setzen Sie Ihre abstrakten Ideale sonst in konkrete Taten um? Gehรถren Sie Gruppen an, die Ihre Ideale teilen? Falls nein, warum nicht?
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog Das Glรผck ist ein Freund des Starken

