Von Joshua Salewski
Er folgt der Wissenschaft, krempelt den รrmel hoch. Er hรคlt Waffenverbotsschilder fรผr โsinnvollโ, ebenso die Corona-Maรnahmen, obschon es dafรผr keine Evidenz gibt. Geht’s gegen Putin, schnallt er den Gรผrtel enger. Pazifist ist er UND fรผr Waffenlieferungen. Ja, damals, das erste Buch von Richard David Precht, das war schon was… Er erinnert sich: Der Stabilo-Textmarker, fast aufgebraucht โ so viele geniale Passagen gab’s da (die er per WhatsApp verschickte, an Soziologie-Studentinnen; aber sie lassen ihn nicht ran, sondern rufen nur an, wenn der Computer oder das Auto streikt). Easy Rider, born to be baerbocked, der Marlboro Man minus Marlboro, das Bier ohne Alk. Auf dem (Lasten-)Rad trรคgt er lieber Maske statt Helm. Aber die Durchlรผftung des Hauptes will nichts nรผtzen – der Idiot weiร niemals, dass er ein Idiot ist. Sonst wรคr er ja keiner!
In der Synapsenwรผste des deutschen Wokisten bleibt fรผr die banale Erkenntnis kein Platz: Das Einzige, was Waffengesetze bzw. -verbote jemals bewirkten, ist, dass rechtschaffene Bรผrger entwaffnet und gegenรผber anderen wehrlos sind. Indessen Kriminelle und Psychopathen (wozu ich ausdrรผcklich auch unsere Politkaste zรคhle) sich freudig weiter bewaffnen. Schlieรlich wรคre der Kriminelle โ nomen est omen โ ja kein Krimineller, wenn er sich an die Gesetze hielte. Captain Obvious, bitte รผbernehmen Sie! Merkste selbst, ne?
Am 8. Juli 2022 wurde Shinzo Abe, der Ex-Premierminister Japans, auf einer Wahlkampfveranstaltung angeschossen und dabei tรถdlich verletzt. Zwar hat Japan ein generelles Waffenverbot, von dem nur die Polizei ausgenommen ist. Und allein ein Probeschuss ins Leere kann mit Haft bis zu drei Jahren bestraft werden. Nicht allerdings die Nutzung eines 3D-Druckers. Laut forensischer Einschรคtzung der Nihon University bastelte der Tรคter sich die Waffe daheim zusammen. Im Grunde kรถnne das jeder, ein halber Tag wรผrde reichen โ so man sich nicht gรคnzlich dumm anstellt. Indes die Bodyguards des altgedienten Politikers wohl weder Zeit noch Mittel hatten, um den angeblich anti-religiรถs motivierten Angriff zu vereiteln. Das Attentat auf Abe zeigt also, wofรผr selbst die strengsten Waffengesetze gut sind โ nรคmlich fรผr ’n Arsch.
Durch โsternโ lesen soll Nippon genesen
Derweil die anstรคndigsten unter den deutschen Qualitรคtsmedien (tagesschau, stern und Handelsblatt) die Gelegenheit beim Schopfe packten und noch in der Schlagzeile zu Shinzo Abes Tod auf seine โrechteโ Gesinnung hinwiesen. Richtig und wichtig, nicht wahr? Damit der gemeine, โantifaschistischโ geneigte Leser auch weiร, dass es im Grunde den Richtigen traf. Die Beschreibung, dass Abe auf offener Straรe niedergestreckt wurde, und nicht etwa einer รผberdachten, ist Investigativjournalismus, wie wir ihn lieben. Allerdings vermissen wir den sonst รผblichen Zusatz, dass der Betroffene zudem โumstrittenโ™ war!

Praktisch … Obendrein taugt der Fall als Warnung an hiesige Rechtspopulisten: Und willst du kein Linker sein, fliegt 1 Kugel dir in Fresse rein. Auch die Frankfurter Rundschau schafft es offenbar nur unter hรถchster humanistischer Anstrengung, dass die Schadenfreude zwischen den Zeilen bloร mitschwingt und nicht gleich Trampolin springt: โShinzo Abe hat Japan lange regiert und nach rechts gerรผckt. Nun ist er offenbar ausgerechnet (!) einem ehemaligen Armeeangehรถrigen zum Opfer gefallen.โ

Wobei โausgerechnetโ hier bitte mit โselbst schuldโ zu รผbersetzen ist. Die Feministin Veronika Kracher (taz) wรผrde wohl anmerken: โDass Abe abgeknallt wurde, ist รผbrigens die konsequente Durchfรผhrung von #NazisRaus.โ (Vgl. ihren Tweet zum โAntifaโ-Angriff auf den AfD-Politiker Frank Magnitz, Januar 2019.)
