Netflix hat viel Geld in die Hand genommen, รผberwiegend unbekannte, deutsche Schauspieler rekrutiert und den zeitlosen Klassiker von Erich Maria Remarque verfilmt. Viele von uns lasen den 1929 erschienen Roman ganz oder in Auszรผgen in der 9. oder 10. Klasse – je nach dem wie viel Zeit der Lehrer bzw. Lehrplan dem Thema „Erster Weltkrieg“ einrรคumte. Seit dem Ukrainekrieg wird ja so getan, als sei plรถtzlich jede Auseinandersetzung mit Krieg „so aktuell wie nie“ – wer sich diesem Denken in zeitgeistkonformen Zรคsuren verwehrt, fรผr den war und ist Krieg immer interessant.
Der erste industrialisierte Massenkrieg, verkรถrpert durch seine zahllosen, oft ergebnislosen Materialschlachten, hat seinen popkulturellen Rezeptionen einen speziellen Stempel aufgedrรผckt. Liest oder sieht unsereins etwas รผber den Ersten Weltkrieg, dann erwartet er fรถrmlich dies oder das vorgesetzt zu bekommen. Das kann zum Problem werden, wie wir noch sehen, und Remarques Roman, der mittlerweile in 50 Sprachen รผbersetzt 20 Millionen Mal verkauft wurde, hat zu dieser schablonenhaften Vorstellung sicherlich beigetragen.
Die Handlung des Romans lรคsst sich rasch zusammenfassen: Paul Bรคumer erlebt als deutscher Soldat den Stellungskrieg an der Westfront und nimmt dort an schweren Kรคmpfen Teil. Sturmangriffe und Trommelfeuer wechseln sich mit Erholungsaufenthalten in der Etappe. Der Leser begleitet den Soldaten Bรคumer auf Schritt und Tritt – im Schรผtzengraben, in der Schlange vor der Essensausgabe, ins Lazarett, auf seinem Urlaub in die Heimat. Episodenhaft erinnert sich Bรคumer, wie er und seine Klassenkameraden vom stramm national gesinnten Lehrer dazu motiviert wurden, sich freiwillig zu melden. Man kann also davon ausgehen, dass er, รคhnlich wie Remarque, um das Jahr 1898 geboren wurde und daher um 1915/16 einrรผckte. Darauf kommen wir spรคter noch zurรผck. Jedenfalls, es kommt wie es kommen muss: Ein Kamerad nach dem anderen fรคllt und auch Bรคumers Schicksal ist schlieรlich besiegelt.
„Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daร der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschrรคnkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“
Das besondere an Remarques Roman ist die nรผchterne Sachlichkeit seiner Schilderungen. Es geht in Remarques Buch nicht um Politik, es geht um die einfachen Soldaten, fรผr die der Krieg eine Art Mรผhlentrichter ist. Man hat sie dort hineingeworfen, sie richten sich irgendwie in den Verhรคltnissen ein, aber jeder gerรคt frรผher oder spรคter ins Mahlwerk. Genau das macht das Buch zu einem zeit- und grenzenlosen Klassiker. An dieses Rezept hielten sich die beiden vorangegangenen Verfilmungen von 1930 und 1979, beide in amerikanischen Filmstudios entstanden.
Jetzt kommt Netflix ins Spiel: Der Anfang erinnert an Lord of War, nur dass wir hier nicht dem Weg einer Patrone folgen, sondern dem Recyclungsprozess einer Uniform. Die Idee ist nicht schlecht, aber hier beginnt schon die mit Logiklรผcken gespickte รberzeichnung, die den ganzen Film durchziehen wird. Den gefallenen Deutschen werden die Uniformen ausgezogen, die Stiefel wirft man auf einen Haufen. Rationalisierung von ihrer besonders brutalen Seite. Komischweise macht man sich aber dann wiederum die Mรผhe und sargt die namenlosen Toten ein. Die Sรคrge bestreut man wiederum mit Lรถschkalk. Warum? Egal.
