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Identifikation mit dem Aggressor

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Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus meinem in 2021 erscheinenden Buch Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.

Solange nicht gleiches Recht für alle gilt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Und wenn einer jeden Konflikt entscheiden kann, inklusive solcher Konflikte, in die er selbst verwickelt ist, dann gilt ganz offensichtlich nicht gleiches Recht für alle. Dass Monopole problematisch sind, wissen die Menschen auch – deswegen gibt es Behörden wie das Bundeskartellamt, die eben genau den Auftrag haben, Monopole zu verhindern.

Weil sonnenklar ist, dass ein Monopol immer nur für den Inhaber des Monopols gut ist. Alle Konsumenten des monopolisierten Produktes leiden hingegen darunter – der Monopolist kann sein Produkt in minderer Qualität zu höheren Preisen anbieten, einfach weil er der einzige Anbieter ist und keine Konkurrenz hat. Das ist leicht zu verstehen und deswegen will auch niemand Monopole für Güter des täglichen Bedarfs. In allen Märkten gibt es zwar besonders dominante Anbieter, aber es gibt nie nur einen einzigen Anbieter. Das muss allein schon aus kartellrechtlichen Gründen so sein – zumindest der Anschein von Konkurrenz muss gewahrt werden.

Der Systemfehler

Doch ausgerechnet für die fundamentalsten Güter einer jeden Gesellschaft wird Monopolbildung nicht nur toleriert, sondern gewollt. Die wichtigsten Güter einer Gesellschaft sind Recht und Ordnung – ohne Recht und Ordnung kann keine Wirtschaft funktionieren, kann keine Bevölkerung ernährt werden, kann keine Gesellschaft bestehen. Recht und Ordnung sind die immateriellen Fundamentalgüter einer jeden Gesellschaft – und genau diese Güter werden von einem Monopolisten produziert.

Der Staat ist der alleinige Produzent von Recht und Ordnung – und eben weil er das Monopol innehat, kann er schlechte Qualität zu hohen Preisen verkaufen. Schlimmer noch, er zwingt die Menschen auf dem von ihm beherrschten Territorium sogar dazu, seine minderwertigen Produkte zu einseitig festgelegten Preisen zu kaufen. Ein normales Monopol könnte man wenigstens noch ignorieren, man könnte das monopolisierte Produkt einfach gar nicht mehr kaufen – doch der Staat ist kein normaler Monopolist, er ist ein Zwangsmonopolist. Er zwingt die von ihm beherrschten Menschen dazu, ihn mittels Zwangsabgaben zu finanzieren – anders als normale Monopolisten kann man ihn nicht einfach ignorieren und auf seine Produkte und Dienstleistungen verzichten.

Denn keine der Zahlungen an den Staat beruhen auf irgendwelchen Verträgen zwischen Zahlungspflichtigem und Zahlungsempfänger. Der Staat setzt die Zwangsabgaben mittels Bescheid fest – einseitig, ohne vertragliche Grundlage. Er setzt Steuern, Sozialabgaben und Staatsfunkgebühren mit der Feder fest und setzt seine Forderungen dann nötigenfalls mit dem Schwert durch. Die einzige Möglichkeit, diesem Zwangssystem zu entgehen, ist auszuwandern. Was auch immer mehr Menschen tun, wie beispielsweise das Bundesstatistikamt verrät.

Das Monopol

Es gibt keinen Wettbewerb in der Produktion von Recht und Ordnung innerhalb eines Staates, aber es gibt Wettbewerb in der Produktion von Recht und Ordnung zwischen verschiedenen Staaten. Wer die besseren Lebensbedingungen zu weniger Zwangsabgaben anbietet, gewinnt. Deswegen wandern Menschen aus dem einen Land aus und in das andere ein. Und da Auswanderung für Staaten immer den Verlust von Arbeits- und Konsumdrohnen bedeutet, hat jeder Staat das Interesse, sein Territorium auszudehnen.

Mehr beherrschtes Territorium bedeutet unter sonst gleichen Bedingungen mehr beherrschte Steuersklaven und erschwert den Untertanen obendrein das Auswandern. Es ist leichter, aus einem kleinen Staat in einen kleinen Nachbarstaat auszuwandern, als aus einem riesigen Staatsgebilde wie der EU auszuwandern. Konkurrenz ist immer gut für die Konsumenten und schlecht für die Produzenten – deswegen ist Sezession, also Abspaltung von Staatsgebieten, den Herrschern ein Dorn im Auge. Das führt dann beispielsweise zu Sezessionskriegen wie dem amerikanischen Bürgerkrieg oder Hetze gegen Unabhängigkeitsbestrebungen, also zum Beispiel gegen den Brexit.