Von Soja-Boys und Krokodilstrรคnen
Dass sich gerade in Deutschland immer mehr Jugendliche fรผr Japan begeistern, darunter auch Klima-, Kobold- und Klebstoff-Kommunisten, ist einigermaรen kurios. Denn die ehemalige Achsenmacht ist seit jeher eine (erz)konservative, streng hierarchische und bisweilen xenophobe Gesellschaft, oder anders formuliert: Hรถcke und Kalbitz dรผrften sich dort vermutlich anhรถren, dass sie linksgrรผn versiffte Soja-Boys wรคren. Vor diesem Hintergrund darf man dann auch die roboterhaft abgespulten Kondolenzen, unter anderem und ausgerechnet von Angela Merkel, als Krokodilstrรคnen auffassen: Wรผrde die deutsche Polit-Intelligenzija nรคmlich so was wie Prinzipientreue kennen, so mรผsste sie den japanischen Parlamentarismus nรคmlich als menschenfeindliche, โultrarechte Nazi- und Schwurbler-Veranstaltungโ bezeichnen. Und ihre Phrasen in die Tweetosphรคre blasen, dass Mord ja sicherlich keine Lรถsung sei, ABER so was eben passiere, wenn Rechte den โNรคhrboden fรผr Hass und Hetzeโ™ bereiten. Doch allgemein passiert โso wasโ in Japan ja eben gerade nicht: โTodesfรคlle durch Schusswaffengewalt liegen in dem 125-Millionen-Einwohner-Land jedes Jahr [nur] im einstelligen Bereich.โ (Bild-Zeitung, 9. Juli 2022)
Der Mord an Ex-Premierminister Abe ist also insofern auรergewรถhnlich, als Japan nach Liechtenstein und Monaco die weltweit niedrigste Tรถtungsrate hat. Dies dรผrfte einerseits der buddhistisch-shintoistischen Tradition geschuldet sein, welche Solidaritรคt und Hilfsbereitschaft unter den Menschen gebietet. (Wobei โSolidaritรคtโ hier nicht mit jener westlichen Begriffspervertierung zu verwechseln ist, bei der man sich das gute Gewissen und den Beifall seiner Mitmenschen durch gratismutige Facebook-Parolen erโhashtagtโโฆ oder mit jenem Phรคnomen, dass man die Gruppe der schรผtzenswerten โVulnerablenโ erst mit Ausrufung einer halluzinierten Pandemie entdeckt haben will.) Andererseits ist anzunehmen, dass auch die strikte Migrationspolitik zur hohen inneren Sicherheit Japans beitrรคgt. In Tokio, Osaka oder Kobe nรคchtens von einer โFachkraftโ angetanzt, abgezogen, abgeknallt oder gemessert zu werden โ das ist so wahrscheinlich wie ein kluger Satz aus dem Mund des Kรถnnte-Kanzlers Scholz.
Zwar regte die UNO bereits 2000 in einem Strategiepapier an, dass das geburtenschwache Japan (neben Deutschland und Italien) jedes Jahr mehrere Hunderttausend Migranten aufnehmen solle und betitelte diese Agenda unverhohlen als โReplacement Migrationโ. Was รผbersetzt รผbrigens nichts anderes als โUmvolkungโ bedeutet. (Aber das ist ja wieder โVerschwรถrungstheorieโ™, gell?) Doch die Japaner sind ein stures wie stolzes, auf Souverรคnitรคt erpichtes Volk, das sich seinen โWay of Lifeโ nicht durch das westliche Handbuch neosozialistischer Mental-Diarrhรถ diktieren lรคsst. Und schon gar nicht, nachdem sich 1945 zwei US-Atombรถmbchen in die Groรstรคdte Hiroshima und Nagasaki โverirrtenโ und dort etwa ein Drittel der Bevรถlkerung dezimierten (der humanitรคre WerteWesten™ hat nun mal Tradition).
Anschlieรend sahen Zensurgesetze der Amerikaner vor, dass die Atombombenabwรผrfe in japanischen Medien nicht erwรคhnt werden durften. Indes Journalisten und Kรผnstler kreative Wege fanden, um das Verbot zu umgehen: Als Metapher fรผr das nationale Trauma ersann Tomoyuki Tanaka die bis heute populรคre Filmechse โGodzillaโ, geboren aus den Trรผmmern radioaktiver Verwรผstung. Auch der Multimillionen teure Kinohit โAkiraโ (1988) griff das Motiv des โPhรถnix aus der Ascheโ auf, prรคsentierte sich in sรผndhaft cooler Blade-Runner-รsthetik und etablierte den Anime im Westen. Die Cyberpunk-Dystopie von Katsuhiro Otomo verquickte den nietzscheanischen รbermensch-Topos und transhumanistische Elemente mit der Kritik am Szientismus und spielte mit der japanischen (Ur)angst vorm Fremden. Ein korporatistisches Terrorregime, das auch vor genmanipulativen Zwangseingriffen an Kindern nicht haltmacht, weckt den Widerstand jugendlicher Biker-Gangs. Dรฉjร -vu? Ganz recht, quasi Querdenker versus Lauterbach, der Film โ bloร mit Motor- statt Lastenrรคdern.
Wiederum warf der SciFi-Anime โGhost in the Shellโ bereits einige Jahre vor โThe Matrixโ die Fragen auf: Wie und woraus konstituiert sich unsere sogenannte Realitรคt?; Was ist das Menschliche, was โdie Seeleโ, wenn wir unsere (physisch-biologischen) Grenzen zusehends รผberwinden und kognitive Prozesse auslagern?
No Country for Party- und Eventszene
Die bis 1972 wรคhrende Besatzungszeit war den Japanern โbuntes Multikultiโ genug: Allein in der Prรคfektur Okinawa sind 350 Fรคlle von Sexualverbrechen durch die alliierten Siegermรคchte dokumentiert (Stand 2016).โต Entsprechend mag es kaum verwundern, dass die Inselnation das europรคische Bessermensch-Diktum โRefugees welcomeโ eher mit einem lakonischen โNee, lass mal steckenโ quittiert.
Japan erkennt nur ein Prozent aller Asylgesuche an. Im Jahr 2020 waren es 47 (sic!) Zuwanderer, die eine Aufenthaltsgenehmigung erhielten. Im Gegensatz zur Bundesrepublik, wo Migranten nach dem Motto โKuckuck, hier bin ichโ verfahren, mรผssen Bewerber in Japan die Gefรคhrdung ihres Lebens in ihrer Heimat konkret nachweisen. Ja, man lรคge nicht gรคnzlich daneben, wenn man sagte: Japan, das ist der feuchte Traum des Ethnopluralisten โ AfDhausen, nur mit Sushi und Sake.

