Vierzehn Tage nach Putins Angriff auf die Ukraine faรte ich an dieser Stelle meine Gefรผhle und Gedanken in vier Punkten zusammen: Erstens Mitleid und Trauer; zweitens als Deutscher Beschรคmung angesichts des Muts und der Tapferkeit der meisten Ukrainer; drittens Wut, weil wegen selbstverschuldeter Unausweichlichkeiten der geopolitische Konflikt in der Katastrophe enden muรte. Und viertens bekannte ich mich dazu, als jemand, der mit 21 Jahren die Kuba-Krise miterlebt hatte, Angst zu haben vor einem nervlichen Versagen der Verantwortlichen auf beiden Seiten.
An dieser Betrachtungsweise hat sich bis heute nichts geรคndert. Mitleid und Trauer sind ebenso geblieben wie die Bewunderung fรผr die Abwehrhaltung der รberfallenen. Verstรคrkt jedoch haben sich die Wut und die Angst. Noch bei den ersten Gesprรคchen zwischen den Kriegsparteien hatte es fรผr beide ohne Gesichtsverlust die Mรถglichkeit zu einem Kompromiร gegeben, der in der Neutralisierung der Ukraine und der Absage an eine NATO-Mitgliedschaft bestanden hรคtte. Jetzt, nach mehr als sieben Wochen Tod und Verwรผstung, ist die Lage nahezu hoffnungslos. Weder Putin noch Selenskyj kรถnnen zurรผck โ der eine kann die angestrebte Kapitulation nicht erzwingen, der andere kann und muร sie nicht mehr verkรผnden.
รber allem schwebt nun das Damoklesschwert eines dritten, diesmal nuklearen Weltkriegs. Machen wir uns als Deutsche nichts vor: Ob vรถlkerrechtlich oder nicht โ als Teil des Westens sind auch wir lรคngst Kriegspartei. Was als postsowjetischer Territorialkonflikt zweier einst verbรผndeter Unionsrepubliken begann, hat sich ausgeweitet zum Ringen um eine neue Weltordnung, deren entscheidende Protagonisten in absehbarer Zeit die Vereinigten Staaten und China sein werden.
โEuer Kampf ist unser Kampf!“ verkรผndete EU-Kommissionsprรคsidentin Ursula von der Leyen am 8. April in Kiew. Und der amerikanische Verteidigungsminister Lloyd Austin gab am 28. April auf einer Konferenz in Ramstein, auf der mehr als vierzig Staaten ihre Solidaritรคt mit der Ukraine bekundeten, unverhohlen das Ziel aus: Ruรland mรผsse so stark geschwรคcht werden, daร es keine weiteren Kriege mehr fรผhren kรถnne. Im Klartext lรคuft das auf eine bedingungslose Kapitulation hinaus. Pausenlos angefeuert auf allen Propagandakanรคlen, vollgepumpt mit Waffen und mit Milliarden von Dollar und Euro, ist die Ukraine zur Stellvertreterin des Westens avanciert, die im osteuropรคischen Raum sicherstellen soll, daร im globalen Machtspiel von Ruรland vorerst keine Gefahr mehr ausgeht.
Putins Krieg ist somit zur ideologischen Auseinandersetzung zwischen โuns“, den westlichen Demokratien, und โihnen“, den angeblich ins Totalitรคre abgleitenden Autokratien, mutiert. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, quasi ein Jรผngstes Gericht, bei dem es um Gut und Bรถse und letztlich, philosophisch รผberhรถht, um die Erlรถsung im Diesseits geht: um die seit der Aufklรคrung angestrebte โdemokratische Weltrepublik“ als Ende der Geschichte. โWir“ โ das ist der von den USA angefรผhrte Westen, das sind die Freien, die fรผr Wahrheit und globale Gerechtigkeit kรคmpfen. โSie“ โ das sind die anderen, die Mรคchte der Finsternis, die lรผgenden Despotien und brutalen Verfechter der Gewaltherrschaft.
Natรผrlich ist dies eine Karikatur der realen Verhรคltnisse. Aber รuรerungen besonders amerikanischer und britischer Politiker lassen den Schluร zu, daร sie es mit dem weltlichen Armageddon ernst meinen und bereit sind, bis zum รuรersten zu gehen. So plรคdierte die britische Auรenministerin Liz Truss kรผrzlich in einer Grundsatzrede fรผr eine โglobale NATO“, wie Michael Wiesberg in der Jungen Freiheit kolportierte (JF 19/22 vom 6. Mai). Die westliche Verteidigungsgemeinschaft mรผsse eine erdumspannende Perspektive haben und bereit sein, โglobale Bedrohungen“ zu bekรคmpfen. Truss machte kein Hehl daraus, wen sie im Visier hat: Chinas Aufstieg mรผsse beendet werden, denn Ruรlands Vertreibung aus der Ukraine mรผsse โein Katalysator fรผr einen breiteren Wandel sein“.
Dies bedeutet, daร besonders Deutschland in diesem ideologischen, von den angelsรคchsischen Bรผndnispartnern vorangetriebenen Machtkampf einen hohen Preis wird zahlen mรผssen. Es sind nicht allein die 100 Milliarden Euro, die Bundeskanzler Olaf Scholz im Rahmen der von ihm verkรผndeten sicherheitspolitischen โZeitenwendeโ fรผr die totgesparte Bundeswehr bereitstellen will. Inflation, steigende Energiepreise, eine verfehlte Klimapolitik, sinkende Unternehmensrenditen wegen gestรถrter Lieferketten, damit auch Wegfall von Steuereinnahmen und Sozialabgaben werden den Staatshaushalt bald so stark belasten, daร die Wirtschaftskrise katastrophale Ausmaรe annehmen kรถnnte, die in politischen Unruhen gipfeln.
Sollte sich der Fokus demnรคchst wegen der Taiwan-Frage auf China richten, den einzigen ernstzunehmenden Antipoden der USA, wird die Lage fatal. So wie Deutschland schon jetzt unter der durch die Sanktionen gegen Moskau unumgรคnglich gewordenen Abnabelung von billiger russischer Energie รคchzt, dรผrfte der Versuch, sich aus der Abhรคngigkeit von China zu lรถsen, nicht nur fรผr die Autoindustrie ein Fiasko werden. Im vergangenen Jahr war die Volksrepublik zum sechstenmal hintereinander Deutschlands wichtigster Handelspartner. โChinaโ, so Lisandra Flach, Leiterin des Ifo-Zentrums fรผr Auรenwirtschaft, โist fรผr uns sowohl als Zulieferer als auch als Abnehmermarkt zentral.“
Mit seiner vรถllig realitรคtsfremden Auรen- und Sicherheitspolitik hat sich Deutschland, militรคrisch in allen Belangen von den USA abhรคngig, รผber Jahrzehnte in eine Sackgasse manรถvriert, was das Schlimmste befรผrchten lรครt. Der Ukrainekrieg und seine Folgen dรผrften dagegen nur ein kleiner Vorgeschmack sein.

