Wie die meisten meiner Leser wahrscheinlich mitbekommen haben, jรคhrte sich gestern, am 20. Juli, das Attentat auf Adolf Hitler in der Wolfsschanze, welches von einer Gruppe rund um den Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg geplant und ausgefรผhrt wurde โ erfolglos, wie wir alle wissen. Die gebastelte Bombe detonierte zwar, tรถtete Hitler jedoch nicht, da die Wucht der Explosion durch einen massiven Eichentisch abgefangen wurde. Noch am selben Tag wurden Stauffenberg und viele seiner Mitverschwรถrer verhaftet und hingerichtet.
Das Gedenken an Stauffenberg war schon immer zwiespรคltig: So sah man ihn in der Nachkriegszeit entweder als Verrรคter am deutschen Volke โ inoffiziell zumindest โ oder als Helden, der versuchte, den Tyrannen zu stรผrzen. Heute ist die Dichotomie eine andere: Entweder er wird von Konservativen, Liberalen und Establishment-Linken bewusst in die Tradition der parlamentarischen Demokratie gestellt (wie etwa von Scholz und Merz heute auf Twitter), indem man sein Attentat auf Hitler mit dem Schutz der Demokratie vor Staatsfeinden gleichstellt (das wird zwar nicht explizit gesagt, ist aber sehr wohl so gemeint), oder die Linken (inklusive den linken Flรผgeln von SPD und Grรผnen) kritisieren Stauffenberg dafรผr, dass er kein โrichtiger Antifaschistโ gewesen sei und mit der Demokratie nichts am Hut gehabt habe. Und was sagen wir?
Man muss zugeben: Die Linken sind in diesem Fall ehrlich. Stauffenberg wollte keine Demokratie im heutigen Sinne. Im Gegenteil: Was ihm fรผr Deutschlands Zukunft ohne Hitler vorschwebte, kรถnnte womรถglich an einen traditionalistischen Stรคndestaat erinnert haben โ gesellschaftlich autoritรคr, gewiss, aber keinesfalls totalitรคr; aristokratisch geprรคgt und damit antiegalitaristisch; und: Christlich wรคre dieses Deutschland ebenfalls gewesen. Neben seinen politischen Idealen sollte zudem sein aristokratischer Schneid nicht auรer Acht gelassen werden. Unumstritten ist er dennoch auch unter (Neu-) Rechten nicht: Damit meine ich nicht etwa die Verratsvorwรผrfe irgendwelcher NS-Romantiker, sondern den nicht unberechtigten Vorwurf des Opportunismus. Schlieรlich hat er, wie andere seiner Mitverschwรถrer auch, zu Beginn des NS-Staates Karriere in der Wehrmacht gemacht. Trotz der Verachtung des NS-Pรถbels war Stauffenberg โ รคhnlich wie etwa Hans Scholl โ anfangs durchaus angetan von der nationalsozialistischen Ideologie. Dessen sollte man sich bewusst sein.
Ich muss aber gestehen: Gerade diese Ambivalenz mich an dem Grafen, wie an vielen anderen Widerstรคndlern aus der konservativ-reaktionรคren Ecke. So viele von ihnen hatten sich von der nationalsozialistischen Schlange verfรผhren lassen, ehe sie spรคtestens mit den Grรคueln der Ostfront aufwachten. Jedoch regte sich der Widerstand auch schon vor dem Krieg: Nachdem der Versuch der Clique um Franz von Papen herum gescheitert war, Hitler innerhalb eines Prรคsidialkabinetts zu zรคhmen (1933-34, mit dem โRรถhm-Putschโ 1934 rรคumte Hitler auch feindlich gesinnte Konservative wie Schleicher aus dem Weg), planten einige Militรคrs, den Postkartenmaler im Zuge der Sudetenkrise wegzuputschen.
Deutschland und die Westalliierten standen im September 1938 durch die von Hitler vorangetriebene Zerschlagung der Tschechoslowakei am Rande eines Krieges. Wรคre dieser Krieg ausgebrochen, hรคtten die Verschwรถrer Hitler abgesetzt und Frieden mit den Westmรคchten ausgehandelt, weil sie genau wussten, dass Deutschland einen Krieg auf lange Sicht nicht gewinnen konnte. Unter den Verschwรถrern waren Leute wie Erwin von Witzleben, Wilhelm Canaris, Carl Friedrich Goerdeler oder Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg โ allesamt Beteiligte am Attentats- und Putschversuch vom 20. Juli 1944. Der Grund fรผr das Scheitern der Septemberverschwรถrung war die Appeasement-Politik des britischen Premierministers Neville Chamberlain: Dieser wollte keinen Krieg, sondern gab Hitler nach โ dessen Macht wiederum wurde durch den Erfolg in der Sudetensache gestรคrkt; an einen Putsch war deshalb nicht mehr zu denken.
Was nehmen wir also mit von der Person Stauffenberg? Den Tatendrang, den Mut? Durchaus. Die Courage, die er und seine Mitstreiter aufbrachten, ist vorbildlich, ebenso wie viele der Werte, die sie vertraten. Eine Frage stellt sich mir jedoch: Wann ist Tyrannenmord sinnvoll? Kam das Attentat nicht viel zu spรคt? Hรคtte man Hitler โ aus der Perspektive seiner Zeitgenossen wohlgemerkt โ nicht spรคtestens 1939 mit dem Kriegsbeginn absetzen mรผssen? Und was heiรt das fรผr den politischen Widerstand in der BRD? Kommen wir nicht auch viel zu spรคt? Mag sein. Man hรคtte doch schon 2015 mehr machen mรผssen. Oder 2008. Oder in den 90ern… Fakt ist: Verstecken kรถnnen wir uns nicht mehr. Jetzt mรผssen wir da durch, egal wie โzu spรคtโ es uns erscheint. In Jรผngers โMarmorklippenโ gelingt der Tyrannenmord ja ebenfalls nicht โ und damit der Versuch des Widerstandes. Nun gibt es in unserer Situation keinen wirklichen Tyrannen, und morden wollen wir erst recht nicht, doch was den Widerstand angeht: Vรถllig egal, wie es um uns steht, wie die Situation aussieht, wie tief die โSchwarze Pilleโ auch sitzt โ es muss sein. Es fรผhrt kein Weg daran vorbei, egal ob im Jahre 1944 oder 2022. Wir mรผssen uns auf unsere Weise gegen das heutige System erwehren โ und da kann uns Stauffenberg ein gutes Vorbild sein.