Schnitt, Heimat: Bรคumer und Schulkameraden geben sich kriegsbegeistert und jubeln dem Lehrer zu, dessen Rede fast 1:1 vom Kaiser stammt. Kein Wanken und kein Schwanken bei den jungen Burschen, was stutzig macht, wenn man bedenkt, dass die Netflix-Adaption erst im Jahre 1917 ansetzt. Da tobte der Krieg bereits einige Zeit, da gab man sich in der deutschen Heimat sicherlich nicht mehr so frรถhlich ausgelassen wie im Juli 1914, sondern litt Hunger und betrauerte lรคngst die vielen Opfer.
Bรคumer und seine Freunde erhalten also mit stolzgeschwellter Brust ihre (recycelten) Uniformen und marschieren aus. Ausbildung, Schliff, menschenverachtender Drill – Fehlanzeige! Was der Roman in Rรผckblicken immer wieder aufgreift, um die Transformation vom Zivilisten hin zum Soldaten zu verdeutlichen, fรคllt hier vรถllig unter den Tisch. Stattdessen sitzen die Jungs auf der Lastwagenpritsche in Richtung Westfront und freuen sich. Wieso? Weil man das damals bestimmt so machte. Aha. Lobend will ich hier hervorheben, bevor ich es spรคter vergesse, dass die Schauspieler vom Alter und Aussehen unseren frisch eingezogenen Urgroรvรคtern entsprechen. Aber das war es dann auch schon. Wรคhrend etwa die junge Besatzung, die der Regisseur Wolfang Petersen seinerzeit fรผr „Das Boot“ rekrutierte, aus richtigen Typen bestand, die auch noch die Dialekte ihrer Heimatorte beherrschten, sind Bรคumer und seine Kameraden sehr glatt, sehr weich und sehr austauschbar. Die Dialoge klingen nicht wie 1917, sondern so, wie man sich bei Netflix eben vorstellt, 1917 gesprochen zu haben. Die Actionsszenen wirken stark von Battlefield 1 inspiriert. Man scheint hier eine Liste abgearbeitet zu haben: Flammenwerfer? Check. Feldspaten? Check. Soldat, der sich von einem sehr langsamen Panzer รผberrollen lรคsst? Check.
Viel Dreck, viel Blut, รผberhaupt klebt mindestens eines davon dem jungen Bรคumer stรคndig im Gesicht, aber genauso gut kรถnnte er den gesamten Film รผber auch seine Gasmaske tragen. Es gibt keine Charakterentwicklung, hier wird nicht ein Zivilist zum Soldaten, ein Junge zum Mann, ein Individum mit Hoffungen und Trรคumen zum apathischen Massensoldaten. Mit Bรคumer passiert irgendwie… nichts. Ein paar Kameraden sterben – ich glaube vier – aber bis auf Katczinski („Kat“) bleibt keiner hรคngen. Kat, das ist auch so eine Sache: Kat darf einen Bart tragen, damit er รคlter und erfahrener aussieht. Er lรคsst sich von Bรคumer die Feldpost auf dem Donnerbalken vorlesen, denn aus irgendeinem Grund ist Kat ein dummer Bauer, der nicht lesen kann, was dessen Frau aber nicht daran hindert, ihm zu schreiben.
Das Buch ist voller Schlรผsselszenen, die in den Verfilmungen von 1930 und 1979 weitestgehend aufgeriffen worden sind. Der Netflix Film spart trotz seiner รberlรคnge viel zu viel aus. Keine Ausbildung, kein Heimaturlaub, kein Kontakt zur Familie, kein Besuch des russischen Gefangenlagers, keine romantisch-erotische Beziehung zu Franzรถsinnen, keine Missgunst รผber die vom gefallenen Kameraden vererbten Habseligkeiten. Stattdessen sehen wir, wie sich ein verwundeter Kamerad von Bรคumer mit einer Gabel den Hals aufsticht. Widerwรคrtige Gewaltpornographie, aber den Netflix-Kunden muss schlieรlich etwas geboten werden.
