An diesem Tag habe ich ernsthaft daran gedacht, meinen Vorgesetzten zu erschieรen. Er lief mir direkt ins Visier, natรผrlich ohne es selbst zu wissen. Ich hielt den Finger am Abzug und รผberlegte, ob ich es tun sollte oder nicht. Doch ich zรถgerte, und er kam nรคher, entdeckte mich, sah, wie ich respektvoll grรผรend die vorgeschriebene Haltung einnahm, und teilte mich zur Nachtwache ein.
Es war bereits die dritte Nachtwache in dieser Woche. Er muรte wissen, wie einem das an die Nerven ging. Ich trug die Maschinenpistole bei mir und dreiรig Schuร Munition und kam mir durchaus idiotisch vor so mitten im Dunkeln, im Winter, im Schneetreiben, mit der verdreckten Uniform. Mein vorgeschriebener Weg fรผhrte an einem Drahtzaun entlang, von einem bestimmten Punkt aus immer in eine Richtung und irgendwann von dort wieder zurรผck. Man war ganz auf sich gestellt, wenn man da so ging, und niemand machte einem zu schaffen. Hinter dem Zaun stand der Wald mit seinen schattenhaften Bรคumen. Ab und zu blies der Wind in die Wipfel, bewegte die knarrenden รste.
Plรถtzlich stand einer da.
Ich riร die Waffe von der Schulter, brachte sie in Anschlag.
โHeโ, rief ich ihm zu. โHe du!โ
โMach keinen Lรคrmโ, sagte der andere nur.
โWer bist du?โ, fragte ich ihn.
Seine Gelassenheit irritierte mich.
Ich ging auf ihn zu und staunte nicht schlecht. War das ein Kostรผm? Sah aus wie der Teufel.
โWas lรคufst du hier herum und frierst?โ, fragte mich die Gestalt. โMeinst du, daร dir das einer dankt? Komm lieber mit in die Hรถlle, da kannst du dich an den Kesseln wรคrmen.โ
Eigentlich hรคtte ich ihn verhaften mรผssen. Irgendetwas hielt mich davon ab. Etwas Magisches ging von ihm aus. Ich senkte die Waffe und folgte ihm, als wรคre das selbstverstรคndlich. Wir stapften durch den frischen Schnee und fanden eine seltsame Eingangstรผr, die mir noch nie aufgefallen war. Wir durchquerten einen Tunnel, schwรคrzer als die Nacht, der bis an ein Tor fรผhrte. Nachdem es sich schwerfรคllig und gerรคuschvoll geรถffnet hatte, betraten wir die Hรถlle.
โHier ist es warm und trockenโ, sagte der Teufel. โSetz dich und ruh dich aus.โ
Ich tat es und schaute mich um. รberall loderten Flammen unter kupferfarbenen Kesseln, in denen es mรคchtig zu brodeln schien. In einem Kessel, ganz in meiner Nรคhe, saร ein Mensch, der aussah wie Napoleon. Zwar nackt, mit gerรถteter Haut, den Hut aber noch auf dem Kopf.
Neugierig ging ich hin und las auf einem Schild: โNapoleon Bonaparteโ. Kaum zu fassen! Ich betrachtete ihn genauer.
โSo habยด ich mir den gar nicht vorgestelltโ, sagte ich.
โIch weiร, ich weiรโ, grinste der Teufel. โHier unten sind sie alle anders. Verrichten brav ihre tรคglichen Dienste. Halten mir die Hรถlle sauber. Ich habe wirklich meinen Spaร an ihnen.โ
Mein Interesse schien ihm zu gefallen, und er lud mich zu einem Rundgang zwischen den Kesseln ein. Da waren noch andere Prominente und viele mir Unbekannte, die unglaublich litten. Vor einem noch unbesetzten Kessel blieb ich stehen.
โMoment malโ, rief ich aus. โDen kenne ich doch!โ
Ich hatte das Namensschild meines Vorgesetzten entdeckt.
โKann seinโ, sagte der Teufel. โEin Neuzugang. Ist fรผr morgen hier angemeldet.โ
Ich erschrak. Mein Vorgesetzter โ morgen schon in der Hรถlle? Dann erzรคhlte ich, wie ich eben noch probeweise auf ihn gezielt hatte und mir der Gedanke gekommen war, einfach abzudrรผcken. Aber es war ja nur ein Gedanke gewesen, eine flรผchtige, absurde Idee.
โWie ist er denn so?โ, wollte der Teufel wissen.
โViel kann ich gar nicht รผber ihn sagenโ, antwortete ich. โEr geht einem mรคchtig auf die Nerven. Schikaniert, drangsaliert, wo er kann. Sรคuft sich gern voll, freut sich an Gemeinheiten. Nach unten treten, nach oben buckeln โ so ein Typ eben. Sie nennen ihn die Hรคmorrhoide.โ
Der Teufel nahm sein verruรtes Hรถllenregister zur Hand, blรคtterte darin herum und murmelte: โLรคuft unter Vorgesetzter sieben mal siebenten Grades โ wird einige Zeit in kochender Lauge verbringen mรผssen und um ein paar Jรคhrchen auf dem glรผhenden Nagelbrett nicht herumkommen.โ
Mein Vorgesetzter muรte weit mehr auf dem Kerbholz haben, als ich ahnte.
Der Teufel prรผfte das Kesselthermometer.
โIch glaube, wir mรผssen nachlegenโ, sagte er.
Gemeinsam trugen wir Brennholz zusammen und warfen es in die Flammen. Ich kam dabei richtig ins Schwitzen. Der Kessel meines Vorgesetzten begann zu glรผhen.
โDas genรผgtโ, gebot der Teufel schlieรlich, bedankte sich fรผr meine Hilfe und meinte, daร es nun Zeit fรผr mich sei zurรผckzukehren, da es drauรen bald hell wรผrde.
โDann muร ich wohl gehenโ, sagte ich โ und stand im selben Moment, von milchigem Frรผhnebel umgeben, an meinem Zaun.
Ich lief den vorgeschriebenen Weg entlang und wartete darauf, daร sich aus der dunstverhangenen Umgebung Schritte nรคherten. Die Ablรถsung war fรคllig. Der Wald lag nun scheinbar weiter ab als in der Nacht, und der Stacheldraht, mit Frost beschlagen, spannte sich wie eine dรผrre Girlande des Winters in den sonst so schmucklosen Morgen.
Noch ahnte ich nicht, daร mein Vorgesetzter bereits vermiรt wurde. Wรคhrend der Nacht war er auf irgendeiner abgelegenen Chaussee mit dem Motorrad betrunken in eine Schneewehe gerast.
(1986)