Immer geht es um Macht, die eigenen Interessen und die Sicherung von Einnahmen. Jeder Mensch hat Eigeninteressen und so auch jeder Herrscher – das war bei Fürsten, Königen und Kaisern natürlich auch schon so, doch unter demokratischen Bedingungen kann Herrschaft erfolgreich mit dem angeblichen Allgemeinwohl gerechtfertigt werden.

Das Stockholm-Syndrom

Den Beherrschten wird auch vorgegaukelt, dass sie sich kollektiv selbst beherrschen – was ihren Widerstand gegen die Herrschaft absenkt oder auflöst. Durch das Konstrukt der Nation gelingt es den Herrschern sogar, die Masse der Menschen davon zu überzeugen, dass Herrscher und Beherrschte eine Gemeinschaft sind. Für die Beherrschten ist es einfacher, das Identitätsangebot der Mächtigen anzunehmen als sich selbst eine starke Identität aufzubauen – also identifizieren sie sich mit ihren Herrschern und dienen bereitwillig ihren Interessen.

Jeder Herrscher ist immer ein Aggressor, der in die Selbstbestimmung des beherrschten Individuums eingreift – doch weil der Herrscher mächtiger als das Individuum ist, ist es für das Individuum einfacher, sich mit dem Aggressor zu identifizieren als Widerstand zu leisten. Das ist das Stockholmsyndrom der Massen, die Sklavenmoral des Staatsbürgers und das Identitätsfundament des Untertans. Deswegen zahlen Menschen gerne ihre Steuern, deswegen lassen sich Menschen Wahlperiode für Wahlperiode belügen und betrügen, deswegen lassen sich Menschen dankend ausbeuten – weil sie sich mit dem Aggressor identifizieren. Die Auflösung des Konflikts mit der Staatsgewalt ist der sekundäre Krankheitsgewinn des Stockholmsyndroms der normopathischen Gesellschaft.

Abwehrkräfte

Jede Krankheit hat immer auch einen Vorteil – beispielsweise gewinnt das Kind durch seine Bauchschmerzen einen schulfreien Tag oder der Arbeitnehmer durch seine Migräne ein verlängertes Wochenende. Das ist der sekundäre Krankheitsgewinn. Und jede Identifikation mit dem Aggressor bringt den sekundären Krankheitsgewinn, den Konflikt mit dem Aggressor aufzulösen. Wer sich selbst mit dem Staat identifiziert, kann die Aggression des Staates, die er alltäglich erfährt, so gründlich rationalisieren und legitimieren, dass er keinerlei Ohnmacht, Wut oder Trauer aufgrund seiner fortwährenden Unterdrückung mehr empfinden muss.

Deswegen reagieren Menschen auch so empfindlich auf Informationen und Aussagen, die ihre Identifikation mit dem Aggressor gefährden. Sie spüren, dass ihre Identität angegriffen wird und dass hinter dem Konflikt eine furchtbare Erkenntnis lauert – die Erkenntnis ein Sklave zu sein. Die Erkenntnis, systematisch belogen und betrogen zu werden, von den Menschen, denen man vertraut hat, denen man gerne seine Steuern gezahlt hat und deren gute Sache man gerne mit seinen Rundfunkbeiträgen unterstützt hat. Dann wird aus gerne Steuern zahlen plötzlich Schutzgeld zahlen, dann wird aus einem Leben in staatlich definierter Freiheit plötzlich ein Leben als fremdbestimmte Arbeits- und Konsumdrohne. Und wer will das schon?

Deswegen spielt Logik in dieser Sache auch keine Rolle und deswegen nennen wir das staatliche Recht des Stärkeren über den individuellen Schwachen auch Rechtsstaat. Der sekundäre Krankheitsgewinn der Identifikation mit dem Aggressor und die Angst vor den Implikationen der Erkenntnis schützen den staatlichen Parasiten effektiv davor, von seinem Wirt abgeworfen zu werden. Und das Individuum schützt sich so effektiv davor, das Schwert des Staates aufblitzen zu sehen.

Zu schrecklich ist die Vorstellung es zu spüren – das grausame kalte Stahl, dass schon so viele Generation von Untertanen auf ihre gesellschaftlichen Plätze verwiesen hat. Also unterwirft sich das schwache Individuum dem starken Staat im vorauseil
enden Gehorsam – und rationalisiert seine Unterwerfung mittels Identifikation mit dem staatlich konstruierten Wir. Oder um es mit Nietzsche zu sagen:

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«

Lüge ist’s!

Und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s.

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