Und dementsprechend dรผnn bleibt dann auch die Adaption der wahrscheinlich berรผhmtesten Szene des Romans: In einem Granattrichter irgendwo im Niemandsland versteckt muss Bรคumer einen franzรถsischen Soldaten erstechen, um nicht entdeckt zu werden. Mit dem Toten ist er รผber Stunden hinweg in diesem Loch gefangen und entwickelt Schuldgefรผhle. Hรคtte man sich Zeit genommen, hรคtte man dieser Szene gerecht werden kรถnnen. Aber Netflix-Bรคumer hat es eilig und klettert kurz nach der traumatisierenden Bluttat aus dem Trichter. Gewaltorgie folgt auf Gewaltorgie, dem Zuschauer ist es schlieรlich egal. So viel sei erstmal zu einem der Handlungsstrรคnge gesagt.
Einem der Handlungsstrรคnge? Welchen gibt es denn noch? Tja. Die in Remarques Roman รผbersichtlich und klar strukturierte Erzรคhlung hat Netflix zerhackt, zusammengekรผrzt und mit einer ordentlich Prise „Politik“ versehen. Neben der Handlung rund um Bรคumer verlaufen nun zwei parallele Strรคnge. Da ist einmal ein an Hindenburg erinnernder General – saukรถpfig, grob, orkisch, also: deutsch – und der beflissene Zentrumpolitiker Daniel Brรผ-… eh, ich meine Matthias Erzberger, der sich anschickt das Vรถlkermorden endlich zu beenden. Der grรถรte Teil der Handlung spielt dann auch in den letzten Tagen und Stunden vor dem Waffenstillstand des 11. November 1918. Wir wissen auch gleich wieso: Der Kampf um Leben und Tod soll eben auch ein Kampf gegen die Zeit sein. Drama! Spannung! Unser Paul Bรคumer wird also nicht, wie in Remarques Roman, irgendwann im Oktober 1918 fallen, sondern 5 vor 12 oder besser gesagt 5 vor 11.
Die Romanvorlage spart die genaue Todesursache und das genau Datum aus – der Krieg hatte sich im Herbst 1918 lรคngst der zeitlichen Dimension entzogen. Das Leben der Soldaten spannt sich auf zwischem dem gefรคhrlichen Dienst in der Stellung und der Erholung in der Etappe. Der Tod ist so banal wie das Anstehen fรผr einen Teller Suppe. Man hofft auf einen Waffenstillstand, aber weiร nicht, wann oder ob dieser jemals kommt. Und selbst wenn, wie soll der anschlieรende Frieden aussehen? Man kennt nur Krieg.

In der 1930er-Verfilmung sah Regisseur Milestone von einem glorreichen Heldentod Bรคumers ab und inszenierte stattdessen ein melancholisches Ende. Viele der Schauspieler und Statisten hatten den Krieg noch selbst erlebt, auch den Zuschauern musste man das Ende nicht erklรคren. Delbert Mann konnte in seiner Verfilmung von 1979 in technischer Hinsicht natรผrlich mehr auffahren. Bรคumers Tod ist kurz und abrupt, die Schlussszene als Ganze ist hervorragend inszeniert. Bรคumer, selbst erst Anfang 20, ist im Herbst 1918 bereits ein erfahrener Veteran. Er stapft durch den verdreckten Graben, inspiziert die Ausrรผstung seiner Kameraden – man ist versucht sie Kindersoldaten zu nennen – und fรคllt in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit. Bumm, zack, im Westen nichts Neues.
Bei Netflix ist es dann die groรe Schlacht, was auch sonst? Der deutsche Orkgeneral, der nichts als Krieg kennt – was wir wissen, weil er uns das zuvor erzรคhlt hat – kann mit dem Waffenstillstand nicht viel anfangen und peitscht sein Regiment zu einem letzten Angriff an. Die Handlung ist aus mehreren Grรผnden einfach nur dumm: Seit dem Sommer 1918 musste sich die deutsche Armee im Angesicht der wachsenden รbermacht der Gegner immer weiter zurรผckziehen. An einen Angriff war รผberhaupt nicht mehr zu denken. Die Soldaten waren sehr schlecht versorgt und litten unter der Spanischen Grippe, Typhus und anderen Krankheiten. Bestenfalls hielt man irgendeine mehr schlechte als rechte Stellung. Auch das Aussehen der Schlachtfelder hatte sich wegen des allierten Vorstoรes verรคndert. Netflix serviert uns eine verwรผstete Mondlandschaft, weil Netflix erwartet, dass wir erwarten, dass das so aussehen muss. Es ist ja schlieรlich der Erste Weltkrieg. Im Filmgeschรคft nichts Neues, aber dennoch enttรคuschend. Und dann diese schmonzettenhafte Inszenierung: Das eine (!) Regiment, das angreift, muss natรผrlich fรผrchterlich dramatisch an einer Art Klippe aufgereiht das vom CGI-Gewitter zerstรถrte Schlachtfeld รผberblicken.
