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Krautzone investigativ: Ist Nordkorea ein geheimes Paradies?

13. Februar 2020

Seit Längerem drängte sich dem Autor dieser Zeilen im Rahmen seiner politikwissenschaftlichen Studien ein Verdacht auf: Müssen wir alles, was wir über Nordkorea zu wissen glauben, eventuell revidieren? Eine Abwägung und Indiziensammlung der in der Überschrift gestellten Frage soll im Folgenden erbracht werden.

Zunächst einmal wäre da die autonome, non-interventionistische Regierung Nordkoreas zu nennen. Während der südliche Sektor vor allem unter US-amerikanischem Einfluss steht, hält sich der Norden ähnlich der Schweiz aus internationalen Bündnissen heraus. Das Militär dient ausschließlich der Landesverteidigung, womit wir auch schon den zweiten Punkt hätten: Nordkorea hat im Gegensatz etwa zur Bundesrepublik ein einsatzfähiges Militär und begeistert regelmäßig die Bevölkerung in beeindruckenden Paraden.

Ein weiterer Indikator dafür, dass Nordkorea ein Ordnungsstaat ist, liegt in der weiteren Wahrnehmung seiner Kernaufgaben: Die Grenzen sind sicher, die Kriminalität ist verschwindend gering, Obdachlosigkeit gibt es nicht und Straßen und Plätze sind sauber. Dies liegt unter anderem an der gut ausgerüsteten, allseits respektierten Polizei sowie der konsequenten und schnellen Rechtsprechung durch die nordkoreanischen Institutionen. Anders als in Deutschland ziehen sich Verfahren nicht über Monate und Jahre sondern laufen in sagenhafter Effizienz häufig nur wenige Tage, ja Stunden. Korruption und Verrat könnten dieses fragile Gebilde leicht zum Einsturz bringen, weshalb auf beides mit harten Strafen reagiert wird. Neben der reinen Bestrafung steht jedoch auch die Resozialisierung im Vordergrund. In eigens dafür eingerichteten Lagern werden straffällig Gewordenen zu einem stärker am Gemeinwesen orientierten Sozialverhalten angeleitet und lernen so, wieder bessere Bürger zu sein. Die Freiheit wird hier auf mehreren Ebenen mitgedacht: Neben der Wiedererlangung der eigenen Freiheit geht es also auch um die Frage, wie ich meine Mitmenschen nicht in ihrer Freiheit einschränke und die Freiheit meiner Nation erhalte.

Diese gewissenhafte Erfüllung staatlicher Kernaufgaben führt dabei nicht zu steuerlichen Mehrkosten, die Steuerquote liegt bei 0%. Darüber hinaus gibt es kein Problem mit zu hohen Mieten oder extremer Regulierung des Mietmarktes: Die Mieten liegen bei durchschnittlich Null Euro, Regulierungen sind nicht vorhanden.

Die Infrastruktur, vor allem in Pjöngjang, ist gut ausgebaut, außerdem gibt es in Nordkorea so gut wie nie Staus. Wer also gerne Auto fährt, der kommt hier voll auf seine Kosten. Die meisten Nordkoreaner entscheiden sich jedoch ganz freiwillig gegen ein Auto: Sie nutzen den gut ausgebauten und sauberen ÖPNV, der unter Anderem eine moderne U-Bahn mit geschmackvoll gestalteten Stationen beinhaltet. Diese Umweltfreundlichkeit schlägt sich auch in der haushaltenden Stromnutzung der nordkoreanischen Bevölkerung nieder. Während Metropolen im Westen nachts vor Lichtern funkeln, schaltet man in Nordkorea die überflüssigen Lichter ab, spart auf diese Weise Strom und verbessert sogar seine Ökobilanz.

All diese Punkte führen natürlich zu einer Akzeptanz der Regierung, von der westliche Nationen nur träumen können. Die Anstecker mit Großmarschall Kim Jong-Un, die jeder Erwachsene in Nordkorea voller Stolz trägt, lassen die Wahlergebnisse bereits vermuten: 100%ige Zustimmung zum Kurs der Führung. Da alle Menschen aus dargelegten Gründen völligst zufrieden mit der Arbeit ihres Staatschefs sind, gibt es folgerichtig auch keine Opposition. Während es in Südkorea immer wieder zu Demonstrationen kommt und die Menschen ihren Unmut über die Regierung äußern, ist nicht überliefert, dass in Nordkorea jemals eine solche Demo auch nur angemeldet wurde. Ob dies mit dem komplizierten Versammlungsrecht zusammen hängen könnte, ist indes nicht abschließend geklärt. Weil aber alle so glücklich sind, gibt es regelmäßig Feiern zu Ehren der Regierung, der arbeitenden Bevölkerung oder des Militärs. Die gegenseitige Wertschätzung gesellschaftlicher Gruppen ist Kernelement nordkoreanischer Gesellschaftsphilosophie. Aufgrund der Steuerquote und der non-interventionistischen Außenpolitik wäre Nordkorea also ein Paradies für Libertäre, aufgrund der genannten Erfüllung seiner Kernaufgaben in den Bereichen innere und äußere Sicherheit, Grenzschutz und Militär sowie der konsequenten Wahrnehmung der eigenen Interessen in internationalen Verhandlungen sowie der Sauberkeit und Ordnung auf den Straßen aber auch für Konservative. Sogar Grüne und Linke finden in der ökologischen Reduzierung des Autoverkehrs sowie der verantwortungsbewussten Stromnutzung Argumente für eine Immigration, für die auch der extrem günstige Mietmarkt, der ganz ohne Regularien, da frei von kapitalistischer Gier, auskommt.

Kurzum: „If you can make it there, you can make it anywhere!“ – Pjöngjang hat gute Chancen, das New York des 21. Jahrhunderts zu werden, das Freigeister aus aller Welt anzieht.

Maximilian Kneller

Kneller ist Politikwissenschaftler und Linksextremismusexperte. In seiner Freizeit engagiert er sich sehr zur Freude seiner Frau für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Etwa durch die deutliche statistische Reduktion des „orgasm gap“, der dank Pullover tragender Sörens aus dem AStA immer noch ein veritables gesellschaftliches Problem ist. Neben der Zugehörigkeit zu einer gewissen Oppositionspartei schlägt sein Herz für Arminia Bielefeld; er hat also nicht viel Freude im Leben und deshalb vermutlich so bedenkliche Ansichten.


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