Wird der Angriff irgendwie vorbereitet? Bombardieren deutsche Geschรผtze die franzรถsische Linie? Schleichen Sturmtruppen nach vorne, um den Stacheldraht durchzuschneiden? Nein, der Sturmangriff erfolgt am hellichten Tage mit lautem Geschrei, weil deutsche Orksoldaten das eben so machen. In kurzen Einstellungen sehen wir die Franzosen – politisch korrekt mit einigen auffรคllig platzierten schwarzen Soldaten, schlieรlich ist das eine Netflix-Produktion. Jetzt ist die Sache die: Kolonialtruppen bildeten in der franzรถsischen Armee eigene Einheiten mit eigener Uniformierung. Sie kรคmpften sehr tapfer und wurden, im Gegensatz zu den schwarzen Soldaten der US-Streitkrรคfte, verhรคltnismรครig fair behandelt. Aber es gab nunmal auch innerhalb der franzรถsischen Armee eine Trennung. Historischen Produktionen mรผssen sich an ihrem Umgang mit den historischen Fakten messen lassen.
Zurรผck zum Thema: Der Angriff ist ein einziges Gemetzel. Helm, Feldspaten, Dolch – hauptsache in die Fresse. Literweise Blut muss in der ansonsten blutleeren Produktion flieรen, das ist รผberhaupt eine Unart moderner Filme und Serien geworden. Je weniger der Krieg und seine Schrecken zum Erfahrungshorizont der Filmproduzenten und der zu Kunden verkommenen Zuschauer gehรถren, je mehr muss es spritzen. Bรคumer wird schlieรlich hinterrรผcks vom Bayonett durchbohrt, ungefรคhr auf der Hรถhe, wo bei echten Menschen das Herz sitzt. Aber wรคhrend seine filmischen Vorgรคnger noch tรถdlich getroffen an Ort und Stelle zusammensackten, sucht er sich im Schรผtzengraben einen passenden Platz zum Sterben. Es muss ja gut aussehen. Schlieรlich ist Waffenstillstand. Der Krieg, aber vor allem der Film, ist endlich vorbei.
Fazit: Die Nationalsozialisten verachteten Remarques Werk, weil es aus ihrer Sicht dem Krieg seinen Sinn absprach. Fรผr irgendetwas mussten die Millionen Toten schlieรlich gut gewesen sein. Man war da nicht nur in Deutschland unschlรผssig geworden, sondern auch in allen anderen beteiligten Lรคndern. Selbst in Frankreich stellte sich im Angesicht so vieler Gefallener, Verwundeter und Vermisster keine echte Freude รผber den Sieg ein. Europa war nach den vier Jahren erschรถpft.
Ob man es jetzt mehr mit Remarque hรคlt, der den Sinn des Krieges und seiner Opfer hinterfragte, oder eben Jรผnger schรคtzt, der den Krieg in metaphysischer Hinsicht fรผr sinnstiftend hielt, ist gar nicht so wichtig. Beide Ansรคtze haben ihre Berechtigung allein dadurch, dass beide Autoren wussten, worรผber sie schrieben. Beide Werke sind grausam, weil Krieg eben so ist. Aber sie sind nicht wie die Netflix-Verfilmung auf entwรผrdigende Weise brutal. Der Soldat, ob tot oder lebendig, bleibt letzten Endes ein Mensch. Nicht so bei Netflix. Gefallene Deutsche, das sind am Ende nur abgeknickte Hundemarken.

